Politik

"Damit gewinnt man keine Wahlen" Mütter, der Bodensatz des Arbeitsmarktes?

Wieder weniger Arbeitslose, wieder eine niedrigere Quote - die Zahlen sind so gut wie lange nicht. Doch die Statistik hat einen Haken: Die Zahl der unter 15-Jährigen, die Hartz IV bekommen, ist gestiegen. Wo leben diese Kinder?

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Mai um 80.000 auf 2,664 Millionen gesunken. Das sind 98.000 Erwerbslose weniger als vor einem Jahr. Deutschland kann sich regelmäßig über solche positiven Zahlen freuen. Die Arbeitslosenquote ist um 0,3 Punkte auf 6,0 Prozent gefallen. Seit Anfang der 90er waren nicht mehr so wenige Menschen erwerbslos gemeldet. Zugleich haben immer weniger Einwohner einen Anspruch auf Grundsicherung, also Hartz IV. So weit, so logisch.

Doch beim Blick auf die Statistik für 2015 sticht eine Zahl heraus - die der direkten Leistungsempfänger der unter 15-Jährigen. Es ist die einzige, die im Vergleich zu 2014 absolut und relativ gestiegen ist. Mehr als 1,5 Millionen Kinder, also 14,4 Prozent, erhielten Hartz IV, das ist mehr als jedes siebte Kind deutschlandweit. Dazu kommen solche, die nicht direkt Leistungen erhalten, deren Eltern aber darauf angewiesen sind. Wer lebt in solchen Haushalten?

Sowohl das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), als auch Barbara Riedmüller, die an der Freien Universität Berlin zum Thema Armut und Sozialpolitik in Europa forscht, sehen vor allem Alleinerziehende als Betroffene. Dies sind meist Frauen, die weniger regional mobil sind, die weniger Zeit für einen Job und einen niedrigeren Bildungsstand haben als andere erwerbsfähige Personen. Mütter - der Bodensatz des Arbeitsmarktes?

Anteil Aufstocker bleibt gleich

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Der Schlüssel zu sozialem Aufstieg: Bildung

(Foto: dpa)

Die regionalen Unterschiede sind immens. "Berlin ist die Hauptstadt der Alleinerziehenden", sagt Riedmüller. In der Hauptstadt erhält fast jedes dritte Kind finanzielle Unterstützung, ebenso in Bremen. Am anderen Ende der regionalen Rangliste liegt Bayern, dort sind es nur 7,3 Prozent, etwa jedes 14. Kind. "Das sind auch Milieus von weniger gebildeten Frauen, die Schwierigkeiten bei einer beruflichen Qualifizierung aufgrund ihrer Familienlage haben", sagt Riedmüller. Kommunen fühlten sich häufig nicht zuständig und die Mütter fielen durch die Förderprogramme. Es geht auch anders: In Großbritannien wurden Frauen in der Zeit von Regierungschef Tony Blair gezwungen, sich auf die Schulbank zu setzen.

Bei den Menschen mit Recht auf Grundsicherung ist der Anteil der sogenannten Aufstocker seit 2008 fast konstant geblieben, er lag im vergangenen Jahr bei 28,7 Prozent. Aufstocker sind Erwerbstätige, die trotzdem Unterstützung erhalten. Dies legt nahe, dass die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt bei Alleinerziehenden besonders spät ankommt. 2,7 Millionen gab es 2014 laut Statistischem Bundesamt, davon waren 2,3 Millionen Frauen.

Riedmüller bringt eine weitere gesellschaftliche Gruppe ins Spiel: "Dies ist auch eine Frage der Erwerbsneigung – und die ist bei weiblichen Migranten relativ gering." Die Wissenschaftlerin spricht nicht von Flüchtlingen, die jetzt ankommen, sondern etwa von mancher türkischen Familie, die schon seit den 1970er Jahren in Deutschland lebt: "Ob die überhaupt von der Arbeitsmarktentwicklung erfasst werden, stelle ich infrage."

Nur 17 Prozent der Frauen türkischer Herkunft arbeiten Vollzeit, bei den Männer sind es 56 Prozent, gibt das Statistische Bundesamt an. Bei Nicht-Migranten sind es demnach 37 Prozent weibliche Vollzeitbeschäftigte und 70 Prozent männliche. "Das wird so bleiben, wenn es keine neuen Projekte gibt", zeigt sich Riedmüller überzeugt. Armut, die sich vererbt und als Kultur an Kinder weitergegeben wird sind Themen, die Soziologen schon seit Jahrzehnten beschäftigen - egal, welche Nationalität die Betroffenen haben. Nur etwa jeder sechste der Hartz-IV-Empfänger unter 15 Jahren ist kein Deutscher.

Eine Generation verschlafen

Trotzdem soll es bei den jetzigen Flüchtlingen anders werden, damit sich der Bodensatz des Arbeitsmarktes nicht vergrößert. Das erste Mal sollen Asylbewerber verpflichtet werden, sich auszubilden. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt gebraucht. In der Vergangenheit wurden bei der Integration Fehler gemacht, sagte Innenminister Thomas de Maizière schon vor Jahren. "Eine ganze Generation" sei verschlafen worden.

Entscheidend für den jetzigen Zustand ist nicht die Herkunft der Betroffenen, sondern ihre soziale Schicht. Und die Asylbewerber kommen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus. Zwar schließen inzwischen über die Hälfte aller Schüler in Deutschland mit Abitur ab, von denen wiederum 60 Prozent ein Studium beginnen - doch der Anteil aus Nichtakademikerschichten ist sehr gering: Nur zwei Prozent der Studenten in Deutschland kamen laut Eurostudent-Report 2012 aus Elternhäusern mit Hauptschulabschluss. Damit lag Deutschland am Ende der Rangfolge – den Spitzenplatz teilten sich Portugal und die Türkei mit je 45 Prozent.

Bildung bedeute sozialen Aufstieg, doch auf kommunaler Ebene sei sie von der Sozialpolitik bislang politisch strikt getrennt gewesen, kritisiert Riedmüller. Die Krux: "Was wirkt, ist Bildung." Aber damit gewinne man keine Wahlen.

Quelle: ntv.de