Politik

Drama der nuklearen Verseuchung Japaner sind tief verunsichert

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Schüler einer Grundschule in der Nähe des Katastrophenreaktors Fukushima Daiichi.

(Foto: REUTERS)

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami und dem Atomunglück hilft Caritas international noch immer in den japanischen Katastrophengebieten. Oliver Müller, der Leiter der Organisation, beobachtet, dass die Menschen die Belastungen immer schwerer verkraften. Die Verunsicherung führe zunehmend zu psychischen Problemen, sagt er n-tv.de. Ein schneller Wiederaufbau sei vielerorts nicht in Sicht  und "für den Umgang mit der radioaktiven Gefahr gibt es keine wirkliche Lösung". 

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Oliver Müller, der Leiter von Caritas international, im Januar 2012 im Behindertenzentrum Nozomi in Minami-Sanriku.

(Foto: Caritas international)

n-tv.de: Sie waren gerade in den japanischen Katastrophengebieten, wie haben Sie die Situation der Menschen dort erlebt?

Oliver Müller: Wir haben es ja mit einer Dreifachkatastrophe zu tun: Da ist zum einen das Erdbeben, dann der Tsunami und schließlich die Reaktorkatastrophe. Für das Erdbeben war Japan gut gerüstet, der Tsunami auf fast 600 Kilometern Länge an der japanischen Küste entlang hat allerdings enorme Schäden verursacht. Rund 100.000 Menschen sind noch in Notunterkünften. Deren Lage ist materiell gesehen ganz gut. Sie leiden aber dennoch sehr unter der Situation in den engen Unterkünften. Es gibt psychische Probleme und weitgehend ungeklärt ist für viele die Perspektive. Sie fragen sich, wann und wohin können sie zurückkehren. Das hängt vor allem mit dem dritten Teil der Katastrophe, mit der Reaktorkatastrophe zusammen. Aber auch in den vom Tsunami zerstörten Gebieten ist der Wiederaufbau zum Teil noch unklar.

Was tut die Caritas dort für die Menschen?

Wir haben die Menschen in den Notunterkünften von Anfang an mit verschiedenen Dingen versorgt, wie beispielsweise mit beheizbaren Decken. In diesen Containern ist es sehr zugig, zudem hatte Japan einen der kältesten Winter seit Jahren. Das hat die Situation zusätzlich schwierig gemacht. Wir haben uns auf spezielle Zielgruppen, wie alte und behinderte Menschen konzentriert, die durch die allgemeinen Hilfen mit ihren besonderen Bedürfnissen nicht ganz erfasst werden. Sozialarbeiter besuchen diese Menschen, hören ihnen zu, beraten sie bei dem, was jetzt zu tun ist und helfen ihnen dabei, wieder in eine gewisse Normalität zurückzufinden. Als nächstes steht für uns jetzt an, soziale Einrichtungen auch wieder aufzubauen.

Wie zeigt sich die psychosoziale Belastung der Menschen?

Das wird man wahrscheinlich erst langfristig wirklich sagen können. Es gibt familiäre Schwierigkeiten und soziale Spannungen in den sehr engen Notunterkünften. Dort leben Menschen, Familien auf 20 bis 25 Quadratmetern zusammen. Es gibt Eheprobleme, und es ist abzusehen, dass die anderen üblichen Schwierigkeiten, wie beispielsweise Alkohol eine Rolle spielen werden. Das lässt sich alles in den ersten Monaten leichter verkraften, aber es werden wahrscheinlich viele Menschen noch ein bis zwei Jahre in Notunterkünften bleiben müssen.

Welche Hilfen bieten Sie den Menschen an?

Die Katastrophe in Zahlen

Erdbeben
Freitag, 11. März 2011, 14.46 Uhr (Ortszeit, 06.46 Uhr MEZ)
Stärke: 9,0
Tsunami
Tsunami-Warnung drei Minuten nach dem Erdbeben
Höhe der Wellen: mehr als 15 Meter an verschiedenen Orten, etwa in Ishinomaki, Soma und Ofuna.
Opfer
15.846 bestätigte Tote (Stand 7. Februar 2012
3317 Vermisste
Keine offiziellen Toten oder Vermissten aufgrund der erhöhten Strahlung nach dem Atomunglück in Fukushima
6011 Verletzte
Flüchtlinge
341.411 Menschen über das ganze Land verteilt
52.882 Notunterkünfte gebaut
Zerstörung
128.558 Gebäude komplett zerstört
916.883 Gebäude teilweise zerstört
22 Millionen Tonnen Schutt in den drei am stärksten betroffenen Präfekturen Miyagi, Iwate, Fukushima
Hilfe und Wiederaufbau
163 Länder unterstützten Japan mit Spenden, Hilfsteams und Rettungsmaterial.
Zwischen April 2011 und März 2012 hat die Regierung in Tokio mehr als 200 Milliarden Euro für den Wiederaufbau bereitgestellt.

