Politik

Reisners Blick auf die Front"Die USA tun das, was sie zuvor den Russen vorgeworfen haben"

05.01.2026, 19:03 Uhr
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Die Verhaftung Maduros sei ein deutliches Signal, dass die USA durch unilaterale Handlungen Fakten schaffen wollten, sagt Reisner. (Foto: picture alliance / abaca)

Für die Ukraine bedeutet die US-Intervention in Venezuela nichts Gutes. Trumps Vorgehen in Caracas könne ein Zeichen für eine Einigung zwischen ihm und Putin sein, sagt Oberst Reisner. So könnten sich Washington und Moskau die Welt in Einflusszonen aufgeteilt haben.

ntv.de: US-Präsident Donald Trump will Venezuela durch die Gefangennahme des Ex-Präsidenten Nicolas Maduro unter Kontrolle bringen. Dient ihm Wladimir Putin als Vorbild, der mit seiner Invasion in die Ukraine ebenfalls die Landkarte nach seinen Vorstellungen ändern will?

Markus Reisner: Die USA tun das, was sie zuvor den Russen vorgeworfen haben, nämlich durch unilaterale Handlungen Fakten schaffen. Mit ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie verdeutlichen die Amerikaner, wie sie die America First Politik verteidigungspolitisch verstehen: Sie wollen durch den Einsatz von militärischen Kräften neue Realitäten schaffen. Trump begründet sein Vorgehen mit der Monroe-Doktrin aus dem 19. Jahrhundert, die er nun Donroe-Doktrin nennt. Demnach betrachtet er sein Einflussgebiet in Mittel- und Südamerika als seinen Spielplatz und steckt seine Forderungen in Bezug auf die westliche Hemisphäre ab.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Was bedeutet das für die Ukraine?

Zum einen rückt der Fokus der internationalen Öffentlichkeit von der Ukraine ab und konzentriert sich auf Venezuela. Zum anderen haben die USA im schlimmsten Fall ein gesteigertes Interesse an einer Befriedung des Angriffskriegs auf Kosten der Ukraine, da sie sich mit Russland geeinigt haben könnten mit Blick auf das Abstecken von Einflusszonen. Trump könnte sich mit Putin über die Aufteilung der Welt geeinigt haben. Die USA würden sich dann auf Mittel- und Südamerika fokussieren und die weitere Peripherie wie etwa Grönland. Trump und seine Anhänger haben nicht zufällig ihren Anspruch erneuert, die Kontrolle über Grönland erlangen zu wollen. Das wiederum könnte China ermutigen, seinen Anspruch auf Taiwan gewaltsam durchzusetzen.

Trumps Idee dahinter wäre also: Die USA sichern sich Nord-, Mittel- und Südamerika. Dafür bekommt Russland grünes Licht für die Einnahme der gesamten Ukraine - und China darf sich ungestraft Taiwan einverleiben?

So unglaublich dies klingt, aber das wäre ein möglicher Verdacht. Obwohl das, um ehrlich zu sein, bereits sehr weit gegriffen erscheint, vor allem was einen möglichen Angriff Chinas auf Taiwan angeht. Nach wie vor sehen die USA in China den eigentlichen Rivalen um die Weltherrschaft. Und Trump versucht immer wieder, Russland aus Chinas Umklammerung zu lösen. Er hatte Putin deshalb beim Gipfel in Alaska angeboten, die Nordpolarregion gemeinsam zu explorieren und auszubeuten - ohne China.

Wie ist die US-Intervention in Venezuela in diesem Zusammenhang zu bewerten?

Den USA geht es um die Kontrolle über das weltweit größte Ölvorkommen, das auch eine geostrategische Rolle spielt. Denn Venezuela ist wichtig für die chinesische Ölversorgung. Man nimmt an, dass viel Öl aus Venezuela nach China verkauft wurde, unter anderem über die Straße von Malakka. Falls das venezolanische Öl künftig nur noch in die USA verkauft wird, bleibt China nur noch Russland als kooperationswilliger Großlieferant. Die Abhängigkeit Chinas von Russland würde damit zunehmen.

Damit wäre Russland dann gestärkt gegenüber China - ist das in Trumps Sinne?

