Politik

Islamfeindlichkeit als Tatmotiv Muslimverbände beklagen Verharmlosung

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Die meisten Opfer des Anschlags in Hanau waren Muslime.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach dem Anschlag von Hanau wird zwar Rassismus und Rechtsextremismus angeprangert. Doch niemand spricht über die Muslimfeindlichkeit als Problem, monieren Islam-Verbände in Deutschland. Sie fordern mehr Anerkennung - und kritisieren "Untätigkeit" und "teilweise auch Verharmlosung".

Nach dem offensichtlich rassistischen Anschlag von Hanau haben die Muslime in Deutschland mehr Schutz und Anerkennung angemahnt. Islamfeindlichkeit müsse klar als Problem benannt und ihr entgegengetreten werden, verlangten der Zentralrat sowie der Koordinationsrat der Muslime in Berlin. Die Verbände kritisierten, dass nach dem Anschlag zwar Rassismus und Rechtsextremismus angeprangert wurden, aber kaum über den islamfeindlichen Charakter der Tat gesprochen worden sei.

Fast alle der zehn Opfer des Anschlags von Hanau waren in Deutschland geborene Muslime. Der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime, Zekeriya Altug, wies darauf hin, dass die muslimischen Verbände nur drei Tage vor der Tat anlässlich der Aufdeckung der rechtsextremen "Terrorzelle S" eindringlich vor der Gefahr durch Islamfeindlichkeit gewarnt hatten. Genau solche Anschläge auf Muslime, wie sie die "Gruppe S" geplant habe, seien nun von dem Täter von Hanau ausgeführt worden. Altug hätte sich gewünscht, dass bei den Gedenkveranstaltungen in Hanau deutlich benannt worden wäre, dass die Opfer Muslime waren. Es sei zwar gesagt worden, "dass man zusammenstehen möchte, aber nicht mit wem".

Zentralrat der Muslime: Das war kein Einzeltäter

"Ihr müsst endlich handeln, die Muslime in diesem Land haben Angst, nicht nur um ihre Moscheen, auch um sich selbst und ihre Kinder", sagte Altug. Auch der Synagogen-Attentäter von Halle habe zuvor stattdessen einen Überfall auf eine Moschee geplant gehabt und sich erst kurzfristig umentschieden. "Das zeigt, dass Antisemitismus und Islamfeindlichkeit Synonyme desselben Problems sind", sagte Altug.

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, begrüßte, dass nach dem Anschlag von Hanau rasch von einer rassistischen Tat gesprochen worden sei. "Aber wir haben vermisst, dass die Opfer genannt wurden", sagte er weiter. Das Problem der Islamfeindlichkeit könne aber nur bekämpft werden, wenn es auch konkret als solches anerkannt werde. Er widersprach mit Blick auf Hanau Darstellungen von einem Einzeltäter: "Es ist eine große Gruppe, die sich auf krude völkische Ideologien beruft", sagte Mazyek. "Was in Hanau passiert ist, ist leider die Spitze des Eisbergs nach einer so langen Zeit, aber auch der Untätigkeit und teilweise auch der Verharmlosung", sagte Mazyek dem Nachrichtensender "Phoenix".

Islam-Verbände uneins über mehr Polizeischutz

Unterschiedliche Meinungen gibt es unter den muslimischen Dachverbänden, wie ein besserer Schutz aussehen könnte. Während sich Altug zur Positionierung von Polizisten vor Moscheen skeptisch äußerte, sprach sich Mazyek ausdrücklich für solche Maßnahmen aus. Zwar bezeichnete auch er einen flächendeckenden Polizeischutz als unrealistisch, dieser könne jedoch bei Moscheen, die schon das Ziel von Attacken oder Bedrohungen waren, zu bestimmten Zeiten sinnvoll sein, zum Beispiel während des Freitagsgebets.

Altug stellte sich ausdrücklich hinter einen Vorschlag der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, eine Expertenkommission gegen Muslimfeindlichkeit einzurichten. Zudem müsse es, ähnlich wie gegen Antisemitismus, auch konkrete staatliche Programme gegen Islamfeindlichkeit geben.

Auch der Alltagsdiskriminierung von Muslimen müsse entgegengewirkt werden, etwa durch anonymisierte Bewerbungsverfahren. Bundesweit solle islamischer Religionsunterricht angeboten werden. Vor allem aber müsse allgemein anerkannt werden: "Muslime sind unsere Mitmenschen", sagte Altug. Am Nachmittag wollen die Spitzenvertreter der Muslime in Deutschland mit Bundesinnenminister Horst Seehofer zusammentreffen, um die Lage nach dem Anschlag und mögliche Schutzmaßnahmen zu besprechen.

Quelle: ntv.de, uzh/AFP