Politik

USA drohen mit Grönland-Annexion"Die Kriegsschiffe, die Trump überall sehen will, sind Quatsch"

06.01.2026, 18:13 Uhr
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Dänische Soldaten bei einer Nato-Übung auf Grönland im vergangenen Jahr. Falls die USA Grönland annektierten, wäre das ein Sprengsatz für die Nato, sagt Paul. (Foto: AP)

Trump behauptet, er wolle Grönland aus Sicherheitsgründen annektieren. Arktis-Experte Michael Paul hält diese Gründe für vorgeschoben. An der Sicherheitsarchitektur rund um die Insel habe sich kaum etwas verändert - wohl aber an dem Zugang zu Bodenschätzen dort, sagt er.

ntv.de: In den Gewässern um Grönland gebe es bereits "russische und chinesische Schiffe", die für die USA ein Sicherheitsrisiko darstellen, behauptet US-Präsident Donald Trump. Stimmt das?

Michael Paul: Die Kriegsschiffe, die Trump überall sehen will, sind Quatsch. Schiffe aus Russland und China können bereits seit Langem in die Arktis eindringen. Es hat sich nur wenig geändert. Zum Beispiel befanden sich vergangenes Jahr erstmals mehrere chinesische eisbrechende Schiffe zur gleichen Zeit in der Arktis. Aber das hat keine gravierenden Auswirkungen auf Grönland. Die Russen waren schon immer in den Gewässern unterwegs, daran hat sich nichts geändert.

Warum droht Trump dann mit der Annexion Grönlands?

Weil Trump die Welt wieder einmal nach seinen Wünschen formt. Er behauptet etwas, um eine bestimmte Schlussfolgerung ziehen zu können, nämlich dass er Grönland annektieren muss, was einfach falsch ist. Das war 2019 in seiner ersten Amtszeit falsch und es ist heute ebenso falsch. Es hat sich sicherheitspolitisch nichts geändert, außer dass die Chinesen in den kommenden fünf bis zehn Jahren aktiver im Arktischen Ozean sein werden. Aber das passiert nicht heute, sondern erst übermorgen.

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Michael Paul ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (Senior Fellow) der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Zudem ist er Mitglied des Arktisdialogs des Alfred-Wegener-Instituts und Leiter des Gesprächskreises maritime Sicherheit der SWP. Sein Buch "Der Kampf um den Nordpol" ist eines der Grundlagenwerke über die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Arktis.

Also sehen Sie keine faktischen Gründe für Trumps Forderung?

Es besteht im Augenblick keine Notwendigkeit, verteidigungs- oder sicherheitspolitisch in Grönland etwas grundlegend zu ändern. Die Verträge, die die USA mit Grönland und Dänemark bereits geschlossen haben, ermöglichen alles, was zur Verbesserung der Sicherheit im Augenblick nötig ist. Dazu bedarf es keiner Annexion.

Abgesehen von den Eisbrechern – inwiefern ist China in der Arktis aktiv?

China ist seit 2013 ein Beobachterstaat im Arktischen Rat. Im Weißbuch zur Arktis bezeichnete sich China im Januar 2018 als "naher Arktisstaat", was geografisch etwas gewagt ist. Aber daraus ist abzuleiten, dass China ein unmittelbares Interesse an der Arktis hat. Zudem soll der den Arktischen Ozean im Rahmen der Belt and Road Initiative als polare Seidenstraße dienen.

Und Russland?

Russland ist der größte Staat der Arktis, über 50 Prozent der Küstenlinie sind russisches Staatsgebiet. Präsident Wladimir Putin hat die arktische Zone der Russischen Föderation als nationale Ressourcenbasis bezeichnet. Dort ist der größte Teil der Öl- und Gasvorkommen, die von russischer Seite ausgebeutet und inzwischen vor allem nach Asien verschifft werden. An diesen Ressourcen hat auch Donald Trump ein Interesse. In der Beringstraße, einer Meerenge zwischen Asien und Amerika, gibt es entsprechende Vorkommen. Es ist jedoch teuer, sie zu explorieren und zu fördern. Weder Russland noch China müssen diese Öl- und Gasvorkommen in Grönland abbauen. In Sibirien gibt es reichlich Gelegenheit dazu.

Verändert die Erderwärmung etwas an den Gegebenheiten in der Arktis, etwa durch Abschmelzen der Eismassen?

Der Zugang zu den Ressourcen verändert sich, da sowohl das Eis im Meer als auch im Inland abschmilzt. Ausgebeutete Bodenschätze können tendenziell einfacher transportiert werden, aber nicht in jedem Fall. Eisbrecher sind weiterhin nötig. Denn die Problematik im Arktischen Ozean ist, dass zwar einerseits das Meereis zurückgeht, aber das bedeutet, wie die Kanadier so schön sagen: Less is more ice. Zu Deutsch: Weniger ist mehr Eis.

Wie ist das zu verstehen?

Einerseits gibt es zwar weniger mehrjähriges Eis. Andererseits bewegt sich das einjährige Eis durch das Abschmelzen schneller und ist unsteter. Das einjährige Eis kann sich relativ schnell zu großen Bergen auftürmen, sodass etwa die Nordwestpassage in Zukunft nicht einfacher, sondern schwerer passierbar sein wird. Aufgrund dieser Entwicklung mussten bereits Kreuzfahrtschiffe und Frachter in der Nordwestpassage umkehren. Ein Frachter lief sogar auf Grund.

