Politik

USA suchen "effektiven Partner" Kobane kämpft, die Welt schaut zu

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Verzweifeltes Ringen um Kobane: Von der türkischen Seite aus beobachten Kurden die Einschläge schwerer US-Bomben jenseits der Grenze.

(Foto: AP)

Wie lange können sich die Kurden in Kobane noch halten? Verwundete Verteidiger, die sich über die Grenze in die Türkei gerettet haben, liefern widersprüchliche Berichte. International wächst der Druck auf die Türkei. Die USA setzen offenbar schwere Bomber im Grenzgebiet ein.

Die Lage in der von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) belagerten Grenzstadt Kobane in Nordsyrien bleibt unübersichtlich. Kurdischen Angaben zufolge sind die Kämpfer der radikalen IS-Miliz in zwei Bezirke der strategisch wichtigen syrischen Stadt eingerückt. Das US-Militär dagegen sieht die Stadt weiterhin größtenteils in kurdischer Hand.

Die Islamisten seien in der Nacht mit schweren Waffen, darunter Panzer, in den Ort eingedrungen, sagte der hochrangige kurdische Politiker Asja Abdullah. Die Gefechte seien sehr heftig. Womöglich seien Zivilisten getötet worden. Ein weiterer kurdischer Politiker erklärte, trotz anhaltender Luftangriffe der von den USA geführten Anti-IS-Koalition sei es den Islamisten gelungen, einige Gebäude am östlichen Rand der Stadt zu besetzen.

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Vom Boden aus gut zu erkennen: Die US Air Force setzt im türkisch-syrischen Grenzgebiet auch schwere Überschallbomber vom Typ B-1B "Lancer" ein.

(Foto: REUTERS)

Nach Einschätzung des US-Zentralkommandos in Tampa im US-Bundesstaat Florida dagegen kontrollieren die kurdischen Milizen weiter den größten Teil Kobanes. Sie hielten den Attacken der Terrormiliz stand, schrieb das Zentralkommando am Abend (Ortszeit Florida) in einer Mitteilung. Das US-Militär würde die Lage in Kobane genau verfolgen, hieß es.

Obama: "Schwierige Mission"

Bei acht Angriffen der USA und der jordanischen Luftwaffe nahe Kobane seien unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, ein Nachschubdepot sowie ein Kommandozentrum und Baracken der IS zerstört worden. Insgesamt seien am Mittwoch in Syrien neun Luftangriffe gegen die IS geflogen worden. Die USA hätten zudem drei Luftschläge gegen IS-Stellungen im Irak ausgeführt.

US-Präsident Barack Obama gestand bei einem Besuch im Verteidigungsministerium ein, dass der Kampf gegen IS weiterhin schwierig sei. "Es bleibt eine schwierige Mission. Wie ich von Anfang an angedeutet habe, ist dies nichts, was über Nacht gelöst werden wird."

Nach Ansicht des Pentagon reichen die Luftschläge jedoch nicht, um die Terrormiliz in die Flucht zu schlagen und die Stadt Kobane zu retten. Die Angriffe im Umfeld der an der syrisch-türkischen Grenze gelegenen Stadt hätten zwar durchaus gewirkt, sagte Pentagonsprecher John Kirby. "IS besitzt Kobane derzeit nicht." Möglicherweise habe sich ein Drittel der Kämpfer zurückgezogen - auch wegen des militärischen Drucks, den die USA und ihre Verbündeten aus der Luft ausgeübt hätten.

Anspielung auf die Türkei?

Dennoch warnte Kirby, dass Luftangriffe allein nicht ausreichten, um die Belagerung Kobanes zu stoppen. Ein Grund dafür sei, dass es noch keinen "gewillten, fähigen, effektiven Partner" gebe, der das internationale Bündnis unterstützen könnte. "Es ist einfach ein Fakt. Ich kann das nicht ändern." Deshalb drängten die USA darauf, die Trainings- und Ausrüstungsmission für die als gemäßigt geltenden syrischen Rebellen in Saudi-Arabien zu starten. Dies dürfte allerdings Monate dauern.

