Politik

Sponti, Minister, Lobbyist Joschka Fischer - das grüne Alphatier

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Lange Zeit das Aushängeschild der Grünen: Joschka Fischer.

(Foto: dpa)

Joschka Fischer ist ein Politiker mit Ecken und Kanten, der keine Auseinandersetzung scheut. Davon können auch die Grünen ein Lied singen. Fischer, der sein siebtes Lebensjahrzehnt vollendet, hat seine Partei regierungsfähig gemacht.

Bei der sogenannten Elefantenrunde nach der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 geht es hoch her. Die rot-grüne Koalition hat ihre Mehrheit verloren, aber Gerhard Schröder will es nach seiner fulminanten Aufholjagd noch nicht wahrhaben. Der dritte SPD-Bundeskanzler poltert wie besagter grauer Dickhäuter im berühmten Porzellanladen und spricht seiner CDU-Kontrahentin Angela Merkel die Fähigkeit ab, eine mehrheitsfähige Regierung unter Beteiligung "meiner Partei" bilden zu können. Es kommt danach ganz anders, die SPD zieht als Juniorpartner in eine Große Koalition unter Merkel ein.

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Mit Gerhard Schröder vor der "Berliner Runde" nach der Bundestagswahl 2005.

(Foto: dpa)

In dieser aufgeregten Runde bleibt einer ganz ruhig: Joschka Fischer. Fast teilnahmslos lässt der Bundesaußenminister das Procedere über sich ergehen. Fischer erkennt die Wahlniederlage von Rot-Grün an und beendet danach seine Karriere als Berufspolitiker. "Ich wollte nur noch weg", sagt der langjährige Übervater der Grünen später über die TV-Runde. Und Fischer ist konsequent: Er hält sich aus der Tagespolitik heraus. Lange Zeit ist er nicht mehr in den Medien präsent.

Fischer, der am 12. April seinen 70. Geburtstag feiert, sieht das Loslassen von der Politik auch als eine Art Selbstschutz. Helmut Kohls Auftritt im Bundestag 1999 im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre hatte großen Eindruck auf ihn hinterlassen. "Kohl hatte als Kanzler im Plenarsaal ja die physische Präsenz eines Leitbullen einer Elefantenherde. Kaum einer traute sich, ihn ernsthaft zu attackieren", sagte Fischer der "Süddeutschen Zeitung": "Aber damals war er nicht mehr Kanzler, da hatten fast alle den Respekt vor ihm verloren." Fischer, zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Regierungsbank, habe sich nur gefragt: "Warum sitzt er als sein eigenes Denkmal im Bundestag herum, statt nach Oggersheim zurückzugehen?" Für Fischer war klar: Einen Machtverfall solchen Ausmaßes, den die Wähler auch noch an den Bildschirmen mitverfolgen konnten, wollte er nicht über sich ergehen lassen. Dazu war er zu sehr Alphatier, um sich demontieren zu lassen oder sich mit der zweiten Reihe zufrieden zu geben.

Putztruppe und Aufstieg bei den Grünen

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Konsequent dick und konsequent dünn.

(Foto: dpa)

Es ist diese Konsequenz, die den am 12. April 1948 in Gerabronn im nordöstlichen Baden-Württemberg geborenen Fischer auszeichnet. Da ist sein Engagement in der Studentenbewegung und in der Außenparlamentarischen Opposition (APO) 1967 und 1968, seine Beteiligung an den Straßenschlachten mit der Polizei - bekleidet mit einem Motorradhelm - als Mitglied der Frankfurter Putztruppe in den 70ern. Dazu gehört auch sein nach zum Teil brutalen Machtkämpfen vollzogener Aufstieg innerhalb der Grünen in den 80ern und 90ern. Fischer wurde konsequent dick und danach ebenso wieder dünn. Es blieb dabei nicht nur beim Abnehmen. Wenn schon, dann musste auch eine Marathon-Teilnahme herausspringen - garniert mit dem Buch "Mein langer Lauf zu mir selbst". Die Öffentlichkeit sollte schon teilhaben an den Wandlungen des Joschka Fischer. Danach legte er wieder kräftig an körperlichem Gewicht zu - darüber schrieb Fischer allerdings kein Buch.

