Politik
Montag, 23. Februar 2004

Geheime Klima-Studie: "Gefährlicher als Terrorismus"

Experten warnen bereits seit Jahren vor den dramatischen Folgen des Klimawandels. Bisher bestreitet die US-Regierung, dass die Erderwärmung ein ernstes Problem darstellt. Der Klimawandel sei noch nicht ausreichend erforscht, erklärte Präsident George W. Bush jüngst.

Ausgerechnet aus dem US-Verteidigungsministerium kommt nun massiver Widerspruch: Mit einer Studie, die vom Pentagon allerdings geheim gehalten wird - ihr Inhalt gilt in Washington als zu brisant. Brisant ist er tatsächlich: Für die kommenden 20 Jahre sagt die Studie Klima-Kriege und Naturkatastrophen mit Millionen Toten voraus. Das berichtet der britische "Observer", dem die Studie vorliegt.

Abrupter Klimawandel

Anders als frühere Studien geht die Pentagon-Analyse nicht mehr davon aus, dass die Erderwärmung sich langsam vollzieht. Sie soll abrupt kommen. Für den Süden der USA sagt der Bericht verheerende Dürren voraus, für China katastrophale Überschwemmungen. Großbritannien erwartet im Jahr 2020 ein "sibirisches" Klima, die Niederlande werden überflutet, Skandinavien verwandelt sich in eine Eiswüste. Denn die Erderwärmung soll den Golfstrom zum Erliegen bringen und eine neue Eiszeit bewirken.

Bislang pumpt der Golfstrom wie eine riesige Warmwasserheizung Milliarden Liter von Tropen-Wasser in den Norden. Ohne ihn würden eisige Winde über Nordeuropa hinwegfegen, verheerende Stürme und Fluten die Küsten verwüsten.

Schlimmer sind die Kriege

Doch die Autoren der Studie warnen nicht nur vor den Naturkatastrophen. Möglicherweise noch dramatischer ist ihr Szenario hinsichtlich der politischen und sozialen Folgen: Flüchtlingsströme aus überfluteten oder vertrockneten Ländern drängen in die reichen Länder. Kriege um Wasser und Energie-Ressourcen könnten "den Planeten an den Rand der Anarchie bringen", so der "Observer". Staaten wie Russland und Pakistan könnten in diesen Kriegen Atomwaffen einsetzen.

"Wieder einmal würde der Krieg das menschliche Leben bestimmen", heißt es in der Studie. Das beschriebene Szenario sei zwar nicht das wahrscheinlichste, jedoch durchaus plausibel. Es stelle die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten derart in Frage, dass ein sofortiges Reagieren notwendig sei.

Der Pentagon-Bericht zieht das Fazit: Der Klimawandel birgt weitaus größere Gefahren als der internationale Terrorismus.

Genau dies hatte erst kürzlich der wissenschaftliche Chef-Berater der britischen Regierung erklärt. Dem US-Wissenschaftsmagazin "Science" sagte Sir David King: "Klimaerwärmung ist ein weit ernsteres Problem für uns als Terrorismus." Präsident Bush schaffe es nicht, der Herausforderung des Klimawandels gerecht zu werden.

Es sei ein großer Fehler der Bush-Regierung gewesen, das Kyoto-Klimaschutzprotokoll nicht zu unterzeichnen, so King, Professor für Chemie an der Universität Cambridge. Bush vertraue zu sehr darauf, dass der freie Markt Anreize für die Wirtschaft zur CO2-Reduzierung schaffe oder die Industrie von sich aus höhere Umweltstandards einführe.

Klimawandel künftig vielleicht "keine Belästigung" mehr

Brisant an der Pentagon-Studie sind auch Urheber und Verfasser, sind sie doch alles andere als die üblichen Öko-Verdächtigen: Auftraggeber ist der 82-jährige Andrew Marshall, der bereits seit Jahrzehnten eine Pentagon-Denkfabrik leitet. Chef-Autor der Studie ist Peter Schwartz, früher als Planungschef für Royal Dutch/Shell tätig und heute Berater für den US-Geheimdienst CIA.

Obgleich das Pentagon den Bericht geheim hält, signalisiere allein die Tatsache, dass sich die Militärs mit dem Thema beschäftigen, einen fundamentalen Wechsel, so das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune": "US-Politiker sehen den Klimawandel künftig vielleicht nicht mehr als Belästigung, sondern als Problem, das schnelles Handeln erfordert."

Quelle: n-tv.de