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"Kill Mission" gegen Bin Laden Nach 40 Minuten ist alles vorbei

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Der abgestürzte Helikopter geht in Flammen auf.

(Foto: REUTERS)

Zehn Jahre lang entgeht Osama bin Laden seinen Verfolgern. Ein Kurier bringt die US-Geheimdienste auf die Spur des meistgesuchten Terroristen der Welt. Die Überraschung: Der Al-Kaida-Führer verbirgt sich nicht in den zerklüfteten Bergen Afghanistans, sondern in einem luxuriösen Ferienort in Pakistan.

Das Ende von Osama bin Laden kam in einer Blitzaktion, die nur knapp 40 Minuten dauerte. US-Regierungsbeamte gaben in der Nacht zum Montag einen Einblick in die dramatische Operation, bei der eine Eliteeinheit den Al-Kaida-Chef mit einem Kopfschuss tötete. Was sie schildern, klingt wie ein Thriller - mit akribischer Schnüffelarbeit verschiedener US-Geheimdienste, wichtigen Tipps von Terrorgefangenen und Bin-Laden-Vertrauten, die unwissentlich die Jäger auf die richtige Fährte brachten.

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Pakistanische Soldaten beseitigen die Reste des zerstörten US-Hubschraubers.

(Foto: dpa)

Am Sonntagnachmittag Washingtoner Zeit - kurz nach Mitternacht Ortszeit in Pakistan - war es dann so weit: Nach intensiver Vorbereitung auf die "komplexe und besonders gefährliche Operation" begann der Angriff des US-Elitekommandos "Navy Seals" in der Stadt Abbottabad. Die Soldaten kamen CNN zufolge von einem Stützpunkt in Afghanistan - in wie vielen Hubschraubern, ist bislang unklar. Amerikanische Regierungsvertreter sprechen von zwei, Augenzeugen von bis zu drei Helikoptern. Die "Huffington Post" schreibt, insgesamt seien drei Hubschrauber und eine Drohne an dem Einsatz beteiligt gewesen.

Einer der Helikopter fiel wegen einer "mechanischen Panne" aus und wurde zerstört, damit er nicht in feindliche Hände fällt, so die "New York Times". Beim Rückzug habe die gesamte Einheit mit dem verbleibenden Hubschrauber ausgeflogen werden müssen - samt der Leiche Bin Ladens, die durch einen DNA-Test identifiziert wurde.

"Plötzlich wurde geschossen"

"Nach Mitternacht umstellte ein massives Aufgebot an Elitesoldaten das Anwesen", schildert Nasir Khan den dramatischen Zugriff auf Osama bin Laden. Der Bewohner von Abbottabad verfolgte die Razzia vom Dach seines Hauses. "Drei Hubschrauber schwebten über dem Komplex. Plötzlich wurde vom Boden auf sie geschossen". Ein heftiges Feuergefecht habe sich entwickelt, dann sei einer der Hubschrauber abgestürzt. Laute Explosionen rissen auch Bin Ladens Nachbar Sahibzada Salahuddin aus dem Schlaf: "Als ich die Tür aufmachte, stand das ganze Anwesen in Flammen".

Schon in der Nacht berichtete der pakistanische Blogger und IT-Experte Sohaib Athar aus Abbottabad über Twitter, dass ein Hubschrauber um 1 Uhr morgens Ortszeit über der Stadt kreise. Später spricht er von "mindestens zwei Hubschraubern", einer davon sei abgestürzt, dann von einem Flugzeug über der Stadt. Ein Taxifahrer habe gesagt, dass die Armee die Absturzstelle abgesperrt habe und die anliegenden Gebäude durchsuche. Ein paar Stunden später dann: "O-oh, jetzt bin ich der Typ, der live über die Osama-Razzia berichtet hat, ohne es zu wissen."

Insgesamt fünf Tote

US-Präsident Barack Obama sagt, Amerikaner seien bei der Operation nicht zu Schaden gekommen. "Sie trugen Sorge, zivile Opfer zu vermeiden. Nach einem Schusswechsel töteten sie Osama bin Laden und nahmen seinen Körper in Gewahrsam."

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Dieses Bild von Osama wurde vom Sender Geo zurückgezogen. Es handelt sich offenbar um eine Montage.

(Foto: dpa)

CNN berichtet, Bin Laden sei durch einen Kopfschuss getötet worden. Es habe sich um eine "Kill Mission" gehandelt - der Terrorchef sollte in jedem Fall getötet werden. Der pakistanische TV-Sender Geo zeigt Bilder vom entstellten Gesicht eines Toten, bei dem es sich um Bin Laden handeln solle. Später zieht der Sender das Bild zurück - es habe sich um eine Montage gehandelt, die bereits 2009 im Internet kursiert.