Auch privat machte Fischer keine halben Sachen: Er ist bereits zum fünften Mal verheiratet. Edeltraud Fischer, Inge Peusquens (mit ihr hat er zwei Kinder), Claudia Bohm und Nicola Leske heißen seine Verflossenen. Die Ehe mit der Filmproduzentin Minu Barati-Fischer hält immerhin schon fast 13 Jahre.

Fischer sieht sich als letzter Rock'n'Roller der deutschen Politik. Seine politische Vita war ohne Zweifel reich an Bewegungen, die auch jähe Wendungen beinhalteten. Dazu gehörten verbale Entgleisungen und Verletzungen.

Für den ehemaligen Sponti waren die Grünen das große Sprungbrett, um an die politische Spitze zu gelangen. Nach dem Einzug der Ökopartei in den Bundestag 1983 arbeitete Fischer an seinem Aufstieg. Erst mehr im Verborgenen, denn an Petra Kelly, Gerd Bastian und Otto Schily war noch kein Vorbeikommen. Doch dann avancierte Fischer im Zuge der innerparteilichen Auseinandersetzungen zwischen Fundis und Realos immer mehr zum starken Mann der Grünen.

"Turnschuh-Minister" in Hessen

Denn der Mann, der das Gymnasium ohne Abschluss verließ, eine Lehre als Fotograf abbrach und sich lange Zeit als Taxifahrer über Wasser hielt, fiel im Bundestag als begnadeter Redner auf - neben Schily der beste in der Grünen-Fraktion. Und Fischer teilte aus. Mit seiner Attacke gegen Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen sorgte er 1984 für Aufsehen. "Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch", warf er dem CSU-Politiker entgegen. Zudem war Fischer stets in der Bonner Kneipe "Provinz" präsent, um gemeinsam mit SPD-Nachwuchshoffnung Gerhard Schröder auf einem Bierdeckel Kabinettslisten zusammenzustellen.

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Hessens Ministerpräsident Holger Börner vereidigt seinen Umweltminister.

(Foto: dpa)

Doch vor dem gewünschten Ministeramt in der Bundesregierung stand 1985 erst einmal Hessen, wo es zur Bildung der ersten rot-grünen Koalition kam und Fischer erster Minister der Ökopartei wurde. Neben dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Holger Börner wirkte er wie ein Fremdkörper. Bereits seine Vereidigung zum Umweltminister im Wiesbadener Landtag sorgte für Aufsehen, da er in grobem Jackett und Turnschuhen erschien. Dieser Auftritt prägte den Begriff des "Turnschuh-Ministers". Fischer sollte von schweren Lehrjahren in Hessen sprechen. Im Februar 1987 war dann auch schon Schluss, weil das Regierungsbündnis am Streit um die Genehmigung für das Hanauer Nuklearunternehmen Nukem zerbrach. Vier Jahre später wurde Fischer wieder Umweltminister - diesmal in einer rot-grünen Koalition unter Ministerpräsident Hans Eichel.

Doch Bonn rief. 1994 übernahm Fischer den Fraktionsvorsitz für die in den Bundestag zurückgekehrten Grünen. Die Partei tickte mittlerweile in seinem Sinne. Seine härtesten innerparteilichen Gegner wie Jutta Ditfurth ("Ich mochte Fischer nicht") hatten der Partei mittlerweile den Rücken gekehrt. In den letzten bleiernen Jahren der Regierung Kohl führte Fischer die Grünen auf Bundesebene noch näher an die SPD heran. 1998 war er endlich am Ziel: Bundesaußenminister und Vizekanzler in der Schröder-Regierung - diesmal nicht nur auf dem Bierdeckel.

Bielefelder Farbbeutelattacke und Münchner "Not convinced"-Rede

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Fischer nach der Farbbeutelattacke auf dem Bielefelder Grünen-Parteitag.

