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Angriff auf Gaza-Hilfsflotte Generalstabschef räumt Fehler ein

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"Wer Ärger sucht und sich mit uns anlegt, wird die entsprechend harte Antwort von uns erhalten", so Generalstabschef Gabi Aschkenasi.

(Foto: dpa)

Der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Aschkenasi, gesteht taktische Fehler bei dem Angriff auf eine Gaza-Flotte im Mai ein. Gleichzeitig kündigt er an, härter gegen Hilfskonvois vorgehen zu wollen.

Bei den Anhörungen der Untersuchungskommission zu den Vorgängen auf der Gaza-Hilfsflotte mit neun Toten haben bisher Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak die eigene Verantwortung abgestritten und "nach unten" abgegeben. Am Mittwoch hat Generalstabschef Gabi Aschkenasi nun Fehler der Militärs eingestanden und gleichzeitig künftige Flotten vor einem noch blutigeren Eingreifen der israelischen Armee gewarnt.

In der Rabin-Jugendherberge in Jerusalem tagt seit Anfang der Woche, teilweise offen und teilweise hinter verschlossenen Türen, jene Kommission, die im Auftrag der israelischen Regierung die Vorgänge auf dem türkischen Schiff Mavi Marmari am 31. Mai aufklären soll. Als israelische Soldaten das Schiff in internationalen Gewässern stürmten, indem sie sich einzeln von einem Hubschrauber abseilten, kam es zu einer Schießerei an Bord des Schiffes mit über 500 Friedensaktivisten. Dabei wurden neun türkische Aktivisten getötet. Dutzende wurden verletzt, darunter israelische Soldaten.

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Zuvor hatte Verteidigungsminister Ehud Barak die Verantwortung für den Angriff auf das Militär abgewälzt.

(Foto: dpa)

Netanjahu sagte zwar im offenen Teil seiner Aussage, dass er als Ministerpräsident die volle Verantwortung für alle Vorgänge trage. Doch sei er wegen eines "sehr wichtigen" Treffens mit dem amerikanischen Präsidenten nach Kanada verreist und habe die Vorbereitungen sowie die Ausführung zum Stoppen der "Hilfsflotte" dem Verteidigungsminister übertragen. Ehud Barak erklärte, dass im Ministerkreis über die bevorstehende Militäraktion gegen die türkischen Schiffe diskutiert worden sei. Nachdem aber die Armee erklärt habe, dass sie fähig sei, den Auftrag auszuführen, habe das Militär die volle Verantwortung übernommen.

Barak war überrascht, dass es offenbar keinerlei Absprache zwischen den Geheimdiensten und der Marine gab, die mit ihren Eliteeinheiten die Operation durchführte. Weiter stellte sich heraus, dass sich an Bord der türkischen Schiffe kein israelischer Spion oder Agent befand, der die Verantwortlichen in Israel vor dem geplanten gewalttätigen Widerstand der islamistischen Aktivisten hätte warnen können.

Aschkenasi spricht von taktischen Fehlern

Nachdem Barak die Verantwortung für das rufschädigende Debakel mit neun toten Friedensaktivisten dem ausführenden Organ, dem Militär, zugeschoben hatte, trat am Mittwoch der Generalstabschef vor die Kommission. Der gestand offen Fehler ein, darunter mangelndes Wissen über die Absichten der türkischen Aktivisten und ein problematisches Vorgehen der Soldaten. Er redete von dem taktischen Fehler, nicht sofort mit einer militärischen Übermacht die Schiffe geentert zu haben. Nicht ahnend, dass die Friedensaktivisten bewaffnet gegen die Soldaten vorgehen wollten, sei es falsch gewesen, die Elitesoldaten einzeln aus Hubschraubern abzuseilen. Zudem seien die Soldaten nicht entsprechend bewaffnet gewesen, weil sie nicht mit dem "tatsächlichen Umfang des Widerstands" gerechnet hätten. Die ersten Schüsse mit Neun-Millimeter Kugeln hätten türkische Aktivisten auf die Soldaten abgegeben.

Nachdem die ersten Soldaten an Bord gegangen und sofort niedergeprügelt worden seien, sei es nach Angaben von Aschkenasi zu spät gewesen, eine neue Taktik auszuprobieren. "Wir hätten zuerst einen sterilen Bereich schaffen müssen, um die Soldaten an Bord zu bringen", sagte Aschkenasi, ohne Details einer künftigen Taktik preiszugeben. Sowie sich genügend Soldaten an Bord der Marmari befanden, hätten sie "hervorragende Arbeit" geleistet.

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Am 31. Mai 2010 hatten israelische Soldaten eine Gaza-Flotte gewaltsam gestürmt und neun Aktivisten getötet.

(Foto: dpa)

Behauptungen der Türkei, wonach einige Aktivisten aus "Null Distanz" erschossen und hingerichtet worden seien, wies Aschkenasi zurück: "Wenn über einem am Boden liegenden Soldaten ein Aktivist mit einer erhobenen Axt in der Hand steht, dann schießt der Soldat." Der Generalstabschef behauptete weiter: "Die Soldaten haben nur auf solche Aktivisten geschossen, auf die wirklich geschossen werden musste."

Kritik an Spitzenpolitikern

Der Generalstabschef sagte, dass Israel eine "lernende Armee" habe. "Sie bereitet sich jetzt schon auf künftige blockadebrechende Flotten vor, mit der Absicht, sie zu stoppen, falls sie gegen den Willen Israels den Hafen von Gaza anlaufen wollen." Er sagte, dass künftig die Marine massiv gegen derartige Friedensaktivisten vorgehen werde, falls sie Anweisungen ignorieren, erst einen israelischen Hafen anzulaufen, um die Schiffe auf Waffen zu überprüfen. "Wer Ärger sucht und sich mit uns anlegt, wird die entsprechend harte Antwort von uns erhalten", sagte Aschkenasi im offenen Teil seiner Aussage.

In den israelischen Medien wurde Kritik an beiden Spitzenpolitikern laut, weil sie sich aus der Verantwortung gezogen haben. Der Oberbefehlshaber wurde gelobt, "aufrichtig und auf Augenhöhe" geredet zu haben, ohne die taktischen Fehler auf die Soldaten oder die Befehlshaber der Operation abzuschieben. "Es gab neun Tote. Also ist klar, dass wir Fehler gemacht haben", wurde Aschkenasi zitiert.

Quelle: n-tv.de

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