Politik

Wird die EU ein Player im All?Ex-BND-Mann: "Wenn uns keiner stört, bin ich zuversichtlich"

25.05.2026, 12:29 Uhr UnbenanntEin Interview von Frauke Niemeyer
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Ein Bild aus den 80ern: Zwei Astronauten haben das Raumschiff Discovery verlassen, um einen Satelliten zu reparieren. Sie halten ein "Zu verkaufen"-Schild. (Foto: Bettmann Archive)

Das Weltall ist für Kriegsführung immens wichtig. Aber was passiert denn da oben überhaupt? Ex-BND-Mann Gerhard Conrad erklärt, welche Infos aus dem All auf die Erde kommen, warum die USA im Weltraum uneinholbar erscheinen und wofür ein Satellit Sprit braucht.

ntv.de: Herr Conrad, wenn es darum geht, wie Europa verteidigungsfähig wird, ist das Weltall ein elementarer Aspekt. Worüber reden wir da eigentlich?

Gerhard Conrad: Die Amerikaner sind heute schätzungsweise mit knapp 6000 Satelliten im Weltraum unterwegs. Satelliten können Sie nur nutzen, wenn Sie am Boden eine sehr umfangreiche Infrastruktur aufgebaut haben, denn sonst können Sie die Daten aus dem All gar nicht auffangen. Die USA haben damit vor etwa 60 Jahren angefangen und sind weltweit die mächtigste Satelliten-Nation.

Vor den Russen als Zweite?

Vor den Chinesen, die etwa 600 bis 700 Satelliten haben. Da sehen Sie schon einen dramatischen Unterschied. Erst dann kommt Russland. Die Grundfunktion eines Satelliten ist militärisch gesehen, von oben die Erdoberfläche anzuschauen. Photooptisch, völlig trivial. Ähnlich wie Luftaufklärung aus Flugzeugen oder Drohnen. Doch je weiter der Satellit entfernt ist, desto besser müssen die Aufklärungssensoren sein. Man muss enorme Auflösungsfähigkeit haben, um auf Bildern, die aus 37.000 Kilometern Entfernung geschossen wurden, etwas zu erkennen. Früher waren die Pixel das am striktesten gehütete Geheimnis.

Die Frage, wie groß das Pixel ist?

Genau. Repräsentiert ein Punkt im Bild fünf Quadratzentimeter? 30? Einen Quadratmeter? Als ich in den 80er Jahren anfing, waren 50 mal 50 Zentimeter das Maximum, was ein Pixel leisten konnte. Also eine sehr grobe Auflösung.

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Gerhard Conrad erwirkte in seiner aktiven Zeit als Agent des BND die Freilassung mehrerer israelischer Geiseln von der Hisbollah. Später leitete er das EU Intelligence Analysis Centre (INTCEN) in Brüssel. (Foto: IMAGO/Jürgen Heinrich)

Was konnte man damit erkennen?

Man konnte einen Lkw erkennen, einen Panzer, der sechs Quadratmeter abdeckt. Das war natürlich sehr grob. Dann hörte man unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Amerikaner könnten vielleicht schon auf zehn mal zehn Zentimeter auflösen, also sehr viel besser. Das war aber damals Cosmic Top Secret . Die Fähigkeit, mit Satelliten wirklich militärisch, gar taktisch relevante Informationen zu generieren, die ist noch sehr jung.

Wie weit sind die Satelliten denn heute entfernt?

Dazu unterscheiden wir, in welchen Orbits sie um die Erde kreisen, also in welchen Etagen. Es gibt die geostationären, die sich in 37.000 Kilometern Höhe über dem Äquator mit der Erde mitdrehen. Diejenigen, die im Medium Earth Orbit, dem MEO, oder dem Low Earth Orbit, also dem LEO kreisen, fliegen deutlich tiefer und schneller. Im LEO häufig 500 bis 1000 Kilometer entfernt. GPS fliegt im MEO auf etwa 20.200 Kilometern Höhe. Die Satelliten bewegen sich höllisch schnell, etwa mit 27.000 Kilometern pro Stunde. Je näher der Satellit ist, desto detailtreuer ist das Bild, aber desto kleiner ist der Bildausschnitt. Im LEO brauchen sie darum viele Satelliten.

