Politik

Neues Video verdichtet HinweiseWar die iranische Mädchenschule ein "Fehlziel" der USA?

09.03.2026, 16:16 Uhr MarkusVon Markus Lippold
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Am ersten Tag der US-israelischen Angriffe auf den Iran wird im Süden des Landes eine Schule getroffen. Mehr als 170 Menschen sterben. Bisher bekennt sich keine Seite dazu. Hinweise deuten auf die USA. Doch wie reagiert Washington? Und warum wurde das Schulgebäude angegriffen?

Was ist passiert?

Seit dem 28. Februar greifen Israel und die USA den Iran aus der Luft an. Im Visier stehen dabei vor allem militärische Ziele, aber auch Einrichtungen des Mullah-Regimes und seiner Institutionen. Iranische Medien berichteten aber bereits am ersten Tag von der Bombardierung einer Mädchenschule im südiranischen Minab.

Zuerst meldete die iranisch-staatliche Nachrichtenagentur Irna den Beschuss der Schule. Die Opferzahl wurde in der ersten Meldung mit fünf angegeben, sie stieg jedoch schnell an. Laut iranischen Angaben wurden bei dem Angriff mindestens 168 Schülerinnen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, 26 Lehrerinnen sowie 4 Elternteile getötet. Fotos zeigen ein stark zerstörtes Schulgebäude.

Um was für eine Schule handelt es sich und wo liegt sie?

Es geht um die Shajarah-Tayyebeh-Grundschule in Minab. Die Stadt liegt in der Provinz Hormusgan an der Straße von Hormus im Südiran. Das Schulgelände grenzt Satellitenbildern zufolge an eine Marinebasis der Islamischen Revolutionsgarden. Nach der brutalen Niederschlagung von landesweiten Protesten im Iran kündigte die EU im Januar an, die Revolutionsgarden als terroristische Organisation einzustufen. Deren Institutionen sind erklärte Ziele der US-israelischen Luftangriffe.

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Satellitenbild von 2013: Zwischen Schule (kleines rotes Rechteck) und der angrenzenden Marinebasis gibt es noch keine Mauer (großes rotes Rechteck). (Foto: Google Earth, Image © 2025 CNES / Airbus)

Laut "New York Times" gehörte das Gelände der Mädchenschule zeitweise zur Militärbasis. Satellitenbilder von 2013 zeigen, dass das heutige Schulgelände durch Straßen mit anderen Teilen der Basis verbunden war. Jahre später war das Gelände durch eine auf Satellitenbildern zu sehende Umfassungsmauer vom Militärbereich abgetrennt. Auf Bildern von 2018 ist zu sehen, dass auf dem Schulgelände zwei Spielplätze errichtet wurden; es sind etwa Markierungen für eine Art Fußballfeld zu sehen.

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Das Satellitenfoto zeigt das Schulgebäude (kleines rotes Rechteck) im Dezember 2025. Die Marinebasis der Revolutionsgarden ist auf dem Bild unter dem Schulgebäude zu sehen und durch eine Mauer (großes rotes Rechteck) abgetrennt. (Foto: Vantor and 2026 Planet Labs PBC/Handout via REUTERS)

Wie reagierte der Iran?

Bilder und Videos von der Zeit direkt nach dem Angriff zeigen laut BBC, wie Menschen panisch in den Trümmern des Schulgebäudes nach Überlebenden suchen. Menschen halten zudem Ranzen und Bücher in die Kameras, die mutmaßlich den Kindern gehören. Später aufgenommene Bilder zeigen Kinder, die in schwarze Leichensäcke gelegt werden. Ein aus der Luft aufgenommenes Foto des iranischen Roten Halbmonds zeigt zudem eine Reihe von Gräbern, in denen die Opfer des Luftangriffs begraben werden.

Schon kurz nach dem Luftangriff machten Vertreter des Iran den USA und Israel schwere Vorwürfe. "Diese Schule war ein direktes Ziel dieses Angriffs", hieß es in einem Bericht der Nachrichtenagentur Tasnim. Der Gouverneur des Bezirks Minab beschuldigte Israel des Angriffs. Irans Präsident Massud Peseschkian sprach von einem "barbarischen Akt". In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates nannte Irans UN-Botschafter Amir Saeid Iravani Angriffe mit zivilen Toten im Iran "Kriegsverbrechen". Der Iran griff als Reaktion auf den US-israelischen Angriff selbst zivile Ziele in Israel und in der Golfregion an. Auch dabei starben Zivilisten.

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Das Satellitenfoto zeigt das Schulgebäude (rot eingerahmt) am 4. März 2026 nach dem Angriff. Auch auf der Marinebasis sind zerstörte Gebäude erkennbar. (Foto: Vantor and 2026 Planet Labs PBC/Handout via REUTERS)

Wie reagierten Israel und die USA?

