Politik
Dienstag, 12. Januar 2010

"Der einzige Zweck war die Ermordung": Historiker schildert NS-Maschinerie

Mahnmal am ehemaligen Vernichtungslager Sobibor.
Mahnmal am ehemaligen Vernichtungslager Sobibor.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk hat ein Historiker grausame Einzelheiten der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie geschildert. Das Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen, in dem Demjanjuk Wachmann gewesen sein soll, habe allein der Ermordung von Juden gedient, sagte Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München vor dem Landgericht. Ein geplanter Umbau zum KZ habe nicht stattgefunden.

Ohne Regung: Demjanjuk beim Prozess in München.
Ohne Regung: Demjanjuk beim Prozess in München.(Foto: AP)

Der gebürtige Ukrainer Demjanjuk ist angeklagt, 1943 bei der Ermordung von 27.900 Juden in den Gaskammern geholfen zu haben. Der gesundheitlich angeschlagene 89-Jährige verfolgte den vierten Prozesstag erneut reglos liegend auf einem Rollbett. Gleich zu Beginn legte er sich seine blaue Kappe aufs Gesicht und nahm sie auch nicht ab, als Pohl dem Gericht mit Projektionen an die Wand Aufbau und Organisation des Vernichtungslagers mit Gaskammern, Massengräbern und Minenfeldern erläuterte. Demjanjuk schweigt zu den Vorwürfen.

170.000 Menschen starben in Sobibor

Pohl schilderte auch die grauenvollen Zustände bei den Transporten, die viele der Deportieren nicht überlebten. Rund 170.000 Menschen starben nach Pohls Einschätzung im Lager Sobibor. Dahinter stünden Einzelschicksale, die vielfach nicht mehr rekonstruierbar seien. Vor allem von ermordeten Juden aus Polen und Weißrussland seien bis heute nicht einmal die Namen bekannt. Rund 25 bis 30 Deutsche sowie 100 bis 120 Trawniki-Männer, zu denen Demjanjuk gehört haben soll, seien in Sobibor eingesetzt gewesen. Trawniki ist ein Dorf in Polen, wo sowjetische Kriegsgefangene wie Demjanjuk in einem Lager zu SS-Hilfskräften ausgebildet wurden.

Antragsflut vom Verteidiger

Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch überzog das Gericht erneut mit einer Antragsflut. Das Verfahren müsse auf unbestimmte Zeit, mindestens aber für ein Jahr ausgesetzt werden. Er verlangte, Hunderte Akten beizuziehen. Außerdem müssten die Nebenkläger und ihre Verteidiger vom Prozess ausgeschlossen werden.

Der Vorsitzende Richter Ralph Alt reagierte mit Unverständnis. Die Nebenkläger seien vom Gericht zugelassen worden. "Wie ich jetzt dazu kommen soll, das zu widerrufen, ist mir nicht klar", sagte Alt. Zu einem Wortgefecht kam es auch mit Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz, der "unhaltbare" Vorwürfe Buschs zurückwies, Dokumente aus den USA und Polen nicht zu den Akten genommen zu haben.

In dem Prozess, der seit seinem Beginn weltweit Aufsehen erregt, sind bis Mai vorerst 35 Verhandlungstage angesetzt. Wegen Demjanjuks Gesundheitszustand darf pro Tag nicht länger als zweimal 90 Minuten verhandelt werden.

Demjanjuk auf Wiesenthal-Liste ganz oben

Auf der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher, die das Simon Wiesenthal Center jährlich herausgibt, steht Demjanjuk an erster Stelle. "Wir haben drei Kriterien, auf deren Basis wir die Verbrechen von Individuen bewerten und anhand derer wir entscheiden, auf welchem Platz sie stehen", erläutert der Leiter des israelischen Büros des Simon Wiesenthal Center, Efraim Zuroff, im Interview mit n-tv.de. "Das erste ist das Ausmaß des Verbrechens, die Zahl der beteiligten Fälle, die Zahl der Opfer. Das zweite Kriterium ist, ob die Person persönlich Morde begangen hat, das dritte ihr Rang, ihr Dienstgrad, ihre Macht."

Demjanjuk sei in den ersten beiden Kriterien sehr hoch einzustufen, im dritten Kriterium dagegen nicht. "Aber die Gesamtbetrachtung ergibt, dass er aktiv und persönlich an der Ermordung von 29.000 Menschen beteiligt war", so Zuroff. "Die Tatsache, dass er einen niedrigen Rang bekleidete, schützt ihn in keinster Weise vor strafrechtlicher Verfolgung."

Quelle: n-tv.de

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