Politik

Schluss mit zu teuren Medikamenten? Feilschen um jeden Preis

Tabletten, Tropfen und Co. sehen oft sehr ähnlich aus - mit farbigen Aufklebern können Verwechselungen vermieden werden. (Bild: Heiko Wolfraum/dpa)

Die Preisspirale bei Arzeimitteln soll gestoppt werden.

Amnog, das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, zwängt die Pharmaindustrie in ein ungewohnt enges Korsett. Hersteller müssen den Mehrwert eines neuen Produkts nachweisen, nur dann sollen Kassen auch mehr bezahlen. Zwei Milliarden Euro sollen so pro Jahr eingespart werden. Doch die Lobby ist stark, auf mehreren Ebenen drängt sie auf eine Aufweichung der neuen Regeln.

Wenn die Pharmaindustrie derzeit zu Podiumsdiskussionen einlädt, wird heftig gegen Amnog, das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, gewettert. "Der medizinische Fortschritt wird künftig weniger schnell in Deutschland ankommen", mahnte etwa Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen (VfA), jüngst wieder. Im Publikum saßen mehrere Hundert Gleichgesinnte, Sätze wie diese wurden von heftigem Kopfnicken begleitet.

Die Lobby bangt gerne öffentlich um die Zukunft des Forschungsstandorts Deutschland, derzeit besonders gerne. Eingeladen sind zu solchen Anlässen meist auch Wissenschaftler, die Zahlenmaterial liefern, um diesen Positionen Gewicht zu verleihen. Professor Dr. Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom der Universität Duisburg-Essen macht beispielsweise mit. Amnog ziehe sinkende Preise und Umsatzeinbußen für Hersteller nach sich. "Das alles kann Anreiz dafür sein, dass Pharmaunternehmen gar nicht erst in den deutschen Markt einsteigen, sondern abwandern", sagte er während der Vorstellung einer Studie, die er für den VfA durchführte.

Die Pharmaindustrie wehrt sich, denn das neue Gesetz zwängt Hersteller in ein ungewohnt enges Korsett: Mit der Einführung von Amnog im Januar 2011 endeten für Arzneimittelhersteller paradiesische Zustände. Bisher konnten Konzerne in Deutschland die Preise für Medikamente selbst diktieren. Selbst wenn Krankenkassen Phantasiepreise oder medizinischen Unfug vermuteten, mussten sie zahlen. Nun müssen Preise verhandelt werden.

Amnog

Steigende Kosten: Die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung für Arzneimittel sind im Zeitraum von 1998 bis 2008 um über 60 Prozent gestiegen. Sie liegen damit deutlich über den Kosten für die ärztlichen Behandlung selbst. Mit rund 32 Milliarden Euro lagen die Ausgaben für Medikamente in 2009 bei fast einem Fünftel der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung.

Markt: In Deutschland sind Pharmaka bisher besonders teuer gewesen, weil die Hersteller die Preise festsetzen konnten. Als Preistreiber können patentgeschützte Arzneien gelten. Auswirkungen für die Hersteller hat das neue Gesetz auch aus einem weiteren Grund: Ganz Europa orientiert sich am deutschen Preisniveau. Sinken die Preise bei uns, dann sind die Präparate überall ein bisschen weniger wert. Gesundheitsexperten gehen nicht davon aus, dass die Pharmaindustrie bei der Einführung neuer Medikamente auf andere Länder ausweichen wird. Dazu ist der Markt mit 82 Millionen gesetzlich und privat Versicherten viel zu attraktiv.

Zusatznutzen: Für das Amnog wurde ein komplexes Bürokratiesystem geschaffen. Hersteller müssen in Studien nachweisen, dass das neue Medikament einen Zusatznutzen im Vergleich zu anderen Arzneien hat, die bereits auf dem Markt sind. Das IQWiG stellte dann auf Basis des Dossiers fest, ob es einen Zusatznutzen gibt. Drei Monate haben die Kölner Wissenschaftler dafür Zeit. Ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes liegen nun die ersten zehn Nutzenbewertungen vor. Die Preisverhandlungen zwischen Kassen und Unternehmen starten.

Medikamente: Zur Premiere ging es um ein Produkt von AstraZeneca. Der Handelsname lautet Brilique, der Wirkstoff heißt Ticagrelor. Herzinfarktpatienten soll damit geholfen werden, keinen zweiten Anfall zu erleiden. Das Medikament ist bereits zugelassen, doch der Preis wird erst in einigen Monaten feststehen.

Transparenz: Wenn die Spitzenverbände von Kassen und Pharmaunternehmen über Preise verhandeln, sind viele Fakten nötig, beispielsweise Angaben zu Kosten in anderen europäischen Ländern. Zudem erhalten alle Beteiligten Informationen über Herstellung und Kosten, die Industrie fürchtet die Transparenz, die durch die Veröffentlichung des Erstattungsbetrags als Rabatt auf den Medikamentenpreis entsteht. Verbraucher dürften langfristig von den sinkenden Preisen profitieren.

Ausgerechnet die schwarz-gelbe Koalition wollte das Preismonopol brechen. Es war Philipp Rösler (FDP), damals noch Gesundheitsminister, der Amnog einführte. Aus gutem Grund: Die Ausgaben für Medikamente steigen ständig. Zwei Milliarden Euro sollen durch das neue Gesetz pro Jahr nun eingespart werden. Das Ziel der Politik: Nur für neue Arzneien, von denen Patienten wirklich profitieren, sollen Kassen auch mehr zahlen.

