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"Koalition muss sich zusammenreißen" Gauck-Sympathie zeigt Parteien-Krise

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Kann Polit-Profi Wulff das Land umarmen?

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Bundespräsidenten-Frage ist entschieden, glaubt der renommierte Politik-Experte Jürgen W. Falter. Im Interview mit n-tv.de prognostiziert er einen klaren Sieg für Christian Wulff. Die Koalition habe gar keine andere Wahl, als den Niedersachsen zum klaren Sieger zu machen. Ansonsten drohe ein Riss, der nicht mehr zu kitten sei. Die Freude der Bürger an Gauck wertet Falter auch als Warnschuss für die Parteien.

n-tv.de: Herr Falter, der Kampf um die Köhler-Nachfolge zwischen Christian Wulff und Joachim Gauck ist voll entbrannt. Finden Sie den derzeitigen "Wahlkampf" dem Amt angemessen?

Jürgen W. Falter: Es ist bisher ein recht vornehmer Wahlkampf, den beide Seiten führen. Wir haben da schon direktere Wahlkämpfe erlebt, etwa bei den beiden letzten Bundespräsidenten-Wahlen.

Ist Wulff durch die Uneinigkeit in der Koalition schon jetzt im Amt beschädigt?

Nein, er wird nicht im Amt beschädigt sein. Das galt auch nicht für Roman Herzog, der erst im dritten Wahlgang gewählt worden ist. Beschädigen tut man sich im Amt meistens nur selber.

Erwarten Sie eine spannende Wahl – oder wird sich die Koalition zusammenreißen?

Die Koalition muss sich zusammenreißen, wenn sie sich nicht ganz aufgeben will. Wenn Wulff nicht mit absoluter Mehrheit gewählt wird, dann dampft es gehörig. Und explodieren würde es, wenn er gar nicht gewählt würde. Dann gäbe es einen Riss in der Koalition, den sie kaum überstehen dürfte.

Wäre Schwarz-Gelb dann am Ende?

Nicht am Ende, denn die Mehrheit bestünde ja noch. Aber das Misstrauen wäre so tief und Angela Merkel wäre so angeschlagen, dass ein baldiges Ende der Koalition absehbar wäre.

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Gauck erlebt eine Welle der Sympathie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hat Gauck eine Siegeschance?

Ich glaube nicht. Er dürfte deutlich unter 50 Prozent der Stimmen bekommen.

Gauck erfährt allerdings eine Welle der Unterstützung gerade aus der Bürgerschaft heraus. Überrascht sie das und worauf führen Sie das zurück?

Es überrascht mich gar nicht. Gauck ist nun wirklich ein sehr ehrenwerter Kandidat, der eine beeindruckende Biographie vorzuweisen hat, der in der DDR ungewöhnlich standfest war und glänzend reden kann. Und er wäre sicherlich ein guter Bundespräsident. Es überrascht mich aber auch deshalb nicht, weil sich in der Sympathie für Gauck auch das tiefe Anti-Parteien-Ressentiment weiter Kreise der Bevölkerung zeigt.

Also ist das Pro für Gauck eher ein Contra für den Polit-Profi an sich?

So ist das zu sehen. Aber natürlich zieht Gauck auch positive Gefühle auf sich. Von vielen wird hier jedoch gegen den Parteien-Staat votiert.

Ist die Nominierung Gaucks durch Rot-Grün eher eine Kampfansage an die Linke als wirklich ernst gemeint?

Sie ist in erster Linie natürlich eine Kampfansage an Schwarz-Gelb. Die SPD bringt die Koalition damit in tiefste Dilemmata, denn es gibt eine Reihe von Leuten innerhalb der schwarz-gelben Vertreter in der Bundesversammlung, die lieber Gauck hätte – gerade aus den neuen Bundesländern. Und die müssen nun in langen Gesprächen und vielen Probeabstimmungen eingenordet werden.

Und das hält auf …

Ja, das beschäftigt. Und es beschädigt, wenn etwas schiefgeht.

Aber hat die Kandidatur Gaucks nicht auch den Graben zwischen SPD und Linken vergrößert?

Die Linke ist natürlich gegen Gauck, weil er ein tief überzeugter Anti-Kommunist ist, in der Opposition in der DDR war und mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Da marschiert die Linke zumindest im ersten und zweiten Wahlgang klar getrennt. Wie das im dritten Wahlgang aussehen würde, ist offen. Es gibt ja Linke, die in diesem Falle die Abstimmung freigeben wollen.

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Jürgen W. Falter lehrt und forscht an der Universität Mainz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Union setzt bei der Wahl auf Polit-Profis und zieht prominente Vertreter des Volkes ab. Ist das eigentlich im Sinne des Erfinders?

Die Erfindung ist eigentlich eher, dass in der Bundesversammlung Politiker sind. Es hat sich erst im Laufe der Jahre ergeben, dass die Parteien auch Prominente hinschicken. Nachdem aber die Promis, wie man etwa bei Fürstin Gloria von Thurn und Taxis gesehen hat, nicht immer so abstimmen, wie sie sollen, möchte man nun wieder auf Nummer sicher gehen und schickt fast ausschließlich Parteimitglieder.

Aber es ist dennoch ein Traditionsbruch …

Es ist eine kurze Tradition, die nirgendwo vorgeschrieben steht. Das ist eher Folklore als Tradition.

Was würde die beiden im Amt unterscheiden?

Das ist schwer zu sagen. Gauck würde eher mit sozialeren Zungenschlägen reden, er würde andere Themen betonen als Wulff. Er versteht sich sozusagen als lebendige Freiheitsstatue, während Wulff vermutlich eher die Themen Integration von Migranten und Integration der Generationen besetzt.

Was wäre denn wichtiger für Deutschland?

Ich finde beide Ansätze wichtig. Was die politische Praxis der nahen und mittleren Zukunft angeht, sind sicher die Integrationsfragen bedeutsamer.

Heißt das, dass Sie persönlich lieber Herrn Wulff als nächsten Bundespräsidenten hätten?

Ich könnte mit beiden gut leben.

Quelle: n-tv.de, Mit Jürgen W. Falter sprach Jochen Müter

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