Politik

Pädophilie-Debatte bei den Grünen Forscher sollen Vorwürfe klären

Die Grünen lassen den Einfluss von Pädophilen-Gruppen in den Anfangsjahren ihrer Partei untersuchen. Ein bekannter Politikwissenschaftler soll für Aufklärung sorgen.

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Der Politologe Franz Walter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter soll dem Einfluss von Pädophilie-Befürwortern bei den Grünen auf den Grund gehen. Ihre Partei habe Walters Institut für Demokratieforschung gebeten, sich im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der Frage des Einflusses von Gruppen mit pädophilen Forderungen zu beschäftigen, sagte Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke.

"Es soll sich um ein von uns gefördertes Forschungsprojekt handeln", sagte Lemke. Die beteiligten Wissenschaftler um den 57-jährigen Walter seien völlig frei und unabhängig in Bezug auf genaue Fragestellung, Umfang und Durchführung der Untersuchung, genauso bei der Veröffentlichung der Ergebnisse. Somit sei den Forschern auch freigestellt, wann diese vorliegen, sagte Grünen-Sprecher Jens Althoff. Walter hat unter anderem Bücher über die SPD, das Spektrum von Grünen und FDP und die Linken geschrieben.

"Dumme Provokation"

In Fahrt gekommen war die Debatte über die teils seit langem bekannten Vorgänge, weil Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle die Festrede zu einer Preisverleihung an Daniel Cohn-Bendit abgesagt hatte. Der heutige Europapolitiker hatte 1975 in einem halb fiktiven Buch über seine Zeit als Erzieher geschrieben, es sei passiert, dass Kinder seine Hose geöffnet und ihn gestreichelt hätten. Cohn-Bendit bezeichnete die Äußerungen wiederholt als dumme Provokation. Die Grünen hatten zudem auf mehreren Parteitagen in den 80ern erlaubt, dass sogenannte Stadtindianer-Kommunen für pädophile Anliegen agitierten.

Lemke sicherte den Forschern uneingeschränkten Zugang zu Akten, Protokollen und sonstigen Informationen zu, soweit die Partei über diese verfüge. Ein möglicher Einfluss von Gruppen oder Einzelnen mit Forderungen nach Straffreiheit für Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern solle fundiert und lückenlos aufgeklärt werden.

So waren in einer Bundesarbeitsgemeinschaft der Grünen, die in den 80er Jahren für die Rechte von Schwulen eintrat ("BAG SchwuP"), auch Aktivisten für Pädophilie. Diese BAG wurde 1987 aufgelöst.

Zuletzt hatte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt dem grünen Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck den Rücktritt nahegelegt. Dabei geht es um Aussagen Becks zu "Pädosexualität" in einem Aufsatz aus dem Jahr 1988. Beck schrieb laut einer eingescannten Fassung auf der Homepage der Jungen Union Bayerns: "Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich (...)." Pädosexualität bezeichnet das Begehren nach sexuellen Handlungen mit Kindern.

Die Grünen-Fraktion wies die Forderungen Dobrindts zurück. Beck hatte kürzlich in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" erklärt, der kritisierte Aufsatz sei gegen seinen Willen vom Herausgeber redigiert und verfälscht worden. Dennoch habe sich der Text eindeutig gegen die Forderung gewandt, das Sexualstrafrecht abzuschaffen. "Gleichwohl war auch ich in jener Zeit in dem Irrtum gefangen, dass sexueller Missbrauch und manche pädophile Handlungen unterschiedliche Tatbestände seien", sagte Beck. "1988/89 haben mir neue Forschungen und die Arbeit von Opferhilfe-Organisationen die Augen geöffnet", fügte der Grünen-Politiker hinzu. "Seitdem sage ich ganz klar: Praktizierte Pädophilie ist in jedem Fall ein Verbrechen."

"Verbale Grenzüberschreitungen"

Lemke betonte: "Forderungen nach Straffreiheit von Sexualität von Erwachsenen mit Kindern und pädophilen Handlungen waren und sind inakzeptabel und falsch." Dass es in den Anfangsjahren der Partei Raum für diese Forderungen gab, sei ein Fehler, "für den unsere Partei ohne Wenn und Aber die Verantwortung trägt".

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck räumte als Mitbegründerin der Grünen Fehler im damaligen Umgang ihrer Partei mit dem Thema Pädophilie ein. Den Grünen habe zu der damaligen Zeit der Kompass dafür gefehlt, zwischen sexueller Selbstbestimmung und "dem Beginn von Missbrauch" zu trennen, sagte sie dem Deutschlandfunk. "Es gibt Dinge, die aufzuklären sind, und das ist nicht rühmlich, was jetzt noch einmal zum Vorschein kommt." Es habe damals "viele verbale Grenzüberschreitungen" gegeben. "Aber das jetzt in die Nähe der Zustimmung zur Pädophile zu rücken, halte ich nicht für statthaft."

Quelle: ntv.de, jga/dpa/AFP