Angesichts der schweren Kämpfe in Kobane war am Mittwoch auch erneut die Einrichtung einer Pufferzone im Gespräch. Die mehr als eine Million Flüchtlinge, die bereits die Grenzen überquert hätten, seien ein Problem für die Türkei, den Libanon und Jordanien, sagte US-Außenminister John Kerry. Auch sein britischer Amtskollege Philip Hammond sagte bei dem Treffen mit Kerry, die Idee einer Pufferzone sei noch nicht vom Tisch.

Es fehlt an Essen und Munition

"Unser Hauptproblem ist der Mangel an Lebensmitteln für die Verteidiger", sagte ein kurdischer Kämpfer, der es verletzt bis in die Türkei geschafft hatte. "Außerdem fehlen uns Waffen und Munition", sagte er im türkischen Grenzdistrikt Suruc. "Einige der Luftangriffe gehen völlig daneben, andere sind hilfreich", fügte er hinzu. Der Mann bestätigte, dass die IS-Milizen aus einigen Teilen der Stadt zurückgedrängt worden seien. In anderen Bereichen Kobanes (arabisch: Ain al-Arab) seien sie aber vorgerückt. Ins Zentrum selbst seien sie noch nicht vorgedrungen. "Es ist ein ständiges Vor und Zurück", sagte der Kurde.

Ein anderer Kämpfer der Volksschutzeinheiten, der aus Kobane über die Grenze kam, äußerte sich pessimistischer: "Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken". Viele seien ernsthaft verletzt und noch immer in Kobane: "Es war nicht möglich, sie rauszubringen. IS ist sogar noch näher gekommen."

Ein kurdischer Aktivist namens Farhad al-Shami in Kobane sagte am Telefon, die Kämpfe hätten sich auf den Osten der Stadt konzentriert. "IS-Kämpfer haben eine groß angelegte Offensive begonnen, um den gesamten Bezirk Kani Araban unter ihre Kontrolle zu bringen", sagte er. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die kurdische Nachrichtenseite Welati hatten zuvor gemeldet, kurdische Kämpfer hätten den Vormarsch der Dschihadisten gebremst und sie an den östlichen Stadtrand gezwungen.

Die IS-Kämpfer versuchen seit mehr als drei Wochen, Kobane zu erobern. Zu Wochenbeginn waren IS-Milizen bereits in die Stadt vorgedrungen, konnten aber nach kurdischen Angaben wieder zurückschlagen werden. Seit Beginn der IS-Offensive sind Schätzungen zufolge etwa 180.000 Menschen aus der Region in die Türkei geflohen.

Kobane "bewusst geopfert"?

Der Bürgermeister von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Kurdenregion im Nordirak, fordert entschlossenere Hilfe für Kobane. "Es scheint, als wird Kobane bewusst geopfert", sagte Nihat Latif Kodscha der "Welt".

"Ich kann verstehen, dass die Türkei nicht gerne mit der syrisch-kurdischen PYD zusammenarbeitet, schließlich steht sie der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die seit Jahren in der Türkei zum Teil militant aktiv ist. Aber diesen Streit sollte man jetzt beilegen und IS gemeinsam besiegen."

Stoltenberg reist in die Türkei

Der neue Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wird an diesem Donnerstag zu Beratungen über den Kampf gegen IS in der Türkei erwartet. Sollte die Terrormiliz IS von Kobane in Richtung Türkei vorrücken, könnte Ankara den Bündnisfall ausrufen, der Nato-Partner zur Verteidigung der Türkei verpflichten würde.

Die syrischen Kurden baten die internationale Gemeinschaft unterdessen eindringlich um schwere Waffen. "Jeder sagt 'wir stehen Euch bei'", sagte der Ko-Präsident der syrischen Kurden-Partei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung "Hürriyet Daily News". Aber kein Land unternehme dafür konkrete Schritte.

Quelle: ntv.de, mmo/fma/AFP/dpa/rts