Am 1. März, einen Tag nach dem Angriff, erklärte Israels Armee, sie wisse nichts über einen israelischen oder US-Angriff in Minab. "Wir gehen mit äußerster Präzision vor", sagte Armeesprecher Nadav Shoshani. Wenige Tage nach dem Angriff kündigte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eine Untersuchung an. "Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir das untersuchen", sagte er bei einer Pressekonferenz. "Wir greifen natürlich niemals zivile Ziele an."

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Ein Foto des iranischen Roten Kreuzes zeigt Gräberreihen nach dem Luftangriff auf die Schule. (Foto: picture alliance / newscom)

Wer ist für den Angriff verantwortlich?

Bisher hat sich keine Seite offiziell dazu bekannt. Die Beantwortung der Frage ist schwierig, weil unabhängige Experten oder Journalisten keinen Zugang zum getroffenen Gebiet haben. Zudem hat der Iran bisher keine Reste einer Waffe präsentiert, die für den Einschlag verantwortlich sein könnte.

Am Samstag machte US-Präsident Donald Trump den Iran für den Angriff verantwortlich. "Auf Grundlage dessen, was ich gesehen habe, wurde dies vom Iran getan", sagte er. Trumps Aussage war eine Reaktion auf Berichte, wonach wohl die USA für den Angriff verantwortlich sind. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte zwei US-Militärermittler, die diese Erklärung für wahrscheinlich halten. Demnach stehen eine endgültige Schlussfolgerung und der Abschluss der Ermittlungen jedoch noch aus.

Die "New York Times" berichtete am Donnerstag, es handle sich wahrscheinlich um einen präzisen Schlag durch das US-Militär. Dazu wertete die Zeitung Satellitenbilder, verifizierte Videos und Beiträge in sozialen Medien aus. Sie verwies etwa auf Aussagen von US-Vertretern, laut denen zum Zeitpunkt des tödlichen Treffers auf die Schule Angriffe in der Region durchgeführt wurden. Anhand von Videos und Posts in sozialen Netzwerken zeigte die Zeitung zudem, dass die Schule zur gleichen Zeit getroffen wurde wie die benachbarte Marinebasis. In beiden Fällen habe es sich um präzise Treffer gehandelt.

Der Sicherheitsexperte Wes J. Bryant sagte der Zeitung, die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass die Schule ein "Fehlziel" gewesen sei. Den Streitkräften war demnach nicht klar, dass sich dort möglicherweise eine große Anzahl von Zivilisten befand. Gingen die US-Streitkräfte also davon aus, dass das Schulgelände zur Marinebasis gehört, wie Satellitenbilder von 2013 zeigen? Dazu passen Vermutungen vom Tag des Angriffs: Eine israelische Journalistin und Iran-Expertin schrieb an dem Tag auf X, es handele sich um eine Schule der Revolutionsgarde.

Was hat es mit dem neu aufgetauchten Video auf sich?

Ein Video, dass am Sonntag von der iranischen Nachrichtenagentur Mehr veröffentlicht wurde, gibt einen weiteren Hinweis. Es zeigt nicht den Angriff auf die Schule, sondern eine Attacke auf das Gelände der angrenzenden Marinebasis. Das haben Journalisten der Plattform Bellingcat sowie der "New York Times" verifiziert. Auf dem Video ist zu sehen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits Rauch über der Schule aufsteigt, sie also offenbar bereits getroffen wurde. Zu sehen ist ein Marschflugkörper der USA vom Typ Tomahawk, der auf der Basis einschlägt. Laut "New York Times" setzen nur die USA in diesem Konflikt solche Marschflugkörper ein.

Wie reagiert die internationale Gemeinschaft?

Das Kinderhilfswerk Unicef teilte am Sonntag nach dem Angriff mit: "Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Objekte, einschließlich Schulen, stellen einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar." Alle Konfliktparteien sollten "größtmögliche Zurückhaltung" üben und ihren Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht und den Menschenrechten nachkommen.

Das UN-Büro für Menschenrechte forderte kurz darauf eine Untersuchung der Bombardierung. Der Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, verlange eine unparteiische Aufklärung des "schrecklichen" Vorfalls, hieß es. Laut internationalem Völkerrecht müssen Konfliktparteien zwischen Zivilbevölkerung und Militärzielen unterscheiden. Angriffe auf zivile Ziele sind nicht verboten, müssen aber in einem vernünftigen Verhältnis zum militärischen Vorteil stehen und so klein wie möglich gehalten werden. Angriffe, die diese Prinzipien nicht erfüllen, könnten Kriegsverbrechen sein, sagte eine Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros.

Quelle: ntv.de

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