Neben Bin Laden wurden den Angaben zufolge ein erwachsener Sohn von ihm getötet, außerdem eine bislang nicht identifizierte Frau sowie ein Kurier und dessen Bruder. Die Frau sei getötet worden, als ein Kämpfer sie als Schutz benutzt habe, heißt es.

Vier Jahre auf der Spur des Kuriers

Der Kurier spielte offenbar, ohne es zu wissen, die Schlüsselrolle in der Suche nach Bin Laden. Die US-Soldaten hatten ihn seit mehr als vier Jahren verfolgt, bis er sie zu dem dreistöckigen Gebäude in Abbottabad führte. Der Ferienort liegt nur eine gute Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Auf die Spur des Kuriers seien die Ermittler durch Aussagen von Männern gestoßen, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 festgenommen worden waren, sagen Regierungsbeamte.

Gefangene sollen den Kurier als einen Schützling von Chalid Scheich Mohammed identifiziert haben, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, und als einen von wenigen Al-Kaida-Kurieren, denen Bin Laden traute. Sie deuteten auch an, dass dieser Mann mit Bin Laden zusammenleben und als ein Bodyguard für ihn fungieren könnte. Sogar einen Namen lieferten sie - aber es war leider nur ein Deckname.

So gelang es den Agenten erst vor vier Jahren, die Identität des Kuriers herauszufinden. Vor zwei Jahren machten sie nach diesen Informationen dann Gebiete in Pakistan aus, in denen der Kurier zusammen mit einem Bruder operierte. Aber wo die beiden wohnten, blieb immer noch im Dunkeln - dank der intensiven Sicherheitsvorkehrungen des Gespanns, die die US-Geheimdienstler immer stärker davon überzeugten: "Wir sind auf der richtigen Spur."

Durchbruch im August

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Das Anwesen in Abbottabad ist abgesperrt.

(Foto: REUTERS)

Der Durchbruch kam nach den US-Angaben im vergangenen August, als der Unterschlupf in einem Vorort von Abbottabad gefunden wurde. "Wir waren geschockt von dem, was wir sahen - ein außergewöhnliches, einzigartiges Anwesen", schildert ein Regierungsbeamter die Situation.

Abbottabad ist eine wohlhabende Stadt etwa 60 Kilometer nördlich von Islamabad. Viele hochrangige Mitglieder des pakistanischen Militärs ziehen sich im Ruhestand dorthin zurück. Der Ort beherbergt auch eine Militärakademie. Früher betrieben militante Islamisten in der Gegend Ausbildungslager. Sie waren eine Ausgangsbasis für Kämpfe im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs.

Der Gebäudekomplex, den die US-Ermittler nun in Augenschein nahmen, war gerade einmal sechs Jahre alt - vielleicht eigens für Bin Laden gebaut, mutmaßen die Geheimdienstler heute. Die Schutzvorkehrungen waren enorm, bis zu fünfeinhalb Meter hohe Mauern mit Stacheldraht umgaben das Anwesen. Zugang gab es nur durch zwei bewachte Tore. Die Einwohner verbrannten ihre Abfälle - vermutlich weil sie keine Spuren hinterlassen wollten.

Das Hauptgebäude umfasste drei Stockwerke und hatte nur wenige Fenster. Nach Schätzungen war das Anwesen eine Million Dollar wert. Ein maßgeschneidertes Versteck für den meistgesuchten Terroristen der Welt.

Zugriffsbefehl am Freitag

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Abbottabad liegt rund 60 Kilometer nördlich von Islamabad.

Schließlich fanden die Ermittler heraus, dass neben den Familien der Brüder dort eine dritte Familie wohnte, die in Größe und Zusammensetzung der von Bin Laden entsprach. "Unsere beste Einschätzung, auf der Basis von vielen Berichten aus verschiedenen Quellen, war, dass Bin Laden dort mit mehreren Familienmitgliedern lebte, darunter seine jüngste Frau." Alles, so schildern die Beamten weiter, habe gepasst und mit dem übereingestimmt, wie man sich Bin Ladens Versteck vorgestellt habe.

Im Februar seien die Geheimdienste schließlich überzeugt gewesen, und das Weiße Haus habe mit den Vorbereitungen für den Zugriff begonnen. Ab März habe sich US-Präsident Obama regelmäßig mit seinem Sicherheitsstab getroffen, um die Optionen abzuwägen, sagt ein weiterer US-Beamter. Aus Sicherheitsgründen seien die Erkenntnisse und Pläne mit niemandem geteilt worden, auch nicht mit Pakistan. Am Freitag habe Obama den Zugriffsbefehl gegeben.

Quelle: n-tv.de, hvo/dpa/rts/AFP

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