Jimmy Lai in Hongkong in Haft"Es ist offensichtlich ein Todesurteil"

Im Februar verurteilt ein Gericht in Hongkong den Verleger Jimmy Lai zu 20 Jahren Gefängnis. Er soll gegen ein sogenanntes Sicherheitsgesetz verstoßen haben, das Peking als Reaktion auf Massenproteste in Hongkong durchgesetzt hatte. Lai hat einen britischen Pass - Großbritannien sieht den Fall als politisch motiviert und fordert seine Freilassung.
Lai ist einer der bekanntesten Aktivisten der Hongkonger Demokratiebewegung, die von den Behörden mit massivem Druck faktisch zum Erliegen gebracht wurde. Die von ihm gegründete Zeitung "Apple Daily" musste 2021 nach einer Polizeirazzia schließen. Lai ist seit Ende 2020 in Haft, weil er bereits in anderen Verfahren verurteilt wurde. Sein Sohn Sebastien kämpft für die Freilassung. Im Interview spricht er über Europas Umgang mit China, Trump - und was ihm Hoffnung macht.
ntv.de: Wie geht es Ihrem Vater?
Sebastien Lai: Leider hat sich sein Gesundheitszustand ziemlich verschlechtert. Er ist 78 und seit fünf Jahren in Haft. Wir alle kennen jemanden in diesem Alter, Ende 70, Anfang 80. Steckt man diese Person in eine Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis, ein kleiner Betonkasten von etwa 5,5 Quadratmetern, ohne Austausch mit anderen Menschen, schadet das der Gesundheit. Mein Vater hat Herzprobleme. Seine Fingernägel fallen aus. Seine Zähne verfaulen. Er kam schon mit Diabetes ins Gefängnis. Mir gibt es ein wenig Kraft, dass er mental und spirituell immer noch sehr stark ist. Er ist Katholik. In dieser Situation ist seine Religion eine sehr wichtige Stütze. Aber es sieht nicht gut aus.
Hat er keinen Kontakt zu anderen Gefangenen?
Er ist in Isolationshaft, das heißt für 23 Stunden und 10 Minuten am Tag ist er allein in der Zelle. Die restlichen 50 Minuten darf er draußen Sport treiben, aber auch dort ist es überdacht, sodass er nur sehr wenig Sonnenlicht sieht. Und er trainiert allein. Vier Mal im Monat bekommt er Besuch.
War das Urteil zu erwarten? Wie haben Sie es aufgenommen?
Natürlich ist es herzzerreißend, auch wenn es zu erwarten war. Die Lebenserwartung für Männer in Hongkong liegt, glaube ich, bei 83 Jahren - für Männer, die nicht im Gefängnis sitzen. In 20 Jahren wird mein Vater fast 100 sein. Es bricht mir das Herz, das zu sagen, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt 10 Prozent davon absitzen könnte. Es ist offensichtlich ein Todesurteil. Ein Lichtblick war die Reaktion meines Vaters, als das Urteil verkündet wurde: Er war stoisch und schaffte es sogar zu lächeln. Fast so, als wollte er den Verantwortlichen sagen, dass sie zwar seinen Körper gefesselt haben, aber nicht seinen Geist. Und dass er weiß, dass er das Richtige getan hat. Als Sohn macht mich das sehr stolz.
Wann haben Sie ihn zuletzt persönlich gesehen?
Vor fünf Jahren, Ende 2020, bevor er verhaftet wurde. Ich war damals nicht in Hongkong. Als das passiert ist, wusste ich, dass es für mich nicht sicher war, zurückzugehen. Seitdem setze ich mich für ihn ein.
Ihr Vater hat einen britischen Pass.
Er hat nur die britische Staatsbürgerschaft. Das entspricht tatsächlich der Taktik der Kommunistischen Partei Chinas: Sie behaupten, er sei Chinese, weil er in China geboren wurde. Aber er hat keine chinesischen Papiere. Er kam mit 11 oder 12 nach Hongkong, damals noch eine britische Kolonie. Tatsächlich durfte er wegen seiner prodemokratischen Haltung 30 Jahre lang nicht einmal nach China zurückkehren.
2024 hat der britische Premier Keir Starmer gesagt, Lais Freilassung sei eine Priorität der Regierung. Trotzdem hat Großbritannien unlängst die Pläne für den Bau einer riesigen chinesischen Botschaft in London genehmigt. Starmer war gerade in China. Hat Großbritannien genug getan?
