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Twitterbarometer zur Bundestagswahl Lobo macht Meinungsforschung 2.0

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Das Twitterbarometer misst die politische Stimmung live im 24-Stunden-Intervall.

(Foto: Screenshot: http://twitterbarometer.de/)

Sascha Lobo greift in den Bundestagswahlkampf ein. Über Twitter will er die politische Stimmung im Netz messen. Dabei ist sein Barometer weder wissenschaftlich noch repräsentativ. Warum es den klassischen Umfragen trotzdem überlegen ist, erklärt Lobo im Interview mit n-tv.de: "Wir sind schneller und situativer."

n-tv.de: Hat die Welt nicht schon genug Umfragen?

Sascha Lobo: Auf jeden Fall! Ich bin oft der Meinung, dass in Deutschland mit Meinungsumfragen viel zu stark Politik gemacht wird. Das ist eine ungünstige Entwicklung.

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Sascha Lobo ist Autor, Blogger und Strategieberater.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trotzdem messen von nun an auch Sie die politischen Stimmungen und zwar im Internet. Grundlage Ihres Twitterbarometers sind parteibezogene Tweets, die als positiv oder negativ gekennzeichnet sind.

Das Twitterbarometer hat einen ganz anderen Ansatz als die klassischen Umfragen, schon alleine dadurch, dass es gar nicht repräsentativ ist. Wir setzen damit nicht irgendwelche Politik unter Druck wie das in vielen Umfragen oft unverhohlen der Fall ist, sondern wir versuchen die Stimmung wahrzunehmen, zumindest auf diesem kleinen Ausschnitt Twitter.

Wenn das Twitterbarometer nicht repräsentativ ist, wie viel Strahlkraft kann es dann überhaupt haben?

Was wir machen, ist keine ernsthafte wissenschaftliche Meinungsforschung, es ist ein Instrument, das die Stimmung in der digitalen Welt misst. Trotzdem ist das Barometer interessant. Es zeigt, wie in der inzwischen politisch nicht mehr unwichtigen Twitter-Gemeinde einzelne Tages- oder Gesamtstimmungen aussehen. Man bekommt ein Gespür dafür: Haben die Piraten bei Twitter wirklich so eine haushohe Mehrheit in der Stimmung oder verorten sich die Leute weiter links? Es lässt sich darüber streiten, ob es der klügste und beste Ansatz ist, den wir gewählt haben, aber er ist es wert ausprobiert zu werden.

In der Twitter-Gemeinde scheinen die Piraten tatsächlich konkurrenzlos zu sein. In der Gesamtwertung Ihres Barometers liegen sie derzeit deutlich vorn. Dabei hat die Bedeutung der Piraten in den vergangenen Monaten doch stark abgenommen.

Man muss schauen, wie das zustande kommt: Die Piraten haben sich definitiv am schnellsten auf dieses Tool eingestellt. Ich glaube aber, das wird sich nach und nach durch alle Parteien ziehen und dadurch ein bisschen aufspreizen. Wenn erst einmal ein gewisses Grundrauschen da ist, wird man deutlich merken: "Oh, heute hat die CDU viele Positiv-Tweets gehabt, das liegt vielleicht an dieser einen Ansprache von Angela Merkel." Oder, wenn es innerhalb weniger Stunden viele negative Tweets zu den Grünen gib, hängt das wohl damit zusammen, dass sie an diesem Tag ihre neuen Steuerpläne vorgestellt haben. Das Barometer gibt ein schnelles und situatives Meinungsbild, das ist der Vorteil gegenüber den klassischen Umfragen. Unser Ziel ist es nicht, eine Prognose für die Bundestagswahl abzugeben.

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Weitere Features des Barometers: Der 30-Tage-Trend und eine 30-Tage-Karte zeigen die langfristige Entwicklung der Stimmung bei Twitter.

(Foto: Screenshot: http://twitterbarometer.de/)

Das Barometer läuft nun seit einer Woche. Was überrascht Sie bisher besonders?

Die AfD wird viel besprochen. Offenbar haben viele Menschen, die twittern, ein sehr positives Verhältnis zu dieser Partei. Positiver als ich es für möglich gehalten hätte. Dabei hatten wir vorher lange überlegt, welche Parteien wir überhaupt mit reinnehmen in das Barometer. Wir haben uns über mehrere Wochen angeschaut, über welche Parteien geredet wird und wer theoretische Chancen hat, in den Bundestag zu kommen. Dadurch fiel die Auswahl auf Piraten und AfD, zusätzlich zu den Parteien im Bundestag.

Vor der Bundestagswahl 2009 haben Sie ein ähnliches Projekt durchgeführt. Inwiefern haben Sie Ihr Barometer seitdem verbessert?

Wir haben damals lange nicht gemerkt, dass es viele Retweet-Bots gibt, die bestimmte Schlagwörter retweeten. Damals wurde nichts eingebaut, um eine oberflächliche Manipulation zu erschweren. Damals konnte man zehnmal "#SPD-" eintippen, dann hat das zehnmal gezählt. Das haben wir heute weiterentwickelt. Weit über 90 Prozent der Tweets sind nachprüfbar echt und nicht von irgendwelchen Bots. Wir haben außerdem einen Top-Tweet eingeführt. Der Beitrag, der am häufigsten retweetet wurde, steht nun oben auf der Seite. Neu sind auch zwei weitere Elemente: der 30-Tages-Trend und die 30-Tages-Karte.

Die Karte, die die Stimmungen in den verschiedenen Bundesländern zeigen soll, ist noch recht weiß.

Dafür benötigen wir eine ausreichende Datenbasis. Das Problem ist: Nur ein Bruchteil der Leute twittert mit der Angabe ihres Ortes. Wir nutzen nicht den Ort, der in der Bio angegeben ist, sondern ziehen nur die Tweets, die per GPS einem Ort zugeordnet werden. Das lässt sich bei Twitter einstellen, aber das macht nur ein relativ kleiner Teil der Nutzer. Umso länger dauert es, bis diese Karte sinnvolle Aussagen treffen kann.

Wie groß ist die Resonanz?

Die meisten finden es superinteressant. An den ersten Tagen gab es schon jeweils deutlich über 1000 Tweets, die mit einem entsprechenden Hashtag abgeschickt wurden. Die Tendenz ist steigend.

Mit Sascha Lobo sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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