Politik

Baba, Raucherparadies! Handke zuckt aus, die Zigarette verschwindet

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Österreich wird den Keller einfach nicht los - seit Josef Fritzls Festnahme 2008 ist der dunkle Raum unter dem Haus so eine Art nationaler Trauma-Ort. Wer auch immer einen billigen Witz über Österreich reißen will, bringt einen Keller ins Spiel. Kein Wunder, dass die ersten Meldungen aus Ruinerwold davon sprachen, dass ein Österreicher mit sechs Jugendlichen in einem Keller unter einem Bauernhof in den Niederlanden gelebt haben soll. Nur: Es war kein Keller und weil auch sonst vieles unklar ist, werde ich den Fall in diesem Newsletter noch auslassen - auch wenn "Josef, der Österreicher" momentan das Gesprächsthema Nummer eins in Österreich ist.

Es gibt auch ganz ohne Spekulationen genug zu berichten: zum Beispiel über das endgültige Aus für die Zigarette im Wirtshaus und den Ausraster des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Peter Handke.

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Tschick: Zigarette

Am 31. Oktober um 23.59 Uhr wird es Zeit für die allerletzte Tschick im Beisl - ab 1. November gesellt sich Österreich zu den 14 anderen EU-Staaten mit einem absoluten Rauchverbot in der Gastronomie. Beschlossen wurde ein entsprechendes Gesetz schon 2015, es sollte zum 1. Mai 2018 in Kraft treten.

Hustekuchen, ähm, Pustekuchen: Die FPÖ, vor Ibiza und Spesenskandal noch glaubwürdig in ihrer Paraderolle als Kämpferin für den kleinen Mann, erhob das Pofeln zur Koalitionsbedingung. Und Sebastian Kurz, Nichtraucher und Botschafter der Initiative "Don't Smoke", knickte vor Kettenraucher Heinz-Christian Strache ein - das Rauchverbot wurde gestoppt. Dafür ignorierten Kurz und Strache neben der Expertise von Ärztekammer und Krankenkassen auch das Nichtraucher-Volksbegehren, das 881.692 Unterschriften sammelte. Begrüßt wurde der Salto rückwärts hingegen von den Wirten, die um ihre rauchenden Stammgäste fürchten und teils massiv in separierte Raucherräume investiert haben.

Mit dem Ende der ÖVP/FPÖ-Koalition im Mai dieses Jahres entdeckten Kurz und seine Partei aber plötzlich ihre Haltung wieder und stimmten mit allen anderen Fraktionen (außer der FPÖ, versteht sich) im Sommer des "freien Spiels der Kräfte" für das Rauchverbot, das sie keine zwei Jahre zuvor gestoppt hatten. Die letzte Hoffnung der Raucher und der Wirte: der Verfassungsgerichtshof, vor dem die Betreiber der Nachtgastronomie klagen wollten. Konjunktiv II, wohlgemerkt - die Richter wiesen am Mittwoch schon den Antrag auf Befassung ab. Die Begründung lässt sich in etwa so zusammenfassen: Die Politik hat jedes Recht, so ein Gesetz zu erlassen. Selbst wenn die Gefahr besteht, dass die Menschen nun draußen rauchen und damit die Anwohner nerven. Für eine Ausnahmeregelung kämpfen noch die Shisha-Bars, mit einer auf den ersten Blick bestechenden Logik: Hier müsse niemand geschützt werden, weil niemand zu einem anderen Zweck durch die Tür trete, als Wasserpfeife zu rauchen.

Ein Verfahren könnte aber ein halbes Jahr dauern, bis dahin gilt das Rauchverbot. Fraglich nur, wie scharf es exekutiert wird. Die Stadt Wien kündigte sofortige Kontrollen an; wo Gäste mit Tschick erwischt werden, zahlt das Lokal bei der ersten Anzeige 800 Euro, Wiederholungstäter müssen mit bis zu 10.000 Euro Strafe rechnen. Selber rauchen ist billiger: Bis zu 100 Euro kassieren die Beamten von Rauchern, im Wiederholungsfall bis zu 1000 Euro. In Innsbruck will die Stadt erst einmal mahnen und aufklären, Klagenfurt schickt keine Kontrolleure in die Wirtshäuser, sondern will nur auf Beschwerden und Anzeigen reagieren - oder bei Kontrollen zu Sperrzeiten oder Lärmpegel auch nach Aschenbechern fahnden.