Wenn einer aus der Region herausfliegt, fliegt der nächste rein?

Die könnten sich das Bild sozusagen per Handschlag übergeben. Zur Auflösung kursiert die Behauptung, man könnte auf dem Bild das Dienstgradabzeichen auf einer Uniform erkennen, aber das kann ich nicht verifizieren. Entscheidend ist aber auch, dass der Satellit die Informationen ohne Verzug weitergibt. Es nützt nichts, wenn das Bild, das Sie unten empfangen, eine Stunde alt ist. In der neuesten Technologie, die auch Starlink nutzt, übertragen die Satelliten ihre Infos per Laser zum nächsten Satelliten, immer weiter, bis einer mit Verbindung nach unten alles an den Empfänger übermittelt.

Erstmal allerdings muss man die Fähigkeit besitzen, den Satelliten überhaupt am Himmel aufzuhängen.

Dafür setzt man stark auf private Anbieter, und da war Elon Musks SpaceX sehr wichtig. Denn die europäischen Systeme sind sehr teuer im Vergleich zu dem, was Musk zustande bringt. Der hat auch schon viele europäische Satelliten ins Weltall geschickt. Europa braucht da aber dringend einen Plan B, um ein gewisses Maß an Eigenständigkeit zu erreichen.

Kommt den Satelliten im All nie etwas in die Quere?

Oh doch, da oben herrscht ein ziemliches Getümmel. Die Satelliten folgen den physikalischen Gesetzen auf ihrer Umlaufbahn, und es kann auch zu einer Kollision kommen. Das Navigieren zwischen Weltraumschrott ist herausfordernd. Musks Satelliten können mit einem Gadget inzwischen Zusammenstöße autonom vermeiden. Ein Problem sind die Treibstoffreserven.

Die Satelliten brauchen Sprit?

Kleine Umsteuerungen kosten mehr Treibstoff. Ein Gegner kann also so lange Ausweichmanöver provozieren, bis Ihrem Satelliten der Treibstoff ausgeht. Der wird dann weiterfliegen, aber absinken.

Die Ukraine nutzt Satelliten zur Zielerfassung. So können sie anpeilen, an welcher entscheidenden Schnittstelle Raffinerie X besonders verwundbar ist. Kommen diese Bilder aus dem LEO?

Meistens ja, aber alle drei Etagen sind zur Erdbeobachtung geeignet. Die Satelliten können ein Zielobjekt ermitteln und es qualifizieren: Sie übermitteln die Koordinaten und zeigen, ob sich ein Angriff auf dieses Ziel lohnt. Mindestens genauso wichtig wie Zielerfassung ist aber das Frühwarnsystem. Über Infrarot können Satelliten das Abfeuern von Raketen oder Marschflugkörpern des Gegners feststellen. Das geht also über Thermik: Es herrscht eine normale Temperatur, und zack - plötzlich erkennt der Sensor eine dramatisch erhöhte Thermik, 1000 Grad womöglich.

Und weiß, oha, hier wurde gerade eine Rakete abgefeuert?

Wahrscheinlich kann Ihnen der Satellit inzwischen auch schon mitteilen, welcher Typ gestartet wurde. Diese Informationen nutzen Ihnen aber nur etwas, wenn Sie dann auch die Flugkurve, also bei einer ballistischen Rakete die Parabel verfolgen können. Oder die Flugbahn des Marschflugkörpers oder der Drohne. Die Monitoring-Fähigkeit ist enorm wichtig. Oft haben Sie nur ein paar Minuten, um die Flugbahn der Rakete zu ermitteln, die sich bei modernen Waffen im Endanflug auch noch einmal ändern kann. Darum muss die Verfolgung aus dem All wirklich lückenlos sein und schließlich von der Radaranlage des Flugabwehrsystems übernommen werden. Wenn das Abwehrsystem schlau ist, kann es mit den Infos dann entscheiden: Ich bekämpfe nur Rakete 1 und Rakete 12, die anderen lasse ich durch, weil die irgendwo im Wald einschlagen.

War die Abdeckung über der Ukraine schon immer so gut wie jetzt?

