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Berlin Tag & MachtErst Gaza, dann der Abspann: Die Berlinale wird zum Gesinnungstribunal

19.02.2026, 09:27 Uhr MARIE-VON-DEN-BENKEN-N-TV-LIZENZFREIE-BILDER-01Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Ethan Hawke wollte in Berlin über seinen Film sprechen - und nicht die Schuldfrage in Nahost entscheiden. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Redet auf der Berlinale eigentlich noch jemand über Filme? Schafft Kunst Diskursräume oder bildet sie nur noch Tribunale? Warum stilisieren wir Schauspieler zu Welterklärern? Natürlich nicht alle. Nur die, deren Meinung die "richtige" ist - was im Fall von Gaza ja sehr simpel ist, wie man weiß. Oder?

Kunst war immer eine starke Kommunikationsform. Sie öffnet Türen zu Gedanken, die dem Betrachter anders womöglich nie kämen. Das macht sie unersetzlich. Auch für die Einordnung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Pablo Picasso beschrieb das einst so: "Kunst ist die Lüge, die es uns ermöglicht, die Wahrheit zu erkennen."

Auch Film ist eine Kunstform. Durch den Triumphzug der Streaming-Dienste heute eine der wichtigsten. Legt man die Bewertungskriterien großzügig aus, ist somit irgendwie auch die Berlinale Kunst. Damit hat sie die Aufgabe, Emotionen zu wecken, zum Nachdenken anzuregen, Perspektiven zu erweitern, als gesellschaftliches Korrektiv zu wirken und Diskurse zu ermöglichen. Was wir aktuell auf der 76. Berlinale erleben, hat mit Kunst jedoch wenig zu tun. Das liegt nicht an fehlender Beitragsqualität. Vielmehr haben einige von ihrer eigenen Unfehlbarkeit beseelte Pressevertreter die Berlinale okkupiert und zur Haltungsarena für Gesinnungsrhetoriker umfirmiert.

Meinungsfreiheit? Natürlich - solange es meine Meinung ist!

In jeder Pressekonferenz, und davon gibt es im Festivalverlauf viele, sitzen als Journalisten getarnte Tugendaktivisten und nötigen jeden Schauspieler, sich umgehend zur Situation in Gaza zu äußern. Die waren ursprünglich gekommen, um über Filme zu sprechen. Jetzt müssen sie schnell eine Meinung aufsagen, die sich mit der des Fragestellers unbedingt decken sollte. Andernfalls, so will es das Gesetz des angewandten Meinungspluralismus, droht der orchestrierte Shitstorm. Die mit viel Tagesfreizeit ausgestattete Fanbase wartet nämlich bereits euphorisch darauf, inszenierte Empörungswellen durch die Jauchegruben ihrer Social-Media-Realität zu peitschen.

Dabei darf Kunst auch lustig sein. Im Blockbuster "Notting Hill" etwa landet ein von Hugh Grant gespielter Buchhändler unvorbereitet auf einer Film-Presseveranstaltung. Um nicht aufzufliegen, fragt er, warum im Film so wenige Pferde vorkämen. Die Antwort "Vor allem, weil der Film komplett im Weltraum spielt" sorgte in den Kinosälen zuverlässig für Schenkelklopfer. Ähnlich zusammenhanglos ist es, wahllos Schauspieler zur Zwangssolidarität mit ihrer Definition des Nahostkonflikts zu drängen. Doch das ist Alltag auf der Berlinale. Nur, dass nicht Hugh Grant die Fragen stellt und es auch sonst wenig zu lachen gibt.

Demut statt Gesinnungsrhetorik

Ethan Hawke zum Beispiel ist für seinen neuen Film "The Weight" hier. Der erzählt von Häftlingen, die einen Goldschatz durch die Wildnis von Oregon schmuggeln, und hat also mit dem Thema Israel/Gaza etwa so viel zu tun wie Markus Söder mit Veganismus. Trotzdem wird auch er gnadenlos angewiesen, sofort zu erklären, warum "auf der Berlinale so wenige palästinensische Stimmen gehört" würden.

Nun ist Ethan Hawke ein höflicher Mensch und gehört in einer Industrie mit dem durchschnittlichen Bildungsgrad eines Bundesligaprofis zu den eher gut informierten Branchengrößen. Für ihn ist nicht entscheidend, ob man Israels Vorgehen kritisiert oder verteidigt, sondern dass Schauspieler keine moralischen Pressesprecher der Weltpolitik sind. Also antwortet er höflich, respektvoll und reflektiert, dass wir alle dafür sorgen sollten, dass jedes Kind auf der Welt ein gutes Leben führen kann, aber dass er auch "das Gefühl habe, dass Ihre Frage eine gewisse Agenda verfolgt, die sich von meiner Agenda unterscheidet".

