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Montag, 23. April 2018

Interview mit Christian Pfeiffer: Kriminalität sinkt, Unsicherheit steigt

Die Zahl der Straftaten in Deutschland hat abgenommen. Dies sei der Lohn für die gute Integration der Flüchtlinge, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Im Interview erklärt er, warum das Unsicherheitsgefühl vieler Menschen trotzdem wächst.

n-tv.de: Die neue Kriminalitätsstatistik verzeichnet zehn Prozent weniger Straftaten als im Vorjahr. Das ist der größte Rückgang seit fast 25 Jahren. Woran liegt's?

Der Kriminologe Christian Pfeiffer war zwischen 1988 und 2000 sowie zwischen 2003 und 2015 Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Dazwischen war er niedersächsischer Justizminister. Pfeiffer ist 73 Jahre alt und SPD-Mitglied.
Der Kriminologe Christian Pfeiffer war zwischen 1988 und 2000 sowie zwischen 2003 und 2015 Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Dazwischen war er niedersächsischer Justizminister. Pfeiffer ist 73 Jahre alt und SPD-Mitglied.(Foto: picture alliance / dpa)

Christian Pfeiffer: Es liegt auch daran, dass es vorher einen kräftigen Anstieg gegeben hat. Das hatte auch mit der Zuwanderung von Flüchtlingen zu tun. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um diese Menschen einigermaßen unterzubringen und zu integrieren. 2015 und 2016 konnte das noch nicht so gut gelingen, nun sind wir auf einem guten Kurs. Es wird belohnt, was in der Betreuung von Flüchtlingen an ehren- und hauptamtlichem Engagement geleistet wurde. Die Zuwanderer sind nicht mehr der ganz große Steigerungsfaktor für die Kriminalität, wie das bisher der Fall war.

Trotzdem ist der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger weiterhin hoch. Warum?

Der Anteil der Nichtdeutschen im Land hat sich durch die offenen Grenzen, die wir 2015 hatten, deutlich erhöht. Das findet seinen Niederschlag, alleine schon deswegen, weil mehr Menschen hier leben als vorher. Außerdem kamen vor allem junge Kerle. 2014 haben die 14- bis 30-Jährigen in Deutschland nur neun Prozent der Wohnbevölkerung ausgemacht, aber jede zweite Gewalttat wurde ihnen zugeschrieben. In jedem Land der Welt sind die jungen Männer besonders gefährlich, davon haben wir durch die große Zuwanderung besonders viele abbekommen. Das ist in den Statistiken nach wie vor deutlich erkennbar. Es gibt auch eine höhere Anzeigebereitschaft gegen Ausländer.

Das müssen Sie erklären.

Kriminalitätsstatistik

Die bisher noch unveröffentlichte Kriminalitätsstatistik für 2017 wird erst am 8. Mai offiziell von Innenminister Horst Seehofer vorgestellt. Laut "Welt am Sonntag" weist die Statistik für das vergangene Jahr insgesamt 5,76 Millionen Straftaten aus, das sind 610.542 weniger als 2016.

Das ist international so. Die Fremden werden immer eher angezeigt als die Vertrauten. Wenn die entsprechende Person nicht einmal die Landessprache spricht, ist das Bedürfnis, die Polizei einzuschalten, noch einmal deutlich höher, als wenn es um einen Ausländer geht, der bayerisch spricht. Bei Max gegen Moritz liegt die Anzeigequote bei Schlägereien um die 13 Prozent, bei Max gegen Mustafa steigt sie auf das Doppelte.

Viele Menschen in Deutschland beklagen ein Unsicherheitsgefühl. Wie kann es sein, dass sich das in den neuen Zahlen überhaupt nicht widerspiegelt?

Es gibt eine wachsende Diskrepanz zwischen der gefühlten Kriminalitätstemperatur und der Realität der Zahlen, die die Polizei uns mitteilt. Das hängt auch mit den Medien zusammen, die lieber schlechte Nachrichten senden als gute. Es gibt diesen Satz: Only bad news is good news. Brutale Nachrichten, die Angst machen, halten die Einschaltquoten hoch. Überflutung und Dramatisierung tragen zur Unsicherheit bei. Noch ein anderer Aspekt spielt eine Rolle. Wenn schlagartig so viele Fremde ins Land kommen und andere Kulturen integriert werden müssen, verlieren die Menschen ihr Heimat-Gefühl.

In den vergangenen Wochen gab es in den Medien eine Debatte über die Zunahme von Messerangriffen. Sind diese Delikte ein besonderes Problem?

Wir hatten so etwas schon früher - immer dann, wenn wir Machokulturen importieren. Vor 40 bis 50 Jahren gab es die türkischen und italienischen Gastarbeiter. Sie kamen aus Kulturen mit viel Männlichkeitsgehabe und schlechter Polizei. Für Flüchtlinge war der Weg nach Deutschland zuletzt gefährlich, es gab weite Fluchtrouten durch umkämpfte Kriegsgebiete. Deshalb kommen viele bewaffnet an und rüsten nicht sofort ab. Viele haben noch ihre Messer in der Tasche, wenn sie in eine Disco oder flanieren gehen. Wenn dann Konflikte passieren, ist das Messer schnell zur Hand. Rückblickend wissen wir: Türken und Italiener sind heute keine gesteigerte Gefahr mehr. Deshalb vertrauen wir darauf, dass sich das auch bei anderen Zuwanderern mit der Zeit normalisieren wird.

Der Gesamttrend ist positiv, die Kriminalität an Schulen allerdings gestiegen. Warum ist das so?

Das ist ganz spannend. Insgesamt gibt es positive Trends bei Jugendlichen und Kindern. Das liegt daran, dass das Schlagen drastisch abgenommen hat. Die schwere Gewalt an Schulen ist auch dadurch deutlich zurückgegangen. Die Anzahl derer, die krankenhausreif geschlagen wurden, ist in den vergangenen 20 Jahren um 62 Prozent gesunken. Das steht im Widerspruch zu einem scheinbaren Anstieg der Gewalt an Schulen. Wir gehen davon aus, dass sich die Anzeigebereitschaft durch die öffentliche Aufregung um den erhöhten Anteil von Fremden an Schulen auch dort kräftig erhöht. An Schulen gibt es eine Zunahme an leichten Delikten. Da geht es meist um blaue Flecken, die früher kaum angezeigt wurden.

Was für Unterschiede gibt es zwischen Nord und Süd, Ost und West, Stadt und Land?

Auch hier spielt die Anzeigebereitschaft eine Rolle. Am niedrigsten ist sie im Süden, in Bayern und Baden-Württemberg, und am höchsten im Osten und im Norden. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Menschen im Süden sicherer fühlen. In ihren starken sozialen Netzwerken regeln sie viele Konflikte intern und rufen die Polizei gar nicht erst. In den Städten haben wir große Unterschiede. Auf den vordersten Plätzen liegen Frankfurt und Hannover. Beide sind als Verkehrsknotenpunkte belastet durch ihre geografische Lage. Dadurch ist der Anteil der fremden Täter, die gar nicht aus diesen Städten stammen, am höchsten. Das führt dazu, dass diese Städte so schlecht abschneiden.

Mit Christian Pfeiffer sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de