Das sozialistische KönigreichGroßbritannien fetzt sich wegen Preisobergrenzen im Supermarkt
Von Caroline Amme
Die Lebensmittelpreise in Großbritannien steigen extrem an. Experten warnen vor einer Lebensmittelkrise. Die Pläne der Regierung? Sie drängt Supermärkte dazu, die Preise für Grundnahrungsmittel zu deckeln. Und die Briten? Kommen sich plötzlich vor wie in Kuba.
Nudeln, Tiefkühlgemüse, Schokolade, Eier, Rindfleisch und Olivenöl. Für diese Lebensmittel müssen die Menschen in Großbritannien immer mehr Geld bezahlen. denn die sind seit 2021 mindestens 50 Prozent teurer geworden, steht in einer neuen Studie des Thinktanks Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU). Klima- und Energieschocks treiben die Preise nach oben.
In den vergangenen fünf Jahren sind die Lebensmittelpreise im Vereinigten Königreich extrem nach oben geschnellt. Die Lebensmittelinflation ist im April auf 3,7 Prozent gestiegen. Und das, obwohl die Briten auch schon viel mehr für andere alltägliche Dinge zahlen müssen, wie Energie und Wasser. Großbritannien "schlittert in eine Lebensmittelkrise", warnen Experten. Ausgelöst durch extreme Wetterereignisse, Inflation und die Auswirkungen des Iran-Krieges. Sie fordern von der Regierung, ihre nationale Lebensmittelstrategie zu aktualisieren.
Ende des Jahres wird die Lebensmittelinflation wahrscheinlich bei fast 10 Prozent liegen, sagt der britische Lebensmittelverband. Die Autoren der ECIU-Studie sagen, im November werden die Lebensmittel voraussichtlich um 50 Prozent teurer sein als 2021.
Kurzfristig leiden vor allem Briten mit weniger Geld in der Tasche. Langfristig aber das gesamte Land, sagt ECIU-Ökonom Christian Jaccarini im britischen Fernsehsender Channel 4. "Das ärmste Fünftel der Haushalte spürt die Auswirkungen um etwa 75 Prozent stärker als das reichste Fünftel. Das liegt daran, dass sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben." Diese Haushalte seien nun gezwungen, bei Lebensmitteln zu sparen. Das werde zu ernährungsbedingten Gesundheitsproblemen, zu weiteren Arbeitsausfällen und höheren Kosten für das Gesundheitssystem führen, so Jaccarini.
Freiwillige Preisobergrenzen für Lebensmittel
Die britischen Wähler sind wegen der hohen Lebenshaltungskosten frustriert. Bei den Regional- und Kommunalwahlen haben sie der Partei von Premierminister Keir Starmer Anfang Mai die Quittung gegeben: Labour hat ein so schlechtes Wahlergebnis eingefahren, dass Labour-Abgeordnete und Minister den Rücktritt des britischen Regierungschefs fordern.
Finanzministerin Rachel Reeves hat das Desaster womöglich kommen sehen. Im April ist sie mit den Chefs der größten Supermarktketten des Landes zusammengekommen. Sie wollte besprechen, was man gegen die explodierenden Lebensmittelpreise tun kann.
Die Politikerin hat anscheinend eine Lösung gefunden: Und die klingt wie eine Idee aus dem vergangenen Jahrhundert.
Das Finanzministerium will, dass große Supermarktketten die Preise für Grundnahrungsmittel wie Eier, Brot und Milch freiwillig deckeln, berichtet die "Financial Times". Im Gegenzug beabsichtigt die Regierung, einige Belastungen und Vorschriften für sie zu lockern, unter anderem die Verpackungsvorschriften. Die Regierung habe die Supermärkte aufgefordert, die Preise einzufrieren, berichtet die BBC.
"Der Sozialismus lässt grüßen", kommentieren Leser unter den Beiträgen. "Wie Kuba, aber mit Regen", schreiben sie sarkastisch. Damit werde kontrolliert, was die Leute essen, sagt ein Supermarktkunde in einer Umfrage der Tageszeitung "Independent". Ein anderer glaubt, dass die Supermärkte die Preise für Waren, die nicht auf der Liste stehen, erhöhen werden, um Verluste auszugleichen.
