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Berlin Tag & MachtHaste Krise am Fuß, haste Krise am Fuß

30.07.2026, 19:04 Uhr MARIE-VON-DEN-BENKEN-N-TV-LIZENZFREIE-BILDER-01Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Merz wollte eine Woche des Neustarts. Herausgekommen ist eine Debatte über Führungsstil und Kanzlertauglichkeit. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Friedrich Merz wollte mit einer großen Personalrochade Führung demonstrieren. Danach war Spahn weg, Schnieder sauer, dessen Bruder ebenfalls, die CDU nervös - und Söder schon mit dem Comeback des gerade entsorgten Fraktionschefs beschäftigt. Shakespeare hätte daraus fünf Akte gemacht. Fußball-Weltmeister Brehme nur einen Satz.

Der neumodisch von Anglizismen durchsetzte Volksmund formuliert ziemlich eindeutige Vorgehensempfehlungen. Eine davon: Never Change a Winning Team. Strenggenommen bedeutet das zwar, Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp müsse den EM-Titel 2028 mit einer von Matthias Sammer, Jürgen Klinsmann, Andreas Köpke, Andreas Möller, Dieter Eilts und Oliver Bierhoff angeführten Rentnertruppe nach Hause holen, aber das sind Details. Andererseits: Viel Geld sollte man besser nicht darauf wetten, dass die aktuelle Nationalelf, die kürzlich gegen Paraguay antrat, gegen die 1996er EM-Helden automatisch gewinnen würde. Ecuador lässt grüßen.

Ich hingegen halte mich selbstredend an ungeschriebene Gesetze und ändere ein Gewinnerteam nie. Vergangene Woche bekam ich zahlreiche Zuschriften, nachdem ich diese leitpolitische Standortbestimmungskolumne mit einem Zitat von Rudi Assauer einläutete. Diese Woche möchte ich an diese beim Stammpublikum offenbar liebgewonnene Tradition anknüpfen und einer weiteren Ikone der volkssportlichen Massenpsychose Profifußball das Eröffnungswort erteilen: Fußball-Weltmeister Andreas Brehme.

Beim sympathischen Teilzeitphilosophen ("Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!") aus Hamburg-Barmbek waren hellseherische Fähigkeiten offenbar noch imposanter ausgeprägt als sein rechter Fuß, mit dem er Deutschland 1990 im Finale gegen Argentinien zum Titel schoss. Die ihm zugeschriebene Prophezeiung "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" jedenfalls liegt zwar inhaltlich irgendwo zwischen Heraklit und einem Field-Interview mit Werner Hansch bei drei Grad und strömendem Regen nach einem 0:0 in Bochum, ist andererseits aber eine perfekte, beinahe literarische Beschreibung der Woche von Friedrich Merz.

Was haben Shakespeare und Andreas Brehme gemeinsam?

Und bevor es wieder Leserbriefe hagelt, warum in Deutschlands seriösester Fachkolumne plötzlich Fäkalausdrücke Einzug halten, hier kurz eine gesamtlyrische Globaleinordung. Die Feststellung "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" mag sich aus sprachfiligraner Sicht nicht auf Georg-Büchner-Preis-Niveau bewegen, ist aber letztendlich auch nur die volkstümliche Variante von Shakespeares "Hamlet". Dort lässt der Andi Brehme der Sonette, König Claudius, feststellen: "Unglücke kommen nicht als einzelne Späher, sondern in Bataillonen". Im Grunde die feuilletonistische Ausführung von "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" also.

Egal also, ob Straßenfußballer Brehme oder Feingeist Shakespeare: Feuilleton und eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Katastrophen, das bringt uns ohne Umwege zu Friedrich Merz. Dessen Erfolgskonzept der vergangenen Woche lautete: Personalkonfusion. Für die Rochaden, mit denen Kabinetts-CEO Merz zuletzt versuchte, seine Umfragewerte auf Tierschutzpartei-Niveau zu frisieren, braucht man inzwischen einen auf 603-Euro-Basis engagierten Protokollanten.

Anders ist es ausgeschlossen, die Irrungen und Wirrungen seiner Postenposse halbwegs vollständig wiedergeben zu können: Jens Spahn ist nicht mehr Fraktionsvorsitzender. Ihn ersetzt Thorsten Frei. Nina Warken ist nicht mehr Gesundheitsministerin, sondern Kanzleramtsministerin. Carsten Linnemann ist nicht mehr CDU-Generalsekretär, dafür Gesundheitsminister. Franziska Hoppermann ist jetzt Generalsekretärin. Philipp Amthor koordiniert neuerdings im Kanzleramt die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern. Patrick Schnieder ist nicht mehr Verkehrsminister, Fritz Güntzler aber auch nicht. Steffen Bilger aber schon - und Friedrich Merz ist erstaunlicherweise weiterhin Bundeskanzler.

Schnieders Bruder zeigt "erhebliches Unverständnis"

Seit dieser Edition "Reise nach Jerusalem" für kommunikative Nichtschwimmer, die im Haifischbecken Regierungsviertel noch mit Schwimmflügeln unterwegs sind, wird der innenpolitische Supergau "Personalpolitischer Totalschaden" im Duden unter dem Adjektiv "merzen" geführt. Totale Bruchlandung. Oder wie man im Konrad-Adenauer-Haus inzwischen sagt: ein normaler Montag.

