Politik

"Für Deutschland gestorben" Merkel verneigt sich

Es gebe wohl niemanden im Bundestag oder in der Bundesregierung, der nie Zweifel an dem Afghanistan-Einsatz gehabt habe, sagt Kanzlerin Merkel bei der Trauerfeier für die drei am Karfreitag getöteten deutschen Soldaten. Sie betont zugleich, die Bundesregierung stehe hinter dem Einsatz.

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Merkel verlässt die Lambertikirche in Selsingen.

(Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei der Trauerfeier für die drei in Afghanistan getöteten drei Bundeswehrsoldaten erneut zu dem Einsatz bekannt. Die Bundesregierung stehe "bewusst" hinter dem Einsatz der Soldaten und Polizisten in Afghanistan. Das Land dürfe nie wieder von Taliban und Al-Kaida-Terroristen beherrscht werden, sagte Merkel.

Die Trauerfeier für Niels Bruns, Robert Hartert und Martin Augustiniak fand in der Lambertikirche im niedersächsischen Selsingen statt. Die drei Fallschirmjäger im Alter von 25, 28 und 35 Jahren waren in Seedorf, einem Nachbarort von Selsingen, stationiert. Sie waren am Karfreitag im Kugelhagel der radikalislamischen Taliban gefallen. Am vergangenen Sonntag hatte bereits eine Trauerfeier in Kundus stattgefunden. Anschließend waren die Särge mit den Leichen der Soldaten nach Deutschland überführt worden. Insgesamt sind bisher 39 Bundeswehrsoldaten bei ihrem Einsatz in Afghanistan ums Leben gekommen.

"Sie haben den höchsten Preis bezahlt"

Die drei Soldaten seien für Deutschland gestorben, sagte Merkel in ihrer Trauerrede. "Sie haben den höchsten Preis bezahlt, den ein Soldat bezahlen kann", sagte die Kanzlerin sichtlich bewegt. "Ich verneige mich vor ihnen. Deutschland verneigt sich vor ihnen."

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Bundeswehrsoldaten tragen nach der Trauerfeier die Särge aus der Kirche. Kanzlerin Merkel verneigt sich.

(Foto: dpa)

Merkel betonte, auch die Mehrheit des Bundestags stehe hinter dem Afghanistan-Einsatz. Der Einsatz sei allerdings schwieriger als zu Beginn vor acht Jahren noch gedacht. Es gebe wohl niemanden unter den Abgeordneten oder innerhalb der Bundesregierung, der nie Zweifel an dem Kampfeinsatz gehabt hätte. Man müsse sich immer wieder die Gefahren für die jungen Männer und Frauen in Afghanistan klar machen. Die Antworten auf die Zweifel seien nicht bequem. Aber nur so sei es glaubhaft, hinter dem Einsatz zu stehen.

"Ich bezeichne das als Krieg"

Merkel bekräftigte, viele nennen den Einsatz in Afghanistan "Krieg. Und ich verstehe das gut." Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bezeichnete die Lage in Afghanistan erstmals ohne Einschränkung als Krieg. "Was wir am Karfreitag in Kundus erleben mussten, bezeichnen die meisten verständlicherweise als Krieg. Ich auch", sagte der Minister, der ebenso wie viele Soldaten mit den Tränen kämpfte.

"Eine meiner kleinen Töchter, der ich versuchte, diesen Karfreitag und meine Trauer zu erklären, fragte mich, ob die drei jungen Männer tapfere Helden unseres Landes gewesen seien und ob sie stolz auf sie sein dürfe", sagte Guttenberg. "Ich habe beide Fragen nicht politisch, sondern einfach mit Ja beantwortet."

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(Foto: dpa)

Die Kanzlerin verzichtete erneut darauf, ein Abzugsdatum für die deutschen Truppen zu nennen. "Das jetzt zu tun wäre verantwortungslos." Sie betonte aber, dass mit der neuen Afghanistan-Strategie die Übergabe der Verantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte vorbereitet werde. Der militärische Einsatz und der Wiederaufbau des Landes müssten Hand in Hand gehen. "Ohne Sicherheit gibt es keinen Wiederaufbau", sagte sie. Das gleiche gelte umgekehrt.

Afghanistan wird Chefinnen-Sache

Es war das erste Mal, dass die Bundeskanzlerin an einer Trauerfeier für gefallene Bundeswehrsoldaten teilnahm. Merkel hatte ihren Osterurlaub abgebrochen, um nach Selsingen zu fahren. Im August 2007 hatte sie an einer Trauerfeier für drei bei einem Bombenanschlag in Kabul getötete deutsche Polizisten teilgenommen. Einen davon kannte sie persönlich, weil er vor seinem Einsatz in Afghanistan einer ihrer Leibwächter war.

Ihre Teilnahme an der Trauerfeier hatte Merkel erst nach öffentlichem Druck angekündigt. Am Samstag wolle die Kanzlerin das Bundeswehr-Einsatzkommando in Potsdam besuchen, um sich dort aus erster Hand über die jüngsten Ereignisse zu informieren, kündigte ein Regierungssprecher in Berlin an. Die Opposition hatte in den vergangenen Monaten mehrfach kritisiert, die Kanzlerin halte sich beim Thema Afghanistan bewusst zurück und überlasse dieses ihren Fachministern. Zuletzt hatte die Kanzlerin Ende Januar eine Regierungserklärung zu der Afghanistan-Konferenz in London abgegeben.

Linkspartei attackiert Merkel

Die Linkspartei nannte Merkels Teilnahme an der Trauerfeier "heuchlerisch". Linke-Vorstandsmitglied Christine Buchholz sagte, Merkel trage die Verantwortung für den Tod der drei Soldaten. "Denn sie schickte sie nach Afghanistan, obwohl sie wusste, dass sich die Sicherheitslage im Norden dramatisch verschlechtert hat." Wenn Merkel etwas am Leben der Soldaten in Afghanistan liege, müsse sie die Truppen dort abziehen.

Die CDU wies den Vorwurf als unverschämt zurück und forderte eine Entschuldigung. "Die Verantwortung für den Tod der drei deutschen Soldaten, aber auch vieler anderer Opfer in Afghanistan, liegt bei den Taliban-Terroristen", erklärte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. "Frau Buchholz muss sich umgehend entschuldigen." Der Vorwurf sei "absolut unverschämt". Er kritisierte, dass die Linksfraktion im Bundestag gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gestimmt habe. "Jetzt nutzt sie auch noch einen derart schrecklichen Vorfall für politische Propaganda aus der untersten Schublade. Das ist empörend."

Anschlag auf Bundeswehr

In Afghanistan wurde am Freitag erneut ein Anschlag auf die Bundeswehr verübt. Dabei sei aber kein Bundeswehrsoldat zu Schaden gekommen, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam. Gegen 09.30 Uhr Ortszeit sei ein Patrouillenfahrzeug vom Typ Wolf nahe dem Bundeswehr-Lager (PRT) bei Kundus auf einen improvisierten Sprengsatz gefahren und beschädigt worden. Das Fahrzeug sei aber weiter "rollfähig" gewesen.

Bei der anschließenden Suche nach weiteren Sprengsätzen am Straßenrand wurde den Angaben zufolge ein afghanischer Soldat verletzt. Am Ort des Anschlags auf das Bundeswehrfahrzeug sei eine Reihe afghanischer Fahrzeuge in Auffahrunfälle verwickelt worden. Die Bundeswehrsoldaten hätten sich an der Versorgung der Unfallfahrer beteiligt.

Quelle: n-tv.de, hvo/dpa/AFP/rts

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