Kritiker nennen Plan "völlig absurd" und "idiotisch"
Es ist offensichtlich: Begeisterung haben diese Pläne im Vereinigten Königreich nicht ausgelöst. Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, warnte in einer Rede vor Abgeordneten des Finanzausschusses des Parlaments vor Preisobergrenzen. Das könne nach hinten losgehen, sagte er. Denn damit verschiebe man die Kosten künstlich. Das sei auf lange Sicht nicht nachhaltig.
Auch Einzelhändler glauben, dass am Ende die Verbraucher draufzahlen. Sie befürchten, dass Supermärkte dann andere Artikel verteuern, um keine Einnahmen zu verlieren oder ihre Kosten weiter decken zu können. Das hat eine anonyme Quelle aus dem Supermarktbereich dem "Guardian" gesagt.
Der Chef des großen Einzelhandelsunternehmens Marks and Spencer, Stuart Machin, nennt den Plan "völlig absurd". Die Regierung solle sich nicht in die Wirtschaft einmischen, sagt er. Viele Händler, auch sein Unternehmen, machten bereits Verluste bei einigen Grundnahrungsmitteln wie Milch, Brot und Bananen. Bei Eiern oder Zucker mache er nur sehr geringe Gewinne. Sein Vorschlag: Statt Preisobergrenzen einzuführen, solle die Regierung die Steuern senken.
Der ehemalige Chef der Supermarktkette Asda, Stuart Rose, ist bei BBC Radio 4 ähnlich deutlich geworden: "Die ganze Idee ist Quatsch und Unsinn und wird niemals durchgehen. Das riecht nach staatlicher Kontrolle. Es ist idiotisch, gefährlich, wird niemals funktionieren."
Ministerin gibt Pläne auf
Stuart Rose vergleicht die heutige Zeit mit den 1970er Jahren. Vor 50 Jahren wurde Großbritannien ebenfalls von der Ölkrise und massiver Inflation getroffen. Die Lösung der britischen Regierung? Preisobergrenzen für wichtige Lebensmittel wie Brot. Damals haben die staatlichen Eingriffe zu Lieferengpässen und verdeckter Inflation geführt. Für die Einzelhändler war es ein Verlustgeschäft. Auch deshalb sind britische Supermarktketten kritisch, was Preiskontrollen angeht.
Ihr heftiger Protest hatte anscheinend Erfolg. Nur einen Tag nach den Berichten über ihren Vorschlag soll die britische Finanzministerin Rachel Reeves ihren Plan zurückgezogen haben, berichtet die "Financial Times".
Ende Mai hat sie dann eine neue Idee vorgestellt. Die Ministerin will für bestimmte Alltagsgegenstände die Einfuhrzölle aussetzen, dadurch günstiger machen und Verbraucher entlasten. Reeves erwartet von den Supermärkten, dass sie diese Einsparungen vollständig an die Kunden weitergeben. Auf der Liste stehen 125 Artikel des täglichen Bedarfs: von Avocados, Bananen und Limetten über Olivenöl und Brot bis hin zu Schokolade, grünem Tee und Kaugummi. "Das ist nur einer von vielen Schritten. Ich behaupte nicht, dass das für die Menschen alles ändern wird", sagt Finanzstaatssekretär Dan Tomlinson beim Nachrichtensender LBC. Bis Ende Juni will das Finanzministerium über die Zollsenkungen beraten.
Noch scheint die Idee einer Preisobergrenze für Supermärkte aber nicht komplett vom Tisch. Schottland hat ähnliche Pläne. Dort ist sogar ein gesetzlicher Deckel für wichtige Lebensmittel geplant. Als vorübergehende Krisenmaßnahme, wie es heißt. Das entsprechende Gesetz soll trotz Kritik aus der Branche noch vor Jahresende eingeführt werden.