Politik

Ein Jahr Deutschlandreise Kein schöner Land?

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Brüder, zur Sonne, zur Freiheit? Nicht mehr an dieser Imbissbude in Wolfen-Nord. Der Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen verödet zusehends.

(Foto: Julian Vetten)

Seit einem Jahr fährt n-tv.de jeden Monat dorthin, wo überregionale Medien sonst nur im Katastrophenfall aufschlagen: aufs Land. Es ist eine Reise, die sich jedes Mal aufs Neue lohnt. Warum? Das lesen Sie am besten selbst.

Deutschland ist ein spannendes Land. Zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen und von Aachen bis Görlitz tragen sich tagtäglich Geschichten zu, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden. Und zwar auch abseits der großen Städte, die in der Regel die Nachrichten bestimmen. Für die "Deutschlandreise" haben wir uns im vergangenen Jahr die Zeit genommen, dort hinzufahren, wo es überregionale Medien sonst nur im Katastrophenfall hinverschlägt: in die kleinen und mittelgroßen Städte, in denen mehr als 70 Prozent der Deutschen leben. Herausgekommen sind dabei zwölf spannende Geschichten, die viel über unser Land verraten.

Reportageserie Mittelstädte

Rund 70 Prozent der Deutschen leben in Städten oder Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern, überregionale Nachrichten kommen aber traditionell fast ausschließlich aus den Großstädten. Doch auch andernorts finden Dinge statt, die uns alle etwas angehen. Deshalb besucht n-tv.de unabhängig vom Tagesgeschehen jeden Monat eine deutsche Mittel- oder Kleinstadt und berichtet über die Dinge, die die Region am stärksten beschäftigen.

Manche von ihnen sind vor allem skurril, so wie die Posse um den bayrischen Weißbier-Turm oder der Streit um die pfälzische Hitler-Glocke. Manche von ihnen zeigen, dass auch in der tiefen Provinz Hochtechnologie entstehen kann wie im Fall des Shiftphones aus dem hessischen Falkenberg. Und manche zeigen die Herausforderungen und Probleme, die viele deutsche Kommunen teilen, wie unter einem Brennglas. Was wir 2018 gelernt haben:

Nur von Arbeit kann niemand leben

"Was nutzt mir ein Arbeitsplatz, wenn ich am kulturellen Hungertuch nage?", will Raik Dalgas in unserer Reportage aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt wissen. Die Zeiten, in denen das ehemalige Zentrum der DDR-Chemieindustrie als dreckigste Stadt Europas verschrien war, sind lange vorbei, und auch die Arbeitslosenquote liegt mit sieben Prozent unter dem ostdeutschen Schnitt. Und trotzdem hat die Stadt mit galoppierender Entvölkerung zu kämpfen, denn: "Szenekulturell ist das hier die Hölle." Attraktive Freizeitangebote, eine aktive Vereinsarbeit, subkulturelle Strömungen: Davon gibt es in Bitterfeld wenig bis nichts. Und das löst einen Teufelskreis aus: "Wir haben überlegt, nach Leipzig zu ziehen", sagt Sophie Junge. "Hier ist ja nichts los." Es ist nichts los, weil vor allem die Jungen und die Kreativen fehlen. Und die fehlen, weil in Bitterfeld nichts los ist. Eine gefährliche Entwicklung, die nicht nur in Bitterfeld und den neuen Bundesländern, sondern in ganz Deutschland zu beobachten ist.

*Datenschutz

Im brandenburgischen Gartz haben sie eine ausgefallene Lösung für das Problem gefunden: Polen aus dem nahen Stettin ersetzen die Weggezogenen und Weggestorbenen und hauchen der Region neues Leben ein. "Der Integrationswille ist das Entscheidende. Wenn der passt, und zwar von beiden Seiten aus, dann schaffen das auch andere Gegenden", ist Michael Zaniewski überzeugt, der mit seiner Familie 2010 in die Gegend gezogen ist. In Gartz zeigt sich im Kleinen, wie die Bekämpfung des demografischen Wandels durch Zuwanderung im Großen funktionieren könnte.

Kommunalpolitiker sind oft die besseren Volksvertreter

Mehr als 60 Prozent der Deutschen haben kein oder nur wenig Vertrauen in die Politik. Die Zahlen sähen vielleicht anders aus, wenn sich die Menschen stärker mit Kommunalpolitik beschäftigen würden. Unser Reporter hat das im vergangenen Jahr zum ersten Mal gemacht und Volksvertreter kennengelernt, die ihn mit ihrer Einstellung begeistert haben - und zwar parteiübergreifend. Von SPD-Oberbürgermeister Wolfgang Müller, der erfolgreich Menschen aus über 100 Nationen in die Kleinstadt Lahr integriert hat, über den pragmatischen Gartzer Amtsvorstand Frank Gotzmann bis zum Tirschenreuther CSU-Oberbürgermeister Franz Stahl: Die Menschen, die ihren Städten oder Regionen vorstehen, sind in der Regel auch die volksnahen und engagierten Politiker, die man sich an dieser Stelle wünschen würde. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie das Pirmasenser Beispiel zeigt.

Wer den Strukturwandel verschläft, bleibt auf der Strecke

Noch vor wenigen Jahrzehnten boomte Pirmasens. Die Schuhindustrie hatte die Stadt reich gemacht - und alle dachten, es würde immer so weiter gehen. Das war natürlich nicht der Fall: Die lokale Politik tat die Globalisierung als vorübergehende Mode ab und verschlief den Strukturwandel. Heute ist Pirmasens das Armenhaus der Bundesrepublik, mehr als ein Drittel aller Kinder dort wachsen mit Hartz IV auf. Und niemand scheint zu wissen, wie der Karren wieder aus dem Dreck gezogen werden soll. In Bitterfeld wurde zwar der Strukturwandel erfolgreich gestemmt, allerdings auf Kosten der Bevölkerung: Die sieht in dem verödeten Landstrich kaum noch persönliche Perspektiven und wandert ab.

Dass es auch anders geht, zeigt eine ganze Reihe von Positivbeispielen. Das Werftensterben traf Leer in Ostfriesland zur selben Zeit wie der Niedergang der Schuhindustrie Pirmasens. Damals herrschten 30 Prozent Arbeitslosigkeit in der Stadt, heute sind es gerade einmal noch 5,8 - und die Innenstadt lebt. Statt einer passiven Sanierung wie in Bitterfeld, also der vorsätzlichen Verödung ganzer Stadtteile, setzte der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Kellner auf ein anderes Pferd: "Der zweigleisige Kurs, unsere Fokussierung sowohl auf Kultur und auf Wirtschaft, hat den Unterschied gemacht", erklärt Kellner den Wandel zum Besseren.

Es ist nicht alles schlecht

Tatsächlich ist sogar vieles weit weniger schlecht als allgemeinhin angenommen wird. Klar, es gibt genug, das uns zu Recht Sorgen bereitet: radikale Strömungen in Teilen der Gesellschaft, der Braindrain auf dem Land oder die Frage nach der erfolgreichen Integration von Flüchtlingen. Aber all diese Probleme und Herausforderungen werden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern aktiv angegangen - nicht überall in gleichem Maß, natürlich nicht. Aber doch so, dass wir sagen können: Wir freuen uns auf weitere spannende Deutschlandreisen im Jahr 2019.

Quelle: n-tv.de

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