Politik

Doppelattentat mit über 90 Toten in Norwegen Nationalist richtet Massaker an

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Überlebende des Anschlags.

(Foto: REUTERS)

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Rund 600 Jugendliche zwischen 16 und 21 Jahren waren auf der Insel.

(Foto: AP)

Anders Behring Breivik heißt der Mann, der in Norwegen über 90 Menschen getötet haben soll. Das berichten norwegische Medien. Der 32-Jährige bezeichnet sich selbst als "nationalistisch und antimuslimisch". Anti-Terror-Einheiten nehmen den Norweger nach dem Massaker auf der Insel Utøya fest. Dort gibt er sich zuvor als Polizist aus, der eine Sicherheitsüberprüfung habe durchführen wollen. Anschließend eröffnet er das Feuer auf die Jugendlichen. Breivik soll in seiner Vernehmung sehr aussagebereit gewesen sein. Die Polizei sucht auch noch einen zweiten Täter. Augenzeugen berichteten von einem möglichen Komplizen.

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Anders Behring Breivik soll in Norwegen dutzende Menschen getötet haben.

Hinter den Terroranschlägen in Norwegen steht offenbar ein Täter aus dem rechten Spektrum. Der festgenommene Verdächtige habe sich im Internet selbst als "Nationalist" und "Gegner einer multikulturellen Gesellschaft" bezeichnet, berichtete norwegische Polizei. Medien des Landes geben den Namen des Mannes Anders Behring Breivik an. Die Polizei wollte dies aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bestätigen. Für die ist der Festgenommene aber für beide Taten - dem schweren Bombenanschlag in Oslo als auch dem Blutbad auf Utøya - verantwortlich. Dafür gebe es Beweise. Zudem sucht die Polizei nach einem möglichen zweiten Täter. Als Hintergrund dafür wurden die Angaben von Augenzeugen genannt.

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Die Twitter-Nachricht

(Foto: dapd)

Breivik bezeichnet sich selbst als "christlichen Fundamentalisten". Als Neonazi will er jedoch nicht gelten. Anti-Terror-Einheiten hatten ihn nach dem Überfall auf die Insel Utøya festgenommen. Er hatte sich dort als Polizist ausgegeben, der einen Sicherheitscheck habe durchführen wollen. Anschließend habe er das Feuer auf die Jugendlichen eröffnet. Breivik soll in seiner Vernehmung sehr aussagebereit gewesen sein. Er sei der Leiter eines Bio-Bauernhofs, Junggeselle und interessiere sich für die Jagd sowie für Computer-Kriegsspiele. Die einzige Twitter-Nachricht, die von dem Konto mit dem genannten Namen verschickt wurde, stammt vom 17. Juli und ist ein Zitat des englischen Philosophen John Stuart Mill, wonach ein "Mensch mit Überzeugung stärker ist als 100. 000 Menschen, die nur ihre eigenen Interessen vertreten".

Mindestens 91 Tote

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Was sich wirklich auf der Insel Utøya abgespielt hat, ist zur Stunde noch unklar.

(Foto: AP)

Die Polizei hatte am Morgen bestätigt, dass bei dem Doppelattentat mindestens 91 Menschen ums Leben kamen . "Wir schließen nicht aus, dass es noch mehr Tote gibt", sagte Polizeisprecher Are Frykholm. Seinen Angaben zufolge wurden allein bei der Schießerei auf der Fjordinsel Utøya nahe Oslo mindestens 84 Menschen getötet. Sieben weitere seien bei der schweren Bombenexplosion im Regierungsviertel der Hauptstadt gestorben, die sich kurz zuvor ereignet hatte.

Unübersichtlich war die Lage demnach vor allem auf Utøya. In dem von 560 Mitgliedern der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchtem Camp sollen sich chaotische Szenen abgespielt haben. Polizisten einer Anti-Terror-Einheit mit schusssicheren Westen waren zum Tatort geeilt, nachdem der Attentäter dort das Feuer eröffnet hatte. Laut Medienberichten brach unter den Jugendlichen Panik aus. Mehrere Mädchen und Jungen seien ins Wasser gesprungen und an Land geschwommen. Die Insel ist rund eine Autostunde von Oslo entfernt.

Norwegens König Harald V. hat das Doppelattentat als "unfassbare Tragödie" bezeichnet. Der Regent sagte am Morgen in Oslo: "Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und einander stützen." Die Gedanken würden jetzt an alle Betroffenen und ihre Angehörigen gehen.

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Stoltenberg: Niemand kann Norwegen zum Schweigen schießen.