Während Deutschland also nach wie vor als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt firmiert, Atommacht Russland Krieg in Europa führt, der Iran sein eigenes Volk abschlachtet, Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist und linke "Israelkritiker" am Narrativ arbeiten, der CSD-Terrorist Abdul Ballout sei kein Anhänger der Terrorgruppe IS, sondern im Prinzip eigentlich AfD-Fan, NiUS-Abonnent, Rechtsextremist und Zionist, besteht im Bundeskabinett der größte Diskussionsbedarf bei der Frage: Kommt Patrick Schnieder noch zur Arbeit, oder ist er zickig, weil Friedrich auch da ist?

In Rheinland-Pfalz kam dieser neue Fauxpas aus der Knie-Selbstschussanlage von Merz besonders schlecht an. Dort regiert Gordon Schnieder, Patrick Schnieders Bruder. Gordons CDU-Landtagsfraktion sagte einen lang geplanten Termin mit Merz spontan ab, weil der Umgang mit Patrick "für erhebliches Unverständnis" gesorgt habe. "Erhebliches Unverständnis" dem eigenen Kanzler gegenüber, das ist CDU-intern etwa das, was bei toxischen Familien an Weihnachten dazu führt, dass jemand den Baum abfackelt, Geschenke mit einem Vorschlaghammer zertrümmert und die halbe Familie um drei Uhr nachts mit 3,8 Promille ins Auto stürzt und vorzeitig abreist.

... und dann kam Söder

Und der Ärger reicht inzwischen weit über Heiligabend hinaus. CDU-Politiker beschrieben Merz' Umgang mit Schnieder als "schäbig", "unwürdig" und "unterirdisch". Dennis Radtke vom Arbeitnehmerflügel erklärte sogar, die Lage der CDU sei ernster als während der Spendenaffäre. Welche Auswirkungen diese damals auf die CDU hatte, muss den Innenpolitik-Experten aus meiner Leserschaft nicht lange erläutert werden: Wolfgang Schäuble war gerade 15 Monate CDU-Chef, als die Spendenaffäre seine Parteiführung beendete. Pikant dabei: Den Fraktionsvorsitz übernahm im Jahr 2000 damals ein junger Hoffnungsträger: Friedrich Merz. Der heutige Kanzler kennt also die alte Berliner Regel: Parteivorsitzender ist ein Spitzenamt, nur halt nicht zwingend besonders lange.

Der größte Hoffnungsschimmer im Laientheater der professionalitätsallergischen Selbstdarsteller ist somit wohl Thorsten Frei. Der ehemalige Oberbürgermeister der Weltstadt Donaueschingen wurde mit 170 von 185 Stimmen zum neuen Fraktionschef gewählt. Satte 91,9 Prozent. Ein starkes Ergebnis. Für Merz, bei dem die Anlässe für Superlative zuletzt eher rar gesät waren, sogar "ein beeindruckendes Resultat". Verständlich. In einer Woche, in der bereits mindestens ein Bundesminister nicht mehr mit ihm reden wollte und eine komplette Landtagsfraktion Termine absagt, wirken 91,9 Prozent für einen Merz-Vertrauten vermutlich wie die Triumphzüge von Erich Honecker bei den Volkskammerwahlen in der DDR zwischen 1971 und 1986.

Lange hielt die Euphorie allerdings nicht. Etwa vier Minuten später trat Markus Söder ans Mikrofon und stimmte aus dem Stegreif das Loblied auf den soeben spitzenpolitisch entsorgten Jens Spahn an: "Jemand mit solchen Talenten und so einer politischen Kraft, der wird sicher irgendwann wieder eine führende Rolle übernehmen." Merz stand staunend daneben und wirkte ein bisschen wie Julian Nagelsmann nach dem letzten Elfmeter gegen Paraguay. Kurz befürchtete man, der Food-Blogger aus München würde gleich noch eine Grußbotschaft von Angela Merkel verlesen, in der sie beteuerte, notfalls stünde sie natürlich für ein Comeback zur Verfügung.

Merz wollte eine Woche des Neustarts. Herausgekommen ist eine Debatte über Führungsstil und Kanzlertauglichkeit. Jens Spahn weg, Patrick Schnieder beleidigt, Schnieders Bruder sauer, eine rheinland-pfälzische CDU-Fraktion taktisch terminlich verhindert, Ärztevertreter auf den Barrikaden, die eigene Partei nervös und Markus Söder damit beschäftigt, öffentlich die Rückkehr jenes Mannes vorherzusagen, dessen Nachfolger Merz gerade feierlich präsentierte. Shakespeare hätte daraus vermutlich 15 Akte gemacht. Andreas Brehme brauchte nur einen Satz. Merz selbst erklärte anschließend vorsichtshalber, die Regierungsumbildung sei nun abgeschlossen. Wenigstens eine gute Nachricht also. Zwar nicht zwingend für Deutschland. Aber immerhin für die verbliebenen Minister. Die können endlich wieder ans Telefon gehen, wenn Friedrich Merz anruft.

Quelle: ntv.de

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