Ohne Eisbrecher also kein Weiterkommen in der Arktis. Aber Russland hat aufgrund der westlichen Sanktionen Probleme, die Technik für die Eisbrecher zu beschaffen, oder?

Ja. Russland fokussiert sich zwar weiter auf den Bau von großen und starken Eisbrechern. Aber die Russen haben Probleme bekommen. Bevor der Westen Sanktionen verhängte, haben sie Eisbrecher und wichtige Bauteile über Finnland bezogen. In Finnland wurden mehr als 50 Prozent der Eisbrecher gebaut, die weltweit im Einsatz sind. Trumps Amtsvorgänger Joe Biden hat 2024 gemeinsam mit Finnland und Kanada den sogenannten ICE-Pakt geschlossen, in dem die gemeinsame Entwicklung von Eisbrechern vereinbart wurde. Der Pakt wird von Trump in größerem Umfang fortgeführt. Trump spricht inzwischen von sechs Eisbrechern, die für die USA gebaut werden müssen.

Manche Experten warnen vor einer US-Annexion Grönlands pünktlich zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit am 4. Juli 2026. Sie auch?

Nein. Ich würde es für eine fatale Fehlentscheidung halten, falls die USA Grönland annektieren würden.

Halten Sie es dennoch für möglich?

Bei Trump muss man leider alles für möglich halten. Das ist das Problem. Er ist unberechenbar. Und aus seiner Unberechenbarkeit heraus macht er eine Politik, bei der man nichts mehr ausschließen kann.

Sechs europäische Staaten haben die USA gerade in einer gemeinsamen Erklärung deutlich vor einer Annexion Grönlands gewarnt. Was könnten die Europäer tun, um Trump davon abzuhalten?

Was wir bereits machen, ist die richtige Entscheidung, nämlich wieder unsere Verteidigungs- und Abschreckungsbereitschaft herzustellen. Aber das dauert. Und wir sind wie die Ukraine militärisch, vor allem im strategischen Bereich, auf die Amerikaner angewiesen. Insofern haben wir einfach keine Druckmittel. Wir können an die regelbasierte Ordnung und ans Völkerrecht appellieren. Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul verhalten sich zurecht diplomatisch. Die Entwicklung der Lage in Venezuela muss abgewartet werden – da ist längst nicht alles so klar, wie Trump das darstellt.

Falls die USA Grönland dann doch annektieren, würde das anders laufen als in Venezuela?

In jedem Fall würden Trump und seine Regierung dann vor mehreren Problemen stehen. Erstens würde Trump genau das machen, was er in seiner Nationalen Sicherheitsstrategie eigentlich ausgeschlossen hat, denn er würde sich in fremde Angelegenheiten mischen. Nach der Annexion müsste Trump sich in Grönland in "Nation Building" engagieren, also sich um den Aufbau und Erhalt staatlicher Leistungen dort kümmern.

Trump hat dann also Verantwortung?

Es würde nicht reichen, lediglich ein paar Technikmonopolisten oder Bergbaufirmen nach Grönland zu schicken, die dann das Land ausbeuten. Trump müsste sich um die 56.000 Menschen dort kümmern. Und dann geht es im Gegensatz zu Venezuela um den Angriff des führenden Nato-Staats USA auf Dänemark als einen anderen Nato-Staat. Das ist ein Sprengsatz für die Nato, die gegründet wurde, um Verbündete gegen solch aggressives Verhalten zu schützen.

Nicht nur die Nato könnte implodieren. Obwohl sich nun fünf große EU-Länder an die Seite Dänemarks gestellt haben, ist fraglich, ob alle Mitgliedstaaten nach einer Annexion Grönlands tatsächlich fest zu Kopenhagen halten würden. Gibt es da nicht auch eine große Sprengkraft für die EU?

Aufgrund verschiedener Interessen gibt es stets eine Spaltung zwischen den nördlichen und südlichen sowie den östlichen und westlichen Mitgliedstaaten der EU und der Nato. Das erkennt man etwa an der Tatsache, dass sich Spanien dem neuen Ziel der Nato verweigert, fünf Prozent der Wirtschaftskraft für Verteidigung auszugeben. Die Europäer sollten sich aber nicht spalten lassen. Denn genau das will Trump bezwecken: die Spaltung der EU, damit die einzelnen Mitgliedstaaten in künftigen Verhandlungen in einer schwächeren Position sind.

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Bietet die Lage auch Chancen für Brüssel und Berlin?

Es könnten die Möglichkeiten genutzt werden, sich militärisch schneller unabhängig zu machen. Das wäre ganz in Trumps Sinne. Trump hat explizit gefordert, die Deutschen sollten die Führung der Nato in Europa übernehmen. Deutschland verfügt zudem über ein Verbundnetzwerk mit Dänemark, Kanada und Großbritannien, das künftig den Arktischen Ozean sowie die Nord- und Ostsee besser überwachen könnte als zuvor. Deutschland bringt sich in Europa sukzessive in eine bessere, für Trump und die Amerikaner interessantere Lage bezüglich der Sicherheit im arktischen Raum.

Mit Michael Paul sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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