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Türkische Bodenoffensive in Syrien Erdogan setzt auf eine gefährliche Strategie

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Die geschwächte türkische Armee greift in Syrien ein.

(Foto: dpa)

Es wirkt wie ein wohl kalkulierter Doppelschlag: Mit der Intervention in Syrien verbannt die Türkei den IS von der Grenze und verhindert den Aufbau eines Kurdenstaates. Doch die Strategie ist auch ein Produkt der Angst - und birgt Risiken.

Die Mission heißt: "Schutzschild Euphrat". Um vier Uhr in der Nacht beginnt die Türkei Medienberichten zufolge, Stellungen des Islamischen Staates (IS) in der syrischen Stadt Dscharabulus mit Haubitzen und Raketen anzugreifen. Um 5.55 Uhr überqueren türkische Spezialeinheiten demnach die Grenze und markieren Ziele für aufsteigende F16 Kampfjets. Um 11.07 Uhr beginnen auch türkische Panzer ihre Operation in Syrien. Noch in den Morgenstunden sind mehrere hundert Raketen und Bombeneinschläge zu hören. Erste Meldungen von eroberten Ortschaften machen die Runde.

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Der türkische Präsident will "dieses Problem lösen".

(Foto: AP)

Warum greift die Türkei jetzt so massiv in den ohnehin schon komplizierten syrischen Bürgerkrieg ein? Und was bedeutet diese Intervention?

Eine besondere Stärke der türkischen Armee ist sicherlich nicht der Grund für den Zeitpunkt des Angriffs. Nach dem gescheiterten Putsch von Teilen der Streitkräfte und einer gewaltigen Verhaftungs- und Suspendierungswelle gilt das türkische Militär als geschwächt.

"Syrien ist der Grund, warum wir Terror von Daesh und der PYD ausgesetzt sind", erklärt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. "Wir müssen dieses Problem lösen." Daesh ist eine abfällige Bezeichnung für den IS. Bei der PYD handelt es sich um die organisierten Kurden in Syrien, die Ankara mit der als Terrororganisation eingestuften Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, in der Türkei gleichsetzt.

Ankara betreibt "aktivere" Syrienpolitik

Dass die Türkei dafür Bodentruppen einsetzt, ist eine Überraschung. Nicht jedoch, dass sie jetzt interveniert. Für den verheerenden Anschlag auf eine Hochzeit im grenznahen Gaziantep machte Ankara den IS verantwortlich. Wieder einmal. Kaum ein Land musste im vergangenen Jahr so herbe zivile Verluste verkraften wie die Türkei. Die Zeiten, in denen Ankara sich vorwerfen lassen muss, den IS in Syrien gewähren zu lassen und ihm Schutzräume in der Türkei zu bieten, sind endgültig vorbei.

Ankara kündigte bereits am Wochenende eine "aktivere" Syrienpolitik an und sprach wenig später davon, das gesamte Grenzgebiet vom IS zu befreien.

Erdogan geht es aber nicht nur um den IS. Der bestimmende Faktor in Ankaras Syrienpolitik ist die Kurdenfrage. Kräften der YPG/YPJ, den bewaffneten Einheiten der Kurden in Syrien, ist es in diesem Monat gelungen, Manbidsch, das nur rund 30 Kilometer von Dscharabulus entfernt liegt, vom IS zu befreien.

Für die Regierung in Ankara ist es eine Horrorvorstellung, dass es den kurdischen Truppen gelingen könnte, bis an die türkische Grenze vorzustoßen. Die syrischen Kurden besetzen drei selbstverwaltete Regionen an der türkischen Grenze: Afrin im Nordwesten Syriens, Kobane in der Mitte und Quamischli im Osten. Sie wollen diese Provinzen verbinden, sie sehnen sich nach einem eigenen Staat. Ankara fürchtet, dass dieser auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden in der Türkei befördern könnten.

Eine alles andere als ausgeklügelte Strategie

Noch vor dem eigentlichen Beginn der Operation "Schutzschild Euphrat" griff die Türkei deshalb die Region um Manbidsch mit Artillerie an. Aus Regierungskreisen hieß es, man wolle einen Korridor für türkeinahe Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) schaffen.

