Politik

Wieduwilts Woche Die Parteien servieren durchgemampften Wortbrei

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Kanzlerkandidat Armin Laschet weht der "Wind of Change" ins Gesicht.

(Foto: picture alliance/dpa/Revierfoto)

Wir erleben den vielleicht spannendsten Wahlkampf seit Jahrzehnten, aber hören die langweiligste Sprache seit Existenz der Bundesrepublik. Es geht gerade um das große Ganze, es wachsen neue Adern der Geschichte - doch statt großer Erzählungen gibt es vor allem von der CDU den schlaffen Sound der Politik.

Wir kennen sie, die Phrasen: Die Politik müsse dies, das und jenes "vorantreiben", als wäre jedes Problem letztlich eine Schafherde - und alle wollen, klar, "Tempo machen", schlimmstenfalls "PS auf die Straße bringen". Doch auch die Wahlprogramme sind geschrieben, als wollte man ihre Lektüre dringend vermeiden. Inzwischen gibt es Werkzeuge, die beim Schreiben schon die Verständlichkeit analysieren - zwecklos: Wer Quellentelekommunikationsüberwachung schreiben will, schreibt Quellentelekommunikationsüberwachung. Man merkt FDP und Grünen hier an, dass sie für die Bildungselite schreiben. Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Stuttgart-Hohenheim hat sich gerade mithilfe eines Analyseprogramms durch die Programme gefräst und ist enttäuscht: Früher war das besser, lautet das Fazit seiner Studie, am besten war das Programm der CDU von 1957.

Wer liest schon Programme, mag man einwenden - doch der schlaffe Sound dominiert auch die Reden. Wissen Sie noch, was Olaf Scholz im Triell gesagt hat? Das ist gerade einmal fünf Tage her. Ich weiß es nicht mehr. Scholz musste ja nicht viel sagen, er konnte sich in die Öljacke norddeutscher Verschwiegenheit hüllen. Von Armin Laschet hingegen ist die Wendung des "Wind of Change" erinnerlich - dieser blase einem ins Gesicht, warnte der Kandidat, da brauche es nun CDU-mäßige Standfestigkeit.

Das war ein so schiefes Bild, dass es schnell Häme und Witzchen regnete. Klar: Der echte "Wind of Change" der Scorpions bedeutete Wechsel, die Wiedervereinigung, mit ihm segelte man gen Horizont, in die Zukunft. Laschet wollte mit Sicherheit nicht dastehen wie ein Grenzbeamter, der im November ‘89 herausgekloppte Mauerstücke wieder anklebt und dabei grimmig die Faust in Richtung Demonstranten rüttelt. Im Gegenteil: Der Aachener hatte eigentlich einen wichtigen Punkt machen wollen, erklärte er später. Er wollte nämlich eine Stimmung des Abgehängtseins in der Bevölkerung aufgreifen.

"Kein Volk der That"

Was für ein enorm wichtiges Thema! Digitalisierung, Globalisierung, Pandemie und Klimawandel führen in weiten Teilen der Bevölkerung zu kompletter Verunsicherung. Das schreit nach einem guten, vereinigenden Sprachbild! Volkspartei, Herrgott! Stattdessen: die verdammten Scorpions.

Zeit für eine bessere Formulierung hatte der Kandidat eigentlich. Der Part mit dem "Wind of Change" war schließlich Teil des Schlussstatements, also die komplett auswendig gelernte Schlusspointe der Kandidaten, auch wenn sie in deutschen Wahlkämpfen meist ein wenig bieder und gespreizt wirkt, wie ein Geigenvorspiel in der Volkshochschule. Annalena Baerbock hatte sich für diesen heiligen Moment ein besonders strahlendes Lächeln und einen kecken Schritt vors Podium zurechtgelegt.

Doch Laschets schräges Bild ist kein Planungsfehler, kein kleiner Ausrutscher, es ist ein Symptom für sprachliche Gedankenlosigkeit. Das zeigen andere Dissonanzen bei den Konservativen. Für die Energiewende etwa wirbt die Partei mit dem Spruch "Ein Turbo für die Erneuerbaren". Was kommt als Nächstes? Machen wir der Digitalisierung "Dampf"? Müssen wir die Bildung "vorspulen"? Der Verkehrswende "die Sporen geben"? Wer mit Metaphern aus dem 19. Jahrhundert operiert, um Politik von heute zu verkaufen, hat möglicherweise mehr als nur ein Kommunikationsproblem.

Im CDU-Wahlkampfspot wünscht sich Laschet ein Land der "digitalen Dichter und Denker". Das klingt nicht gerade nach Tat und Wagnis - sondern nach genau dem, was Fachleute als Ursache für die schleppende Digitalisierung in Deutschland ausmachen: ein Zuviel an Rumplanen und armdicken Konzepten, also zu viel digitales Dichten und Denken. Dieser naive sprachliche Eindruck ist nicht falsch - dazu braucht es kein kulturhistorisches Studium, die Wikipedia reicht. Dort steht im Eintrag zu "Dichter und Denker" etwa dieses Zitat aus einem Aufsatz von Robert Prutz, Anno 1845: "Das deutsche Volk ist kein Volk der That […]. Wir sind die weise Frau der Weltgeschichte, die großen Ideologen, die den Nationen Unterricht geben in der Philosophie und der Poesie und der Kunst und kurzum, in allen Dingen, zu deren Ausführung man nicht vom Stuhl aufzustehen braucht". Klingt nicht so sehr nach Modernisierungsjahrzehnt, aber hundertprozentig nach dem Stand der Digitalisierung in Deutschland.

Die CDU war schon mal weiter

Der Mangel an Esprit liegt nicht nur daran, dass viele Politprofis zu den Menschen gehören, die "zum Bleistift" für eine lustige Formulierung halten. Für gutes Deutsch gibt es schließlich Agenturen. Laschets Sätze zeigen, wie sehr insbesondere die CDU sich inzwischen nach innen gekehrt hat: Man spricht mehr zu sich selbst als zu anderen. Die Sprache entstammt der Parteibinnenlogik wie ihr Kandidat. Dafür steht auch der Dauerbrenner "Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif". Ein solcher Satz dient der Besänftigung, der Ermattung, der Lähmung, es ist ein Satz für die eigenen Leute und ihre Besitzstände, aber nicht für die Wähler.

Sogar die Taliban kommunizierten diese Woche besser als die deutsche Politik. Ihr Sprecher verbreitete den Satz "Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit" - ein altes arabisches Sprichwort, das man in Afghanistan schon lange zitiert, das aber jetzt wieder in vielen deutschen Medien zu lesen ist. Warum auch nicht? Die Formulierung ist plastisch, hat Rhythmus, gemacht für die Ewigkeit.

Auch die CDU konnte so was mal, mit dem schönen Satz "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen". Als Roman Herzog im Jahr 1997 ihn in seiner "Ruck-Rede" sprach, stand er, ähnlich wie Laschet heute, einer überforderten Bevölkerung gegenüber. "Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen", formulierte Herzog eindringlich, es ging darum, verkrustete Strukturen aufzubrechen und wirtschaftliche Sonderlasten zu schultern. Verblüffend, wie sehr das nach der heutigen Situation klingt! Wie kann man sich da gegen Herzog entscheiden - und für die verdammten Scorpions?

Quelle: ntv.de

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