Großbritannien spricht von einer Normalisierung der Beziehung. Aber wir werden niemals normalisieren, was meinem Vater widerfahren ist. Er hat sich für so viele Werte eingesetzt, auf denen dieses Land gegründet ist, wie Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit. Wenn wir über eine Normalisierung sprechen, wäre dann nicht der erste Schritt, meinen Vater freizulassen? Sein Fall ist der ultimative Lackmustest für die britisch-chinesischen Beziehungen. Tatsächlich ist er der ultimative Lackmustest für einen Großteil der freien Welt und die Beziehung zu China. Denn meinen Vater freizulassen hieße, einen 78-jährigen Mann in schlechter Gesundheit in ein Flugzeug zu setzen und nach London zu schicken - das ist für Hongkong und China eigentlich ganz einfach. Wenn sie nicht einmal bereit sind, etwas so Einfaches zu tun, was können wir dann überhaupt von der Beziehung zu China erwarten? Der Premierminister hat gesagt, dass er den Fall meines Vaters angesprochen habe. Aber es muss mehr getan werden.
Sollten andere demokratische Regierungen wie Deutschland mehr tun?
Dafür wäre ich unglaublich dankbar. Die Geschichte meines Vaters erinnert uns alle daran, wie hoch der Preis ist, für das Richtige einzustehen. Deutschland wurde auf vielen der Freiheiten aufgebaut, für die mein Vater eingetreten ist. Wir sind sehr dankbar, dass Deutschland als Teil der G7 die Freilassung meines Vaters gefordert hat. Aber ich hoffe, dass noch mehr getan wird, denn sonst werden wir diesen Mann im Gefängnis sterben sehen.
Wie sollte Europa vor diesem Hintergrund mit China umgehen?
Natürlich sind Handelsbeziehungen mit China wichtig. Aber obwohl wir mit diesem Land Handel treiben, sind wir ihm nicht unterworfen. Wir werden niemals in die Knie gehen und unsere Freiheiten dafür eintauschen. Und wenn sie nicht einmal bereit sind, meinen Vater freizulassen, dann sagt das alles darüber aus, was sie über die Freiheiten denken, die wir hier haben.
Donald Trump hat laut Medienberichten Xi Jinping um die Freilassung Ihres Vaters gebeten. Was erwarten Sie von Trump?
Ich bin unglaublich dankbar, dass der US-Präsident den Fall meines Vaters kennt und sich an ihn erinnert. Ich möchte ihm von ganzem Herzen danken. Xi Jinping ist am Zug. Die USA und viele andere Länder fordern die Freilassung meines Vaters.
Das Urteil gegen Ihren Vater basiert auf dem sogenannten Sicherheitsgesetz von 2020. Warum gehen Urteil und Gesetz uns alle an?
Dieses Gesetz wurde Hongkong wegen der prodemokratischen Proteste von 2019 auferlegt: Damals hat die Bevölkerung Hongkongs offene und faire Wahlen gefordert. An einem Tag gingen sogar zwei Millionen Menschen auf die Straße. Im Grunde genommen wollte die Stadt, dass die gemeinsame Erklärung zwischen China und Großbritannien nach der Übergabe eingehalten wird. Dieses Gesetz ist weit gefasst. Es ist extraterritorial, es gilt also grundsätzlich für jeden, auch außerhalb von Hongkong. Wenn Sie jemals nach Hongkong reisen, können Sie für etwas festgenommen werden, das Sie in Berlin getan haben - auf Grundlage des Sicherheitsgesetzes.
Sie sind gerade in Berlin. Was genau machen Sie hier?
Ich habe einen Termin mit Abgeordneten des Bundestags und gebe Interviews, um auf den Fall meines Vaters aufmerksam zu machen. Wenn mehr Menschen seine Freilassung fordern, gibt es eine Zukunft, in der dieser Mann, der so viel für die Freiheit gegeben hat, selbst frei sein wird.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Das ist so ähnlich wie die Frage nach dem, was zuerst kam: Henne oder Ei. Kämpft man, weil es Hoffnung gibt? Ich denke besser ist, dass man kämpft und es deshalb Hoffnung gibt. Für mich gab es viele sehr dunkle Zeiten. Aber es ist nie so schlimm wie das, was mein Vater durchmacht. Hätte er einfach entschieden, so viel Geld wie möglich zu verdienen und dann in Großbritannien in den Ruhestand zu gehen, wäre sein Leben ganz anders verlaufen. Aber er hatte das Gefühl, dass er eine Verantwortung gegenüber Hongkong und den Menschen dort hatte. Und ich finde das nicht nur unglaublich bewundernswert, sondern auch heldenhaft. Ein Großteil meiner Hoffnung kommt aus der Geschichte meines Vaters. Hoffnung schöpfe ich auch aus der Tatsache, dass seine Geschichte viele Menschen auf der Welt berührt hat.
Mit Sebastien Lai sprach Anne Renzenbrink