Angeblich wurden rund 1500 Männer ins türkische Karkamis gelassen, um sich von dort aus an der Offensive auf Dscharabulus zu beteiligen. Ankara verfolgt offenbar die Strategie, die Stadt am Euphrat freizukämpfen, um sie dann von der Türkei wohlgesonnenen FSA-Kämpfern kontrollieren zu lassen. So wären zugleich der IS verbannt, und ein Keil zwischen den kurdischen Provinzen gesichert.

Doch die Aktion wirkt nur auf den ersten Blick wie ein ausgeklügelter Doppelschlag. Tatsächlich lässt sich die türkische Regierung vor allem von ihren Ängsten treiben, der Angst vor dem IS und vor allem der PKK. Offensichtlich nimmt die Türkei in Kauf, neue Konflikte mit den anderen Spielern im syrischen Bürgerkrieg zu befördern.

Man könnte der türkischen Regierung durchaus zugestehen, dass sie versucht hat, die Intervention diplomatisch vorzubereiten. In den vergangenen Wochen vollzog Ankara eine fundamentale Kehrtwende in der Syrien-Politik. Erst näherte sich die Türkei wieder Russland an, dann dem syrischen Präsidenten Baschar al Assad. Plötzlich hieß es aus Ankara, der eigentlich verhasste Diktator könne als Interimsstaatschef in einem Friedensprozess im Amt bleiben. Ankara verwies gar auf gemeinsame Interessen mit Assad. Dessen Truppen gerieten in der vergangenen Woche heftig mit kurdischen Kämpfern in der Stadt Hassaka aneinander. Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagte: Auch die syrische Regierung habe nun verstanden, dass die Kurden eine Bedrohung seien.

PYD: "Die Türkei ist im syrischen Sumpf"

Von Einvernehmen kann nach dieser Neupositionierung, die in sich nicht einmal konsistent ist, aber kaum die Rede sein. Zwischen Ankara und Moskau besteht nur ein Zweckbündnis zweier Staaten, die sich vom Westen nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Und Moskau lehnt für gewöhnlich alle Interventionen ab, wenn es nicht gerade die eigenen sind. Was Assad angeht, hat die Türkei zwar deutlich gemacht, dass sie ihn für eine Übergangszeit erträgt, aber auf keinen Fall selbst mit ihm verhandeln will. Innenpolitisch wäre diese Kehrtwende im Umgang mit dem lange verteufelten Diktator sonst kaum zu erklären. Und auch mit dem Streben um die Vormacht in der Region ist es kaum zu vereinbaren, Assad ernsthaft zu dulden.

Und so verwunderte es nicht, dass sich prompt auch der syrische Außenminister zu Wort meldet und die Intervention der Türkei einen Bruch der syrischen Souveränität nennt. Auch wenn Damaskus sich nicht überschätzen und gegen einen Nato-Staat vorgehen wird, kommt der Einmarsch türkischer Truppen in Syrien zumindest theoretisch einer Kriegserklärung nahe. Dass ist letztlich ja auch der Grund, warum aus den Schutzzonen für Flüchtlinge in Syrien, die etliche Staaten forderten, bis heute nicht geworden ist.

Ankaras Intervention dürfte auch auf Kosten der ohnehin schwer angeschlagenen türkischen Beziehungen zum Westen gehen. Insbesondere die USA dürften zwar goutieren, dass die Türkei nun so beherzt gegen den IS vorgeht. Die Offensive gegen die Islamisten in Dscharabulus ist angeblich nicht nur mit Washington abgestimmt. Offenbar liefern US-Kampfjets den türkischen Truppen auch Deckung. Nicht einverstanden kann Washington aber damit sein, wenn Erdogan wie angekündigt auch gegen die PYD und ihre Kämpfer vorgeht. Die sind für die USA der wichtigste Verbündete auf syrischem Boden. Ihr Vertrauen darin, dass Washington in ausreichendem Maße auf Ankara einwirken kann, um eine Konfrontation zu verhindern, ist bei ihnen offensichtlich gering. "Die Türkei ist im syrischen Sumpf", schrieb der Co-Vorsitzende der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim, auf Twitter. "Wird besiegt werden wie Daesh." Dass sich türkische Truppen und die eng mit den USA verbundenen Kurden zwischen Dscharabulus und Manbidsch nun sehr nahekommen könnten, ist gefährlich.

Quelle: n-tv.de

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