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Österreich hat die Zahl seiner Literaturnobelpreisträger vergangene Woche verdoppelt, nach Elfriede Jelinek 2004 zeichnete die Schwedische Akademie in diesem Jahr Peter Handke aus. "Wir sind Nobelpreis", titelte das Gratisblatt "Österreich" etwas vorhersehbar, traf damit aber die Grundstimmung der ersten Reaktionen. Nun ist die Euphorie wie weggeblasen, die Kritiker werden lauter, sie erinnern an Handkes Grabrede für den Ex-Präsidenten Serbiens, Slobodan Milošević, der in Den Haag verstarb, bevor sein Prozess wegen unzähliger Kriegsverbrechen beendet werden konnte.

Die Parteinahme für die Serben im Jugoslawien-Krieg fand sich auch in Handkes Literatur, das ist es, was Saša Stanišić ihm in seiner wütenden Rede beim Deutschen Buchpreis vorwarf, der sich "erschüttert" zeigte über den Nobelpreis für den Österreicher: "Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat", sagte Stanišić. Er wurde in Visegrad geboren, wo serbische Einheiten 1992 ein Massaker mit geschätzt 3000 muslimischen Todesopfern anrichteten. Handke schrieb über Visegrad, aber, so Stanišić: "Er erwähnt die Opfer nicht."

*Datenschutz

Nun wüsste man gern, was Handke dazu sagt, und dank einer wagemutigen ORF-Journalistin kennen wir die Antwort: allerlei Dinge, für die man eher keinen Literaturnobelpreis bekommt. "Ich bin nicht hier, um auf diesen Scheißdreck zu antworten, und jetzt verschwinden Sie sofort, bitte", motzte er bei einem Empfang in seinem Kärntner Heimatdorf Griffen ins ORF-Mikro. Seine letzten Worte in die Kamera: "Ich hasse den Journalismus." Zum Instant Classic brachte es seine - auch für einen Nobelpreisträger bemerkenswert unbescheidene - Einordnung des eigenen Werks in den Literaturkanon: "Ich bin Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen."

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++ Ein Meilenstein mit zweifelhaftem Wert: Eliud Kipchoge hat am Samstag in Wien als erster Mensch die 42,195 Kilometer unter 2 Stunden absolviert. Mit einem Marathon hatte der Lauf aber nur die Distanz gemein, 41 Pacemaker halfen dem Kenianer, ein Laser markierte Ideallinie und -geschwindkeit, die Strecke im Prater war sorgsam gewählt und extra saniert. ++ Ein Omen für die Verhandlungen im Bund? Bei den Landtagswahlen in Vorarlberg am Sonntag hießen die großen Gewinner ÖVP (43,5 Prozent) und Grüne (18,9 Prozent), die Verhandlungen über ein erneutes Bündnis laufen bereits. ++ Ob auch Kurz eine Koalition mit den Grünen zimmert, ist noch unklar, momentan sondiert er noch potenzielle Partner. Genug vom Abtasten hat die SPÖ-Parteichefin Pamela Rendi-Wagner. Sie sagte, sie stehe ab sofort nur noch für ernsthafte Koalitionsverhandlungen zur Verfügung. ++ Kitzbühel eröffnet diesen Samstag als erstes Nicht-Gletschergebiet die Saison, auf zwei schmalen Pisten aus Altschnee, die bei Sonnenschein und spätsommerlichen 20 Grad von Planierraupen in die braunen Wiesen geschoben wurden. Völlig gaga, schimpfen Umweltschützer. Vergangenes Jahr hielt das weiße Band übrigens nur ein paar Tage, dann war es geschmolzen. ++

Mit dem ökologisch mindestens bedenklichen Wintersport in Zeiten der Erderwärmung befassen wir uns in einer der nächsten Ausgaben, für heute verabschiede ich mich mit einem TV-Tipp für alle, die von der Erkältungswelle auf die Couch gezwungen werden: In der ARD-Mediathek können Sie "Curling für Eisenstadt" nachschauen - eine seichte Komödie, zugegeben, aber mit Schmäh. Der Schauplatz: Eisenstadt, die Hauptstadt des Burgenlandes, dem Ostfriesland Österreichs. Wie fälscht ein Burgenländer einen 10-Euro-Schein? Er nimmt einen 100-Euro-Schein und streicht eine Null durch.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: n-tv.de

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