Politik

Und, wie war Ihre Woche so? Laschet im Spa, Scholz im Anzug, Baerbock in Köln

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Auch wenn man es den Wahlplakaten nicht ansieht: Dieser Wahlkampf ist durchaus reich an Überraschungen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ausgerechnet seine einstigen Widersacher Söder und Merz müssen nun Unionskanzlerkandidat Armin Laschet retten. Sein SPD-Kontrahent Olaf Scholz trägt derweil trotz handelsüblicher Eitelkeit einen zu großen Anzug, und Grünen-Chefin Annalena Baerbock badet im Kölner Jubel.

Merz und Söder als letzte Chance

Von Christian Wilp

Gedränge vor dem Tagungshotel des CDU-Wirtschaftsrates in Berlin. Heraus kommt Armin Laschet, mit Gefolge und ostentativ guter Laune. "Läuft’s jetzt besser?", fragt ein Kollege - und der Kanzlerkandidat nutzt die Vorlage zu einem Statement vor der startklaren Limousine. "Ja, die Leute merken jetzt, es geht um eine Richtungsentscheidung für Deutschland. Die Unterschiede zwischen uns und Rot-Grün sind fundamental."

"Und was sagen Sie zu den neuesten Forsa-…" Das war’s. Laschet taucht ab, kein weiterer Satz, die Wagentür fällt zu. Was soll er auch zu den jüngsten Umfragen sagen? Die SPD vor der Union! Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens droht die Wahl krachend zu verlieren.

In dieser Lage wirkt sein Auftritt vor dem Wirtschaftsrat wie ein Wochenendbesuch im Spa. Die Hardcore-Fans sorgen für einen Wohlfühltermin, Laschet erhält langen Applaus. Vor allem an zwei Stellen: Bei seiner Warnung vor einer Linksregierung - und bei seiner Ankündigung, dass er Friedrich Merz zum "Gesicht" seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik machen werde.

Der ehemalige Fraktionschef von CDU/CSU zählt denn auch zum achtköpfigen Team, das Laschet am Freitag im Konrad-Adenauer-Haus präsentiert. Er ist der einzige prominente Vertreter in dieser Runde. Fast zeitgleich meldet sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder aus München, ebenfalls kein Unbekannter. "Armin Laschet will kämpfen, kann kämpfen, und das zeigt er jetzt auch."

Etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig, wäre man geneigt hinzuzufügen. Und man darf feststellen: Ausgerechnet Friedrich Merz und Markus Söder, die Armin Laschet im Rennen um die Kanzlerkandidatur aus dem Weg geräumt hatte, müssen nun ihren alten Widersacher retten. Es ist die wohl letzte Chance für die Union.


Eitelkeit mit grauenhafter Krawatte

Von Heike Boese

Wer es in der Politik bis zum Kanzlerkandidaten seiner Partei geschafft hat, braucht neben Durchsetzungskraft und einer gewissen Leidensfähigkeit unbedingt auch eine Portion Eitelkeit. Ohne geht’s nicht. Wer nicht sichtbar ist, wird auch nicht wahrgenommen - und wer nicht wahrgenommen wird, kommt nicht bis ganz nach oben. Es gehört zu den Geheimnissen von Olaf Scholz, wie er es schafft, dass selbst langjährige Beobachter glauben, dieser Mann sei total uneitel. Klar, er treibt Sport, hat abgespeckt und sich deswegen neue Maßanzüge gekauft. Aber trotzdem denkt man nie, er sei eitel oder dränge sich ins Rampenlicht. Vielleicht ist seine Eitelkeit in gewisser Weise "unsichtbar", aber definitiv ist sie jetzt Gold wert für den Mann, der drauf und dran ist, ein politisches Wunder zu schaffen, nämlich seiner Partei, der SPD, zu einem Comeback zu verhelfen, an das - zumindest nüchtern und bei Tageslicht - kein Genosse ernsthaft geglaubt hat.

Sogar die renommierte "New York Times" verspottet ihn für sein vermeintlich langweiliges Image. Scholz kann das herzlich egal sein. Erstens will er nicht versnobte Ostküsten-Amerikaner von seinen Fähigkeiten überzeugen und zweitens sind die Deutschen im Spätsommer 2021 nach Corona, Hochwasser und Afghanistan-Debakel immer noch im Krisenmodus. Der oder die nächste Bundeskanzler/in muss vor allem Krise können, und drei Wochen vor der Wahl glauben immer mehr Wähler, dass Olaf Scholz das kann. Jedenfalls besser als Armin Laschet oder Annalena Baerbock.

Beim ersten TV-Triell trug er übrigens einen Anzug, der ihm locker anderthalb Nummern zu groß war und eine - gelinde gesagt - grauenhafte Krawatte. Das wäre einem Gerhard Schröder nie passiert. Scholz schon. Darin ähnelt er übrigens Angela Merkel, die Kleidung und Frisur auch eher zweitrangig findet.


Köln muntert abgeschlagene Baerbock auf

Von Sebastian Huld

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Annalena Baerbock mit dem Kölner Direktkandidaten Sven Lehmann.

(Foto: imago images/Future Image)

Köln ist bekanntlich die Stadt, wo jeder jeden lieben darf. Da wundert es gar nicht, dass in Deutschlands Queer-Hauptstadt die Grünen-Spitzenkandidatin wie eine ernsthafte Aspirantin auf das Kanzleramt gefeiert wird. Um die 2000 Menschen kamen am Donnerstagabend auf den Wilhelmplatz in Nippes, um Annalena Baerbock zu lauschen. Selbst die bei Wahlkampf-Events der Grünen zuverlässig trötenden und johlenden Gegner der Partei konnten ihr das nicht vermiesen: "Ihr könnt nach Hause gehen", sangen die Baerbock-Fans in Richtung der Störer. Am Ende badete die 40-Jährige regelrecht im Applaus der Masse.

Das dürfte Baerbock gleich zweifach gutgetan haben: Denn erstens zeigen die jüngsten Umfragen, dass die Grünen auch nach dem Triell bei RTL und ntv abgeschlagen auf dem dritten Platz rangieren und die SPD auch auf Kosten der Grünen immer weiter der zweitplatzierten Union davoneilt. Zweitens hat Baerbocks Forderung nach einem bundesweiten Steuerbetrüger-Meldeportal, wie es der Grünen Finanzminister Danyal Bayaz in Baden-Württemberg eingeführt hat, die nächste Hasswelle in den sozialen Netzwerken losgetreten. Immerhin: Die Partei ist wieder mit einem Thema im Gespräch.

Dass mit Blick auf Steuerehrlichkeit ausgerechnet die Grünen Deutschlands neue Law-and-Order-Partei sein sollen, ist nur eine weitere Volte in einem an Überraschungen reichen Wahlkampf.

Das ist die 16. Folge der Wahlkampf-Kolumne "Und, wie war Ihre Woche so?" Folge 15 lesen Sie hier.

Quelle: ntv.de

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