Politik

Sportpolitikerin Freitag zu Özil "Ich bedaure, dass er das Foto verteidigt hat"

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Mesut Özil ist wütend aus dem deutschen Fußball-Nationalteam zurückgetreten. Die gesellschaftspolitische Debatte kocht derweil neu hoch.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Mesut Özils krachender Rücktritt von der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beschäftigt auch die Politik. Die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag, kritisiert im Interview mit n-tv.de Özils mangelndes Taktgefühl - aber auch den DFB. Dessen Missmanagement bedrohe die nationale Integrationsarbeit.

n-tv.de: Mesut Özil beklagt in seinem Rücktrittsschreiben "Rassismus und fehlenden Respekt". Inwiefern hat er damit Recht?

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Die SPD-Politikerin Dagmar Freitag ist Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag.

(Foto: imago/photothek)

Dagmar Freitag: Nach Bekanntwerden des Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan hat es rassistische Anfeindungen gegen ihn in den sozialen Netzwerken gegeben. Was dort teilweise zu lesen war, war weit unter der Gürtellinie. Da verstehe ich, dass er sich verletzt fühlt. Er muss aber auch einsehen, dass er mit dem Foto während Erdogans Wahlkampf den Anstoß für die gesamte Diskussion geliefert hat. Persönlich bedaure ich, dass er in seiner Stellungnahme dieses Foto noch einmal verteidigt hat. Das zeigt, dass er nicht verstanden hat, dass ein Foto in Wahlkampfzeiten mit einem Autokraten niemals nur privat ist, sondern immer auch eine politische Botschaft hat.

Hochrangige türkische Politiker haben Özils Rückzug unter anderem als "wunderschönes Tor gegen das Virus des Faschismus" gelobt - ein Eigentor für Özil?

Daran ist zu erkennen, wie die türkische Politik wiederholt Äußerungen für ihre Zwecke missbraucht. Özil scheint nicht klar zu sein, dass er erneut instrumentalisiert wird.

Als Grund für das Fototreffen nennt Özil seine türkischen Wurzeln. Können Sie dieses Argument grundsätzlich nachvollziehen?

Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, dass sich Menschen mit Wurzeln in zwei Ländern auch zwei unterschiedlichen Nationen verbunden fühlen. Damit kann unsere Gesellschaft auch umgehen. Wir können aber weniger mit jemandem umgehen, der zwar eine herausragende Stellung innerhalb einer Nationalmannschaft unseres Landes hat, sich aber offenkundig überhaupt keine Gedanken darüber macht, mit wem er für Fotos posiert - in diesem Fall mit jemandem, der in seinem eigenen Land Menschenrechte und Pressefreiheit einschränkt und dort auch massive Proteste hervorruft. Das ist ein Schlag ins Gesicht derer, die in der Türkei für Freiheit und Menschenrechte auf die Straße gehen.

Auf dem Foto posierte auch Ilkay Gündogan. Über ihn redet heute allerdings kaum jemand. Was hat er besser gemacht als Özil?

Immerhin hat er sich vor der WM der Presse gestellt. Özil hingegen hat bis heute auf keinerlei Anfragen reagiert. Nun hat er seine Erklärung nach vielen Wochen des Schweigens über Twitter herausgegeben. Das zeigt, dass er nicht bereit ist, Nachfragen zu beantworten. Das macht eine aus meiner Sicht aber notwendige Diskussion mit ihm schwierig bis unmöglich.

Dennoch gibt es diese Debatte. Was sagt sie über die Gesellschaft aus?

Die derzeitige Debatte ist ohnehin bereits mehr als schwierig. Die Causa Özil hat die gesellschaftspolitische Integrationsdebatte weiter angeheizt und sicherlich nicht im positiven Sinne beeinflusst.

Wie wird sie sich denn auf die künftige Integrationsarbeit in Deutschland auswirken?

Zunächst einmal gibt es in dieser Angelegenheit nur Verlierer. Das gilt für den DFB und für Özil, aber auch für den gesamten Sport, der zweifellos herausragende Integrationsarbeit leistet und leisten kann. Ich hoffe, dass sich all die Ehrenamtlichen, die sich tagtäglich um Integration bemühen, nicht frustriert abwenden.

Wie viel Schuld hat der DFB an der Eskalation beim Thema Özil?

Dort haben viele Beteiligte Fehler gemacht. Mich irritiert, dass dieser hochprofessionell aufgestellte Verband mit all seinen Medienberatern letztlich so unprofessionell mit dieser Frage umgegangen ist. Wenn beispielsweise Oliver Bierhoff als extrem erfahrener, hochrangiger Mitarbeiter des DFB Äußerungen von sich gibt und sich anschließend missinterpretiert fühlt, ist da etwas gewaltig schief gelaufen.

Welche Reaktion erwarten Sie nun von DFB-Präsident Reinhard Grindel und dem gesamten Verband?

Sie werden sich zu Özils Vorwürfen äußern müssen. Allein der Verweis, dass Grindel zurzeit im Urlaub sei, wird den DFB nicht davon entbinden, dazu Stellung nehmen zu müssen. Das muss zeitnah beantwortet werden. (das Interview ist kurz vor Erscheinen der DFB-Stellungnahme geführt worden, Anm.d.R.)

Sich selbst bewirbt der DFB stets als tolerant und vielfältig. Ist das glaubwürdig?

Das wird der DFB nun umso mehr unter Beweis stellen müssen. Im Fußball gibt es zahlreiche hervorragende Projekte und viele Leute, die engagierte Integrationsarbeit leisten. Es wäre eine Katastrophe, wenn das nun durch das aktuelle Missmanagement des DFB in Mitleidenschaft gezogen würde.

Mit Dagmar Freitag sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de

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