Strategisch ja. Das kommt noch aus dem Kalten Krieg. Damals haben die USA per Satellitenaufklärung zum Beispiel die Aufrüstung in der Sowjetunion verfolgt, etwa mit den Mittelstreckenraketen SS 20. Man hat mit den Satelliten praktisch eine Glocke über der Sowjetunion und China ausgebaut. Was später im Ukrainekrieg passierte, war für die USA dadurch sofort sehr gut auffangbar.

Wir reden über Satelliten und dabei zwangsläufig über die USA. Was muss und kann Europa tun, um aufzuschließen und Stück für Stück autark zu werden? Sie haben mal gesagt, die USA sind Europa etwa 10 Jahre voraus.

So ist es. Das wäre aufzuholen in der Annahme, dass die europäischen Staaten willens und in der Lage wären, sofort massiv, also mit einem Quantensprung, dreistellige Milliardenbeträge zu investieren. Das ist nicht einfach in der Umsetzung, wäre aber Voraussetzung, um eine zumindest teilweise gleichwertige Befähigung aufzubauen. Die Bundeswehr hat das System SARah, das sind zwei, später einmal drei Satelliten. Der Bundesnachrichtendienst bekommt GEORG, einen photooptischen Satelliten, der wegen technischer Probleme mit zwei bis drei Jahren Verzögerung bis Ende des Jahres an den Start gehen soll. Das ist keine Serienproduktion, in der Branche arbeiten kleine Produzenten.

Und können die wenigen Satelliten einen Unterschied machen?

Ich will das nicht kleinreden. Die werden schon hilfreich sein, zum Beispiel bei militärischen Entwicklungen. Wenn also Manöver oder Truppenbewegungen stattfinden. Sie können interessante Objekte aufklären, wenn diese relativ statisch sind. GEORG wird man auch steuern können, also zu einem bestimmten Einsatzgebiet schicken. Dynamische Entwicklungen werden Sie kaum nachvollziehen können, weil dazu einfach die Abdeckung zu gering ist. Eine ausreichende Abdeckung bekommen Sie nur durch ein Netzwerk an LEO-Satelliten. Aber bedenken Sie eines: Alles, was ins All ausgebracht wird, ist auch Ziel für Gegenmaßnahmen.

Wo sind Satelliten angreifbar?

Jedes Land, gegen das sich eine solche Beobachtungsglocke richtet, arbeitet an Gegenmaßnahmen. Das gilt für die Russen ebenso wie für die Chinesen. Man kann zum Beispiel jammen, also stören. Etwa den Datentransfer behindern, der ja logischerweise über den Orbit gehen muss. Dann gibt es das sogenannte Spoofing, damit werden GPS-Daten manipuliert und Ihre Navigations-App lotst Sie in den nächsten Tümpel. Russisches Spoofing sehen wir derzeit fast täglich über der Ostsee. In der Straße von Hormus machen es die Iraner. Natürlich können Sie auch Anti-Satelliten-Waffen benutzen. Sie merken schon, die Systeme sind ziemlich verwundbar.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass es die Europäer tatsächlich schaffen, sich mittelfristig auch im Weltraum selbst verteidigungsfähig zu machen?

Ich lese die Projektionen: Zielhorizonte bis 2030 oder 2035 werden da genannt. All diese Systeme, finanziert mit Multimilliarden, werden erstmal so aufgebaut, dass sie anschlussfähig sind an Nato-, also US-Systeme. Alles andere wäre auch unsinnig, denn in dem notwendigen Tempo können Sie diesen Umfang an Hardware und Software gar nicht produzieren, um sofort komplett autark zu sein. Bei den Kommunikationssatelliten sind die europäischen Bemühungen durchaus ansehnlich. Bloß: Jeder beginnt mit einer anderen Technologie, und dann müssen die miteinander vernetzt werden, dann braucht es die berüchtigten Schnittstellen, damit sich die Systeme technisch verstehen und harmonisieren.

Das klingt anspruchsvoll.

All die Prozesse, die angeschoben werden müssen, sind höllisch anspruchsvoll. Da fließen Ihnen die Monate zwischen den Fingern weg. Zugleich sind Militärs skeptisch, ob Putin oder eine andere russische Führung so geduldig warten wird, bis sich Europa im Weltraum 2030 oder 2035 dann mal sortiert hat. Aber bin ich zuversichtlich? Ja. Wenn uns keiner stört, bin ich zuversichtlich.

Mit Gerhard Conrad sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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