Nicht unbedingt. Eher wollen die Vereinigten Staaten China und Russland zugleich schwächen - und teilweise könnte ihnen das durch die Intervention in Venezuela gelingen. Denn der Ölpreis ist deshalb bereits gefallen. Sollte er weiter stark sinken, würde das Putins Regime wirtschaftliche Schmerzen bereiten. Zudem muss sich China künftig mit den USA arrangieren, will es weiter auf die venezolanischen Ölvorkommen zugreifen. Peking soll Caracas, teilweise noch unter der Regierung von Hugo Chávez, 100 Milliarden US-Dollar an Krediten gegeben haben - ein Investment dieser Größe will niemand einfach so aufgeben.

Mal aus rein militärischer Sicht: Überfordern sich die USA nicht, wenn sie in den Amerikas ihre Vorherrschaft ausbauen wollen, zugleich Israel und den Indopazifik im Blick behalten müssen und Kiew weiter gegen Moskau stützen?

So ist es. Möglicherweise haben die USA realisiert, dass sie in dieser Welt nicht mehr unilateral den Ton angeben können. Aber sie wollen in bestimmten Teilen der Welt absolute Dominanz ausüben. Und sie wollen im Ringen mit anderen Großmächten in einer multipolaren Welt zumindest generellen Einfluss haben, beziehungsweise, wenn möglich, den Ton angeben, das ist das Entscheidende. Falls die USA bei dieser Strategie bleiben, würden sie militärisch nur noch dann rasch intervenieren, wenn sich etwas in ihrem Hinterhof in der westlichen Hemisphäre abspielt. In allen anderen Bereichen akzeptieren sie dann die Vorherrschaft anderer Mächte. So ist auch Trumps Verweis auf die Monroe-Doktrin zu verstehen.

Die Monroe-Doktrin beruhte im 19. Jahrhundert auf Gegenseitigkeit – beide Seiten ließen sich damals in Ruhe. Den USA gehörten demnach die Amerikas, während der Rest der Welt Europa überlassen blieb. Trump lässt die Europäer jetzt aber nicht in Ruhe. Stattdessen mischt er sich ein, indem er rechtspopulistische Politiker feiert oder gegen EU-Gesetze wettert.

Richtig. Man muss die Monroe-Doktrin in der Einordnung ihrer Zeit sehen. Die Doktrin wurde von den Europäern damals belächelt, weil sie im Gegensatz zu heute den USA noch militärisch überlegen waren. Erst in den Jahren danach, als die USA stärker wurden, kam es tatsächlich zur Umsetzung. Europa ist im Vergleich zu damals nun ein Schatten seiner selbst.

Deshalb müssen sich die Europäer von Trump mobben lassen?

Wie überfordert die Europäer sind, sehen wir auch in den ersten europäischen Reaktionen auf die Ereignisse in Venezuela. Es bleibt bei reinen Appellen an die USA und der Aufforderung zur Mäßigung. Dahinter steht aber nichts. Da Europa für die eigene Verteidigung von den USA abhängt, kann es seine moralischen Überzeugungen realpolitisch nicht umsetzen. Die USA wiederum nutzen jede Schwäche aus, um in Europa Regierungen an die Macht zu bringen, die eher proamerikanisch, aber vor allem pro Trump sind. Es ist nur ein Beispiel für den Versuch, in einer multipolaren Welt weiter Einfluss auszuüben oder eben den Ton anzugeben.

Was sollten europäische Politiker angesichts der aktuellen Entwicklungen tun?

Die Europäer müssen aufwachen, die eigene Rolle realistisch einschätzen und basierend auf dieser Einschätzung über notwendige, oft sogar schmerzhafte Handlungen entscheiden. Wenn wir jetzt wieder zum Teil im 19. Jahrhundert angekommen sind und sich kaum jemand um internationales Recht schert, muss Europa bereit sein, militärische Macht zu entwickeln. Es geht nicht um Aggression, sondern um Abschreckung gegenüber Großmächten. Die Mächte, die jetzt versuchen, die Welt neu zu ordnen, dürfen nicht auf die Idee kommen, sich Stück für Stück Teile aus Europa herauszureißen, weil sie davon ausgehen, dass die Europäer rein gar nichts dagegen tun können, außer vollmundig zu erklären, dass man dies unterlassen sollte. Bislang rüstet Europa zu langsam auf.