Fortschritt oder Kopie?

Hersteller müssen bei der Einführung neuer Medikamente deshalb jetzt einen Zusatznutzen nachweisen. Die Bewertung neuer Produkte soll damit auf einer wissenschaftlich unabhängigen Grundlage ermittelt werden; so soll auch eine breitere Akzeptanz bei der Neueinführung von Medikamenten und deren Preisfestlegung geschaffen werden.

Zuständig dafür ist das IQWiG, ein Institut in Köln, dort werden Dossiers der Hersteller geprüft, wenn sie mit neuen Pillen auf den Markt drängen. Erst wenn das IQWiG eine echte qualitative Verbesserung im Vergleich zu Medikamenten, die bereits auf dem Markt sind, erkennen kann, wird auch mehr gezahlt. Gleich mehrmals senkte das IQWiG in den vergangenen Monaten allerdings die Daumen. In der Konsequenz führten Hersteller die vermeintliche Innovation gar nicht erst ein.

Bei Produktneuheiten, wo der Zusatznutzen nachgewiesen werden konnte, hat seit Januar dieses Jahres das große Feilschen um den angemessenen Preis begonnen. Erstmals verhandeln nun Pharmakonzerne und der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV); unter anderem geht es um drei onkologische Arzneimittel. Konferenzteilnehmer berichten von äußerst zähen Verhandlungen, Einigkeit herrsche ganz und gar nicht.

Während Krankenkassen Amnog als Chance zur Kosteneinsparung sehen, tun Pharmavertreter das komplexe Regelwerk als "bürokratisches Monstrum" ab. Scharf geschossen wird auch gegen das IQWiG. Es fehle an Transparenz, zudem würden die falschen Vergleichstherapien herangezogen, wetterten Pharmavertreter auf dem Krebskongress vor einigen Tagen. Thomas Kaiser, Leiter des Ressorts Arzneimittelbewertung beim IQWiG, wies die Vorwürfe in der Ärztezeitung zurück. "Jeder kann die Ergebnisse nachlesen und daher nachvollziehen, wie es zu der Entscheidung gekommen ist", sagte Kaiser.

Schiedsstelle soll es richten

Beim letzten Treffen der Spitzenverbände kam es zu einer Einigung. Es ging vor allem um die Frage, an welchen Ländern sich die Parteien bei der Preisfestlegung orientieren sollen. Hersteller wollten gern nur wenige Länder im Korb haben – und auch nur die, in denen hohe Preise für Arzneimittel gezahlt werden – Skandinavien zum Beispiel oder Frankreich und Italien. Zeitweise waren auch die Schweiz und Luxemburg im Gespräch.

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Der damalige Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (l) und der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Jens Spahn, im März 2010.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Schiedsspruch hat nun eine Auswahl von 15 Ländern festgelegt, aus denen die Hersteller ihre tatsächlichen Preise für die betreffenden Präparate mitteilen müssen. Zufriedenheit herrscht aber kaum: Verbände bemängeln, dass im Korb auch Länder wie Griechenland, Portugal oder die Slowakei seien. Die vergleichsweise armen Länder seien wirtschaftlich mit Deutschland nicht vergleichbar. Langfristig könnten aber davon Patienten in Deutschland profitieren, denn der Streit könnte zu sinkenden Preisen führen. Experten gehen davon aus, dass der Preisfindungsprozess aber bis zu 15 Monate dauern kann.

Zeit, die Pharmaunternehmen nutzen, um Amnog-Regeln aufzuweichen. Der VfA hat mehrere Gutachten erstellt und angebliche Schwachpunkte des Amnog aufgelistet. Offenbar erfolgreich: Noch bevor der erste Preis überhaupt ausgehandelt wurde, verspricht die CSU/CDU-Fraktion nun die Daumenschrauben zu lockern: Man wolle das Amnog "im Sinne des lernenden Systems" anpassen, heißt es in einem Positionspapier einer Gruppe um Jens Spahn.

Dahinter verbirgt sich aber nicht weniger als ein Angriff auf den Kern des Gesetzes: Es geht um die Frage, mit welcher Vergleichstherapie das IQWiG den Zusatznutzen des neuen Präparats bewerten soll. Das Amnog schreibt hier eine "nach dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse zweckmäßige Therapie" vor. Und das ist eben nicht immer die, die dem Hersteller passt. Nicht überzeugt waren die Prüfer zum Beispiel beim Brustkrebsmittel Eribulin des Herstellers Eisai. Auch das Antidiabetikum Trajenta, das die Hersteller Boehringer Ingelheim und Lilly entwickelten, schnitt im Vergleich zu anderen hochpreisigen Mitteln gegen Zuckerkrankheit nicht besser ab.

Mitglieder der Schiedsstelle und Krankenkassenvertreter warnen davor, auf die Bedingungen des Unionspapiers einzugehen. "Das Gesetz schafft mit der Nutzenbewertung genug Anreize, um die beste Versorgung sicherzustellen", sagt Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg. In den vergangenen Jahren habe es auf dem Markt ungesunde Entwicklungen gegeben. Durch das Amnog kommt ein ganz anderer Ansatz in die Studienlage, heißt es. Noch folgten viele Untersuchungen einzig der Frage, wie sich das Mittel später gut verkaufen lasse. Da das nun nicht mehr reiche, passten sich Hersteller an. Langfristig nutze das den Patienten.

Quelle: ntv.de