(Foto: dpa)

Die Wucht der Detonation im Zentrum Oslos hatte am Freitagnachmittag mehrere Gebäude verwüstet, darunter den Sitz von Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Der Regierungschef wurde jedoch nicht verletzt. Er bezeichnete das Doppelattentat als "nationale Tragödie". "Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg ist unser Land von einem Verbrechen dieses Ausmaßes getroffen worden", sagte Stoltenberg bei einer Pressekonferenz am Morgen in Oslo. Er verwies auf "die Angst, das Blut und den Tod", mit denen die jugendlichen Teilnehmer des Sommercamps auf Utøya bei dem bewaffneten Angriff mit mindestens 84 Todesopfern konfrontiert gewesen seien. "Das ist ein Albtraum", sagte der Regierungschef. Die Flaggen im Land würden auf Halbmast gesetzt. Bereits am Vorabend beschwor Stoltenberg den Zusammenhalt im Land. Er habe eine Botschaft an die Täter: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören." Niemand könne Norwegen "zum Schweigen schießen", das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen. Stoltenberg kündigte eine entschlossene Reaktion der Behörden an.

Täter polizeilich bislang nicht auffällig

Der festgenommene Verdächtige war am Freitag kurz vor dem Bombenanschlag in Oslo gesehen worden, sagte Polizeichef Sveinung Sponheim. Wenige Stunden später soll er dann als Polizist verkleidet auf der Insel Utøya, die in einem See nahe der Hauptstadt liegt, das Feuer auf die Besucher des sozialdemokratischen Jugendcamps eröffnet haben. Dort war er auch festgenommen worden. Unklar war zunächst noch, ob er allein handelte. Die Polizei wollte weitere Verhaftungen nicht ausschließen. Hinweise auf Verbindungen des Mannes zum internationalen Terrorismus lagen nach offiziellen Angaben zunächst nicht vor. Auch sei er bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten.

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Derzeit werden die Bilder der Überwachungskameras ausgewertet.

(Foto: REUTERS)

Gegen Mitternacht habe die Polizei die Wohnung des Mannes im Westen Oslos durchsucht, berichtete "VG". Bereits vor Jahren habe er im Internet Beiträge mit kontroversem Inhalt veröffentlicht, schreibt das Blatt unter Berufung auf einen Jugendfreund. Sein Facebook-Profil sei deshalb gelöscht worden.

Wie die norwegische Nachrichtenagentur NTB berichtete, fand die Polizei nach der Festnahme des Verdächtigen auf Utøya nicht explodierten Sprengstoff. Ob es sich dabei um einen scharfen Sprengsatz handelte, wurde nicht mitgeteilt. Auf den Namen des 32-Jährigen seien zwei Schusswaffen registriert, hieß es unter Berufungen auf Meldungen des Senders TV 2.

Nach Angaben eines Agrar-Großhändlers soll Breivik seit dem Frühjahr große Mengen Kunstdünger eingekauft haben, der zur Herstellung von Sprengstoff geeignet war. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel "Geofarm" für Gemüse und Früchte betrieb. Die Polizei kommentierte die Angaben nicht. Sie hatte bei einer Pressekonferenz erklärt, dass bis auf weiteres keine Details zu den Anschlägen veröffentlicht werden sollen.

Oslo steht unter Schock

Zuvor, gegen 15.30 Uhr, hatte ein großer Knall die Bürger Oslos aufgeschreckt. "Das ganze Gebäude wurde erschüttert, wir glaubten, es sei ein Erdbeben", sagte ein Reporter des Senders NRK, der sich neben dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude befand. Das Fernsehen zeigte Bilder von einer völlig zerstörten Hausfassade, aus der Rauch aufstieg. Der Boden war mit Glassplittern zerstörter Fensterscheiben und Trümmerteilen übersät.

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Das Regierungsviertel von Oslo ist verwüstet.

(Foto: dpa)

Mitarbeiter der Tageszeitung "Aftenposten" berichteten von Opfern, die blutend auf der Straße lagen. Bilder der NRK-Homepage zeigten, wie sich Sanitäter um Verletzte auf dem Bürgersteig kümmerten. Rettungskräfte brachten eine Frau in Sicherheit, deren blondes Haar blutverschmiert war. Passanten beugten sich über Verletzte und leisteten ebenfalls Erste Hilfe.

Die Polizei hatte am Abend die Bevölkerung zum Verlassen der Innenstadt von Oslo aufgefordert. Große Menschenansammlungen sollten vermieden werden. Die Behörden baten, Mobiltelefone nicht zu benutzen, um die Netze nicht zu überlasten. Laut Polizei wollen Zeugen mehrere Explosionen gehört haben. Insgesamt vier Gebäude wurden schwer beschädigt.

Verstärkte Kontrollen angekündigt

Der Hauptbahnhof, die Einkaufszentren Oslo City und Byporten sowie die Büros der Medien "Verdens Gang" ("VG"), "NTB", "Aftenposten" und "TV2" wurden evakuiert. Dort sei eine verdächtige Tasche gefunden worden. In der City bezogen Soldaten Stellung.

Die norwegische Polizei verstärkte die Grenzkontrollen. Reisende von und nach Norwegen sollten mehr Zeit für Sicherheitskontrollen einplanen. Der Flugverkehr am Flughafen Oslo verläuft normal.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte dem norwegischen König Harald V. seine Anteilnahme. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben.

Zum n-tv.de Liveticker zur Entwicklung in Norwegen.

Quelle: n-tv.de, ppo/dpa/rts/AFP

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