Außerdem ergänzt Hawke, warum er sich schwer damit tut, dass ausgerechnet Schauspieler immer wieder nach ihrer politischen Meinung gefragt werden: "Man hält uns zwar oft ein Mikrofon vor das Gesicht, das macht uns aber nicht zu großen Denkern!" Diese Erkenntnis teilen leider nicht viele seiner Kollegen. Einige davon sind von ihrer politischen Brillanz offenbar so überwältigt, dass sie mal wieder einen offenen Brief verfassen mussten. Meinungs-Superspreader wie Javier Bardem oder Tilda Swinton, die inzwischen mehr offene Briefe verfasst haben, als ihre Filme Zuschauer haben, zeigen sich darin "bestürzt über die Zensur von Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen ablehnen".

Ach so. Da halte ich es spontan mit dem großartigen Benjamin von Stuckrad-Barre, der zum Offene-Briefe-Wahn des Kulturbetriebs kürzlich sagte: "Wenn du mit Didi Hallervorden am Brandenburger Tor stehst und meinst, irgendwas über Genozid erzählen zu können - dann war's das mit deiner Kunst."

Hollywoods Selektivpazifismus erreicht Berlin

In ihrer stark selektivpazifistischen Wahrnehmung befassen sich die Offene-Briefe-Schreiber nicht mit der Frage, ob in Gaza tatsächlich ein Völkermord stattfindet. Für einen Genozid braucht es mehr als moralische Empörung - nämlich den Nachweis systematischer Vernichtungsabsicht. Da Israel seit Kriegsbeginn tonnenweise Nahrungsmittel, Medizin und Hygieneartikel liefert, deren Verteilung optimiert, Gaza weiterhin mit Strom und Wasser versorgt und eine großflächige Polio-Impfkampagne für Kinder möglich macht, wird es vermutlich schwer, eine solche Vernichtungsabsicht gerichtsfest darzulegen. Mal ganz unabhängig davon, dass auch die auf menschliche Schutzschilde und militärische Nutzung von Krankenhäusern basierende Verteidigungstaktik der Hamas ihren Beitrag zur Situation der Zivilisten in Gaza leistet.

Am Ende wird es viele Expertenmeinungen geben und vermutlich sogar irgendwann offizielle Urteile. Bis dahin muss jeder die Frage für sich selbst beantworten. Javier Bardem und seine Offene-Briefe-Armada haben das bereits erledigt. Und doch bleibt die viel interessantere Frage: Glaubt diese pathosverliebte Selbstbeweihräucherungsclique ernsthaft, ihre von vielen als Antisemitismus gelesene, gebetsmühlenartige Dämonisierung des Staates Israel würde den leidenden Menschen in Gaza in irgendeiner Form helfen?

Wo ist eigentlich Michael Wendler?

Auf jeden Fall sorgt es aber dafür, dass viele Menschen sich mit Objektivität schwerer tun als Carolin Kebekus mit der Frage, wo die Spendengelder der von ihr beworbenen Kampagne "Wie viel Macht 1 Euro?" verblieben sein könnten. Und so reagiert das "From the River to the Sea"-Ethos-Orchester sogar auf die moderaten Worte von Ethan Hawke reflexartig, als hätte er sich nicht möglichst neutral einem oktroyierten Bekenntniszwang entzogen, sondern gesagt: "Palästina ist eine Erfindung von Jassir Arafat, also bombt Gaza einfach komplett weg".

Von diesem Umgang mit Hawke ist es dann auch nicht mehr weit bis zur ersten Pressekonferenz, auf der sich Michael Wendler als Reporter des Fachmagazins "XNN" ("Xavier Naidoo News") vorstellt und alle Schauspieler fragt, was sie denn wohl dazu sagen, dass inzwischen 40 Milliarden Menschen an Nebenwirkungen der Corona-Impfung verstorben sind.

Mittlerweile hat man ja Angst, morgens beim Bäcker zwei Dattelbrötchen zu bestellen, weil in der Schlange hinter dir jederzeit ein feindmarkierungsbesessener Turbopazifist stehen könnte, der plötzlich "Palästinenser haben Datteln erfunden, aber Israel hat sie geklaut!" brüllt und dich auffordert, doch auch mal was zur Besetzung im Westjordanland zu sagen. Anschließend zahlt er seinen 6,80-Euro-Latte-Macchiato mit seinem 1450-Euro-iPhone, schnappt sich sein "Nieder mit dem Kapitalismus!"-Pappschild und entschwindet auf die nächste Pflicht-Demo für Humanitäts-Darsteller.

Vor diesen moralinsauren Haltungsdogmatikern ist inzwischen niemand mehr sicher. Selbst diese Sache mit dem Jesuskind würde heute vermutlich aus dem Ruder laufen. Drei fremde Männer, die ungefragt im Kreißsaal auftauchen und der Geburt einer ihnen unbekannten Frau beiwohnen, das liegt auf der zeitgenössischen Übergriffigkeits-Skala nur hauchdünn hinter "warum hat sie auch einen so kurzen Rock getragen?" Wollen wir es wirklich so weit kommen lassen? Oder dürfen wir gelegentlich einfach nur mal über einen guten Film sprechen, ohne von Befindlichkeits-Ultras drangsaliert zu werden?

Quelle: ntv.de

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