Werfen wir einen Blick auf die Ukraine. Wie ist die Situation dort am Jahresanfang?

Die Ukraine greift Russland verstärkt aus der Luft an. Laut einem Medienbericht soll die CIA die Ukraine in den letzten Monaten im großen Stil unterstützt haben. Hierbei sieht man wieder einen Versuch Trumps, Druck auszuüben und mitzumischen, ohne unmittelbar zu intervenieren. Die Ukraine führt nun fast täglich Luftangriffe auf Russland durch, oft mit bis zu 100 Drohnen. Zumindest sind das die Zahlen, die Russland meldet. Die Ergebnisse sind noch nicht messbar, es gibt aber diese konstante und schleichende Wirkung auf die russische Wirtschaft durch den Wegfall der Exporte von Erdölprodukten.

Schlägt Moskau zurück?

Ja, die Russen haben ihre Angriffe ebenfalls gesteigert. Seit Anfang November gab es neun schwere Luftangriffe mit bis zu 600 Drohnen. Einige davon wurden in den vergangenen Tagen durchgeführt, dabei wurden jeweils bis zu 200 Drohnen eingesetzt. Kiew wollte die Produktion von Abfangdrohnen ausweiten. Allerdings beginnt Moskau seine Drohnen jetzt so technisch ausstatten, dass diese die Abfangdrohnen blenden können. Es ist ein Katz und Maus Spiel. Daran sieht man, wie schwer die Ukraine sich tut mit der Flugabwehr.

Können die russischen Luftattacken nicht mehr abgefangen werden?

Vergangenes Jahr wurden mehr als 2000 Raketen wurden von der Russischen Föderation auf das Gebiet der Ukraine abgefeuert, davon wurden mindestens 1100 abgeschossen. Zudem wurden in dem gesamten Jahr mehr als 54.000 Angriffsdrohnen wurden gegen die Ukraine eingesetzt, von denen mindestens 46.000 abgefangen wurden. Während die Abschlussrate also bei den Drohnen relativ groß ist, ist sie bei den Raketen sehr gering. Die Raketen treffen also meist ihre Ziele.

Wie sieht es bei den Geländegewinnen der Russen aus?

Neutralen Quellen zufolge haben die Russen circa 4400 Quadratkilometer ukrainisches Territorium letztes Jahr besetzt. Die Russen sprechen von 6200, die Ukrainer von knapp 4000 Quadratkilometern. Insgesamt sind 116.165 Quadratkilometer ukrainischen Landes von Russland besetzt. Das sind 19,25 Prozent des gesamten Territoriums oder jeder fünfte Quadratkilometer. Mit den Grauzonen ist die Zahl sogar noch höher. Trump sprach kürzlich von bis zu 25 Prozent. Die Russen behalten also die Initiative und schreiten allmählich voran. Die Ukraine schafft Verzögerungen des Vormarschs, aber nur punktuell.

Wo toben momentan besonders schwere Kämpfe?

Im Mittelabschnitt ist der strategisch wichtige Knotenpunkt Siwersk gefallen. Es gibt Befürchtungen, die Russen könnten von dort stetig Richtung Westen vormarschieren. Jedenfalls bauen die Russen ihre Kräfte dort weiter aus, während die Ukraine in einem Wettlauf versucht, die Verteidigungsstellungen auszubauen. Die Stadt Pokrowsk, ebenfalls im Mittelabschnitt der Front gelegen, ist laut russischen Bloggern komplett eingenommen. Es gibt aber noch Gefechte im Nordteil der Stadt. Videos zeigen dies deutlich. Die Ukraine hat immer wieder versucht, Gegenangriffe durchzuführen.

Wo sind weitere Hotspots?

Dazu kommen noch die Hotspots bei Konstantinowka, etwas weiter im Norden von Pokrowsk. Auch Kupjansk ist hart umkämpft. In Kupjansk hat es die Ukraine geschafft, durch Gegenangriffe fast 75 Prozent der Stadt zurückzuerobern. Als Reaktion darauf ziehen die Russen dort nun verstärkt weitere Kräfte zusammen. Auch im Nord- und Südabschnitt wird heftig gekämpft. Das bald vierte Kriegsjahr setzt sich mit unverminderter Heftigkeit fort.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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