Wir versuchen Räume zu schaffen, in denen die Menschen die Möglichkeit bekommen, aus der Beengtheit der Notunterkünfte oder Häuser herauszukommen – auch aus der Beengtheit des Alltags, der ja oft von Arbeitslosigkeit geprägt ist. Das ist uns sehr wichtig. Die Caritas hat bereits ein neues Sozialzentrum in Ishinomaki eröffnet, einem der am stärksten betroffenen Orte. Da kann man einfach hinkommen, eine Tasse Tee trinken, sich mit anderen treffen und austauschen. Es gibt psychologische Beratung. Es findet einfach Vernetzung statt. Diese Art der Sozialarbeit ist für japanische Verhältnisse relativ neu, bringt Menschen aber zusammen und aus der Isolierung heraus. Das ist vor allem für die älteren Menschen wichtig, von denen es in den Containersiedlungen besonders viele gibt. Denn viele Jüngere haben die Orte schon verlassen und versuchen, anderswo eine Arbeit und ein neues Leben zu finden.

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie getroffen?

Das Zusammenspiel von freien Hilfsorganisationen oder Wohlfahrtsverbänden und den Regierungsstellen ist etwas völlig Neues für Japan. Im Rahmen des japanischen Sozialsystems war das bisher nicht notwendig. Die Caritas Japan war bis zu der Katastrophe ausschließlich im Ausland tätig. Das gab es in Japan nicht und bedurfte erst einmal der Einübung. Es war nicht so einfach für die Hilfsorganisationen ihre Rolle zu finden, damit sie wirklich helfen können. Am Anfang gab es ziemlich strenge Reglementierungen durch staatliche Stellen, die mit den Hilfsorganisationen nicht wirklich etwas anzufangen wussten. Das hat sich inzwischen wesentlich gebessert. Die zentrale Herausforderung wird aber auch sein, dass es da zu zivilgesellschaftlichen Strukturen kommt.

Japan ist eine reiche Industrienation. Warum ist das Land trotzdem auf internationale Hilfe angewiesen?

In den Tagen nach dem Erdbeben haben wir uns auch gefragt, ob wir dort helfen sollen. Die Antwort haben letztlich ziemlich schnell unsere Spender gegeben. In Deutschland sind insgesamt über 70 Millionen Euro zusammengekommen. Es wird zwar auch in Japan sehr viel gespendet und es gibt auch staatliche Hilfen. Aber es gibt eben auch in einem Land wie Japan Bevölkerungsgruppen, die nicht durch die allgemeine Hilfe abgedeckt werden und die durchs Raster fallen. Auf diese Bevölkerungsgruppen konzentrieren wir uns. Man muss sich auch vor Augen halten, es ist wahrscheinlich die teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten. Experten gehen von Schäden im Wert von 245 Milliarden Euro aus. Das sind gewaltige Summen. Natürlich darf man die Situation in Japan mit keinem anderen Land vergleichen, in dem Caritas international sonst hilft. Aber mein Eindruck ist, dass beispielsweise für die Dürre in Ostafrika nicht weniger gespendet wurde. Die Menschen verrechnen das nicht miteinander.

Ein Jahr ist vergangen, wie weit ist denn der Wiederaufbau schon vorangekommen?

Die Menschen sind ziemlich unzufrieden. Der Wiederaufbau geht ihnen zu langsam. Das kann ich gut nachvollziehen, aber ich habe auch Verständnis für die Regierung und zuständigen Präfekturen. Oftmals ist noch vollkommen unklar, wie viele Menschen künftig an die wieder aufzubauenden Orte zurückkehren werden. Es gibt Orte, da sind nur zwei Kinder für den Kindergarten wieder angemeldet. Da steht man vor der Frage, hat ein Ort, in dem es keine Kinder mehr gibt, eine Zukunft? In den vom Tsunami betroffenen Gebieten standen viele Häuser direkt am Meer. Dürfen oder können sie dort wieder aufgebaut werden? Da sind viele Dinge noch nicht geklärt. Das ist für die Opfer natürlich extrem schwierig und schmerzhaft.

Sie haben gesehen, wie die Menschen immer noch darum kämpfen, wieder in ein normales Leben zu finden. Was hat Sie am meisten berührt?

Das eigentliche Drama besteht in der nuklearen Verseuchung. Ich habe es als sehr bedrückend empfunden, dass es für den Umgang mit der radioaktiven Gefahr keine wirkliche Lösung gibt. Hier gibt es eine enorme Unsicherheit, die auch trotz der scheinbar beruhigenden Messwerte nicht auszuräumen ist. Man spürt vor Ort, dass man dieser Strahlung nicht entfliehen kann. Einerseits wurden viele Schulhöfe und Sportplätze dekontaminiert. Gleichzeitig wird den Kindern gesagt, sie dürfen nicht auf die Wiesen und in den Wald gehen, weil dort die Strahlung noch bedeutend höher ist. Auch was die Lebensmittel angeht, sind die Menschen total verunsichert. Man merkt, wie stark sich diese radioaktive Strahlung auf alle Lebensbereiche auswirkt.

Mit Oliver Müller sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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