(Foto: dpa)

Edler Zwirn statt Jeans - das diplomatische Parkett behagte Fischer und er avancierte zu einem Schwergewicht im rot-grünen Bundeskabinett. Die Jahre im Auswärtigen Amt waren zu Beginn sehr schwierig, denn Deutschland nahm im Zusammenhang mit dem Kosovokrieg an den Nato-Luftangriffen auf Ziele in Serbien teil. Seine Partei hatte Fischer bereits in teils schmerzhaften Auseinandersetzungen auf seinen realpolitischen Kurs eingeschworen. Das Massaker im bosnischen Srebrenica 1995 war sein Beweggrund, militärisch gegen den Belgrader Machthaber Slobodan Milosevic vorzugehen. Doch auf dem Bielefelder Grünen-Parteitag traf Fischer ein Farbbeutel eines Demonstranten. Der Konvent segnete den Kurs des Außenministers bei der Beteiligung am Nato-Einsatz dennoch ab. Wäre das nicht geschehen, hätte Fischer das Auswärtige Amt verlassen. Alles oder nichts. Da war sie wieder, diese Konsequenz.

Genauso klar war Fischers Nein zur Beteiligung am Irak-Krieg des US-Präsidenten George W. Bush. Er war voll auf Linie mit Kanzler Schröder, der mit diesem Thema 2002 Wahlkampf machte. "Excuse me, I'm not convinced" (Entschuldigen Sie, Ich bin nicht überzeugt), warf Fischer auf der Sicherheitskonferenz Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegen. Offene Konfrontation vor laufenden Kameras. Fischer lief zur Hochform auf und seine Umfragewerte stiegen.

Doch nicht immer konnte Fischer so offensiv auftreten. Unangenehm waren die Geister der Vergangenheit, die Fischer in seiner Minister- und Vizekanzlerzeit einholten. Anfang 2001 hatte die Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, Bettina Röhl, mit der Veröffentlichung der sogenannten Prügel-Fotos eine Debatte über Fischers militante Vergangenheit ausgelöst. Der Kanzler stellte sich vor seinen Außenminister. CDU-Chefin Merkel forderte Fischer auf, sich von der 68er-Revolte insgesamt zu distanzieren. Fischer wurde vor einen Untersuchungsausschuss zitiert und stundenlang befragt. Sein Amt konnte der ehemalige Sponti bis zur Abwahl von Rot-Grün 2005 behalten.

"Der ganze Dreck kommt wieder hoch"

Nach seinem Rückzug aus der Politik übernahm Fischer 2006 eine Gastprofessur an der US-Eliteuniversität Princeton, an der er über internationale Krisendiplomatie referierte. Danach zog es ihn in die Wirtschaft, unter anderem als Berater bei der von ihm gegründeten Firma Joschka Fischer & Company. Fischer machte zudem Werbung für das Elektroauto. Beim 2013 gescheiterten Gaspipeline-Projekt "Nabucco" war er als Lobbyist tätig. Fischers Distanz zu den Grünen wuchs in dieser Zeit. Bei Bundesparteitagen wurde er nach 2005 nicht mehr gesehen - ein Umstand, der ihm mit Sicherheit weniger Schmerzen bereitete.

Ein Thema lässt Fischer bis heute nicht los: die Zukunft Europas. Der derzeitige Zustand der Europäischen Union bereitete ihm große Sorge, die er in seinem neuen Buch "Der Abstieg des Westens: Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts" kundtut. Damit einher geht seine scharfe Kritik an den rechtspopulistischen Strömungen, insbesondere an der AfD. Für Fischer sind einzelne AfD-Politiker schlichtweg Nazis. Nun komme "der ganze Dreck wieder hoch". Fischer fordert von allen Demokraten eine harte politische Auseinandersetzung mit der AfD: "Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil."

Mittlerweile bahnt sich wieder eine Annäherung zu den Grünen an. Daran haben aber nicht die alten Parteivorderen wie Jürgen Trittin, Claudia Roth oder Renate Künast einen Anteil. Es ist das neue Führungsduo aus Annalena Baerbock und Robert Habeck, das sein Wohlwollen findet. Völlig untypisch für Fischer: Er wird sogar ganz euphorisch, wenn er von einer "tollen Spitze" spricht. Vielleicht taucht der nunmehr ältere Herr auch wieder auf einem Parteitag auf. Dort geht es ja mittlerweile ruhiger zu als zu seinen Zeiten.

Quelle: n-tv.de

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