Windkraft im FokusMerz lädt Anrainer zu dezimiertem Nordsee-Gipfel

In Hamburg empfängt Bundeskanzler Merz fünf Regierungschefs zum Nordsee-Gipfel. Hauptthema ist der Ausbau von "sauberer Energie", doch auch sicherheitspolitische Themen dürften eine Rolle spielen. Kritiker mahnen, das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal.
Bei einem Nordsee-Gipfel in Hamburg wollen Deutschland und andere Anrainerstaaten den Ausbau von Windkraftanlagen vor den Küsten weiter vorantreiben. Die Nordsee solle zum "größten Reservoir für saubere Energie weltweit" werden, hat Bundeskanzler Friedrich Merz als Gastgeber des dritten Treffens dieser Art als Ziel ausgegeben. Kleiner Dämpfer: Mit Frankreich und Großbritannien sind zwei wichtige Anrainer nicht auf Spitzenebene dabei. Worum es beim Gipfel geht:
Wie der Nordsee-Gipfel entstanden ist
Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine fand 2022 in Esbjerg in Dänemark der erste Nordsee-Gipfel mit zunächst nur vier Staats- und Regierungschefs statt. Es ging vor allem darum, Gas- und Öl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich mithilfe erneuerbarer Energien zu ersetzen. "Jetzt ist der Zeitpunkt für den Aufbruch, und jetzt brechen wir auf", sagte Bundeskanzler Olaf Scholz damals.
Wer diesmal alles dabei ist
Zum zweiten Nordsee-Gipfel im belgischen Ostende kamen acht Staats- und Regierungschefs, in Hamburg werden es jetzt neben Merz nur noch fünf weitere sein: Mette Frederiksen aus Dänemark, Bart De Wever aus Belgien, Dick Schoof aus den Niederlanden, Jonas Gahr Støre aus Norwegen und Luc Frieden aus Luxemburg, das zwar keine Küste hat, aber trotzdem dabei sein darf. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat nach Angaben aus dem Élysée-Palast aus Termingründen abgesagt, und auch der britische Premierminister Keir Starmer steht nicht auf der Teilnehmerliste.
Was auf dem Programm steht
Die Energieminister haben ihre Beratungen schon am Sonntagabend begonnen, heute Mittag empfängt Merz die Regierungschefs dann auf dem Mehrzweckschiff "Neuwerk" im Hamburger Hafen, bevor es zu den eigentlichen Beratungen ins Rathaus geht. Das Forschungsschiff "Atair", das Merz mit seinen Gästen eigentlich besichtigen wollte, konnte witterungsbedingt nicht in den Hamburger Hafen einlaufen.
Wie der Gastgeber zur Windenergie steht
Als Kanzler preist Merz nun zwar Windkraftanlagen in der Nordsee an. Im Wahlkampf hatte er sich aber noch abschätzig zu dieser Art der Energiegewinnung geäußert. "Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was richtig machen, eines Tages die Windkrafträder wieder abbauen können, weil sie hässlich sind und weil sie nicht in die Landschaft passen", sagte der CDU-Chef im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.
Was das Ziel beim Ausbau der Windenergie ist
Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum "grünen Kraftwerk für Europa" auszubauen. Ziel ist, bis 2050 gemeinsam bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren. Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die Staaten ungefähr 35 GW Leistung installiert, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie mitteilte. Das entspricht rund einem Zehntel des Ausbauziels. Die größte Kapazität hat Großbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen 7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.
Was in Hamburg konkret erreicht werden soll
Am Vormittag unterzeichneten die Energieminister der geladenen Länder mit der Offshore-Windindustrie und den Übertragungsnetzbetreibern einen Investitionspakt. Die Vereinbarung sieht unter anderem vor, Offshore-Windenergieanlagen mit Stromanbindungen an mehrere Anrainerländer zu vernetzen. Bis zu 100 Gigawatt (GW) Erzeugungsleistung sollen grenzüberschreitend verfügbar gemacht werden, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Zugleich werde der Windenergie- und der Netzindustrie mit der Zusicherung weiterer kontinuierlicher Offshore-Windausschreibungen in der Nordsee über 2030 hinaus Planungs- und Investitionssicherheit gegeben.
Im Gegenzug verpflichte sich die Branche, die sogenannten Stromgestehungskosten bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. "Mit dem konsequenten Ausbau und der intelligenten Vernetzung von Offshore-Energie schaffen wir bezahlbare, saubere und sichere Energie, reduzieren strategische Abhängigkeiten und erhöhen die Resilienz Europas insgesamt", sagte Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche. Insgesamt sollen bei dem Gipfel sechs Abkommen beschlossen werden.
Welche Bedenken es gibt
Umweltverbände fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht zulasten der Natur gehen darf. "Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das Maß verloren", sagt der Meeresexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. "Ökologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden." Das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal.
Warum es auch um Sicherheitspolitik geht
Die Energieinfrastruktur in der Nordsee muss auch geschützt werden. Mögliche hybride Angriffe darauf würden vermutlich nicht einzelne Windräder zum Ziel haben, "sondern die Kabelverbindungen zwischen einem gesamten Windpark und dem Land, die Konverterstationen oder Trafos oder die Anlandestationen an der Küste", warnt Henrik Schilling vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK). Er fordert eine gemeinsame und umfassende Strategie der Anrainerstaaten zur Abschreckung und Abwehr möglicher Angriffe. Auch sollten die Reparaturkapazitäten ausgebaut und private Akteure besser mit den staatlichen Stellen vernetzt werden.
Was sonst noch Thema sein könnte
Der Gipfel bietet auch Gelegenheit, über Themen zu sprechen, die nicht direkt mit der Nordsee zu tun haben. Mit der dänischen Ministerpräsidentin Frederiksen könnte zum Beispiel noch einmal die Grönland-Krise thematisiert werden. Allerdings ist die Krise in der vergangenen Woche von den USA entschärft worden und mit den Konsequenzen hat sich am Freitag bereits ein EU-Gipfel befasst. Frederiksen und der belgische Ministerpräsident De Wever werden jedenfalls an der Pressekonferenz von Gastgeber Merz teilnehmen, weil in ihren Ländern die vergangenen beiden Gipfel stattgefunden haben.