Politik

Lobbyismus-Vorwürfe von Union Greenpeace-Chefin wechselt ins Auswärtige Amt

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Seit 1995 nimmt Jennifer Morgan an der Weltklimakonferenz teil.

(Foto: picture alliance/dpa/AFP POOL)

Die ehemalige Greenpeace-Chefin wechselt ins Auswärtige Amt - sie ist US-Bürgerin und soll Deutschland bei der nächsten Weltklimakonferenz vertreten. Aktivisten geben ihr Rückendeckung. Aus der Opposition kommen Lobbyismus-Vorwürfe.

Sie ist eine profiliertesten Umweltaktivistinnen weltweit - nun soll sie das Gesicht der offiziellen deutschen Klimapolitik werden: Wie Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bestätigte, wechselt die bisherige Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan zum 1. März ins Auswärtige Amt. Die 55-jährige US-Bürgerin soll zunächst als Sonderbeauftragte und dann als Staatssekretärin die internationale Klimapolitik der Bundesregierung koordinieren - und wohl auch eine zentrale Rolle in der Kommunikation zwischen Politik und Klimaaktivisten spielen.

Deutschlands internationale Klimapolitik erhalte mit Morgan ein "Gesicht, das weltweit bekannt ist, eine weltweite Reputation und Strahlkraft hat", sagte Baerbock bei der Vorstellung der neuen Sonderbeauftragten. Morgan bezeichnete die Annahme des Postens im Auswärtigen Amt als "einmalige Chance". Zur Umsetzung des 1,5-Grad-Ziels sei eine "nie dagewesene internationale Zusammenarbeit" nötig. "Wir haben die Möglichkeiten und es daher selbst in der Hand, die Auswirkungen der Klimakrise zu bekämpfen."

Seit 2016 an der Spitze von Greenpeace

Als Expertin und Mahnerin ist Morgan spätestens seit 2016 einem internationalen Publikum bekannt. Damals übernahm die 1966 im US-Bundesstaat New Jersey geborene Politikwissenschaftlerin und Germanistin gemeinsam mit der Neuseeländerin Bunny McDiarmid die Leitung von Greenpeace International.

Bereits als Studentin habe sie die Zerstörung der Umwelt umgetrieben, erzählte Morgan anlässlich ihrer Berufung zur Chefin der weltweit bekanntesten Umweltschutzorganisation. Prägend sei das Buch "Um Hoffnung kämpfen!" der deutschen Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly gewesen, das ihr als Studentin in die Hände geraten sei und das sie "in einem Rutsch" durchgelesen habe.

Ihre Karriere als Umweltexpertin begann Morgan beim Thinktank Climate Action Network in Washington; seit 1995 nahm sie an allen Weltklimakonferenzen teil.

Auch mit der deutschen Klimapolitik ist Morgan vertraut: Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 war sie Teil des Beratergremiums der Bundesregierung unter der Leitung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber, von 2010 bis 2017 war sie im wissenschaftlichen Beirat des damals von Schellnhuber geleiteten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Am Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC wirkte sie als Redakteurin mit.

Die jüngere Generation steht an ihrer Seite

Dass Morgan trotz des intensiven Kontakts mit politischen Entscheidungsträgern nie die scharfe Kritik an der Klimapolitik unter anderem auch der deutschen Bundesregierung scheute, sicherte ihr den Rückhalt auch der jüngeren Generation an Klimaaktivisten.

Mit Morgans Ernennung beweise "Außenministerin Baerbock den Mut, eine kritische und unabhängige zivilgesellschaftliche Perspektive in die Bundesregierung zu holen", erklärte der Geschäftsführer von Germanwatch, Christoph Bals. Morgan sei eine der "erfahrensten und kenntnisreichsten Stimmen bei internationalen Klimaverhandlungen". Allerdings warteten große Aufgaben auf sie.

"Internationale Klimafinanzierung und der Umgang mit klimabedingten Schäden und Verlusten stehen beim nächsten UN-Klimagipfel ganz oben auf der Tagesordnung", betonte Bals. "Der Gipfel wird scheitern, wenn die reichen Länder nicht endlich deutlich machen, wie ausreichende finanzielle Unterstützung für die ärmeren Länder organisiert werden soll."

"Die Welt ist global"

In einem Interview anlässlich des 50-jährigen Bestehens von Greenpeace im vergangenen September hatte Morgan eindringlich vor den Folgen einer zu unentschlossenen Klimapolitik gewarnt. "Wir befinden uns in einem Klimanotstand", sagte sie. Was die Welt brauche, sei "ein radikaler und tiefgreifender Wandel". Denn: "Die Zeit läuft uns davon."

Bevor Morgan auf den neuen Klima-Staatssekretär-Posten im Auswärtigen Amt befördert werden kann, muss die 55-Jährige allerdings noch die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. "Die Welt ist global", betonte Baerbock. Dies gelte auch für das Personal im Auswärtigen Amt. Ein Antrag auf Einbürgerung Morgans sei bereits in Bearbeitung.

Bis der Einbürgerungsprozess abgeschlossen sei, solle Morgan zwar schon als Sonderbeauftragte aktiv sein, aber noch nicht das Amt einer Staatssekretärin ausüben. Morgan bemühte sich, Kritik zu entkräften, dass sie als US-Bürgerin schwer für deutsche Belange kämpfen könne. "Mein politisches Herz schlägt ganz für Deutschland." Sie wohne hier seit 2003. "Das ist meine Heimat und ich bin Berlinerin."

Kritik aus der Opposition

Unter anderem aus der Union gab es teils heftige Kritik am Wechsel der Lobbyistin in die Regierung. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kämpft mit teils umstrittenen Aktionen für den Klimaschutz. Bei Greenpeace hat Morgan auch regelmäßig an der Seite von Klima-Aktivisten protestiert - etwa bei der Blockade einer Shell-Raffinerie in Rotterdam im vergangenen Jahr. "Es ist bemerkenswert, dass gerade eine grüne Bundesministerin die Grenzen zwischen Staatlichkeit und Lobbyismus so leichtfertig überspringt", erklärte der außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt.

Auch aus der FDP kommt Kritik. Er habe Verständnis dafür, "dass der Wechsel einer Lobbyistin, die in der Vergangenheit mit durchaus radikalen Ansichten in Erscheinung getreten ist, in der Öffentlichkeit auf eine gewisse Verwunderung stößt", sagte FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler dem "Handelsblatt".

Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International reagierte gelassener. "Das Ziel ist, im Außenministerium den Klimaschutz voranzubringen. Dazu braucht man Fachleute", sagte der Vorsitzende des deutschen Zweigs der Organisation, Hartmut Bäumer, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Es geht nicht um finanzielle Vorteile für Greenpeace, sondern um ideelle Anliegen. Das ist der Unterschied zu anderen Verbänden, bei denen Wirtschaftslobbyismus im Vordergrund steht." Morgan dürfe aber "keine Greenpeace-Politik machen, sondern muss ihre fachliches Wissen einbringen", sagte Bäumer. "Und sie muss wissen, dass sie unter Beobachtung steht."

Baerbock verteidigte sie als beste Frau weltweit für den Posten. "Das ist für mich eine Traumbesetzung und ein wichtiges Signal für den internationalen Klimaschutz."

Quelle: ntv.de, cls/dpa/rts

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