Politik

Wirtschaftskraft bleibt ungleichOstdeutschland muss sich "von der Aufholjagd verabschieden"

28.05.2026, 15:27 Uhr a6d1097d-155c-4edc-b000-7806375dfbdb~1Von Sebastian Huld
00:00 / 08:36
Blick-ueber-Jena-Lobeda-mit-der-Autobahn-A4-vom-Steinbruch-Moenchsberg-im-Herbst-bei-Schleierwolken-Jena-Thueringen-Deutschland-Europa
Ostdeutsche Realität: Jena ist ein deutscher Hochtechnologie-Standort, doch in der Neubausiedlung Lobeda leben auch viele Menschen von Gehältern, die im Vergleich zum Bundesschnitt sehr niedrig sind. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

In 35 Jahren seit der Wiedervereinigung hat sich der Osten in puncto Lebensstandard und Wirtschaftsleistung dem Westen immer weiter angenähert. Eine neue Studie sieht aber einen Gipfelpunkt näherkommen, der unter dem Westniveau liegt. Manche strukturelle Hürde sei eben kaum zu überwinden.

Wiedervereinigungskanzler Helmut Kohl hatte den neuen Bundesländern "blühende Landschaften" versprochen und überwiegend Wort gehalten: Zwischen Sassnitz und Zittau gibt es gleichermaßen wirtschaftsstarke Regionen sowie Paradiese für Naturliebhaber, in denen aber jenseits sehenswerten Grünwuchses wenig passiert. Dass sich das noch einmal grundlegend ändern wird und der gesamte Osten ein westdeutsches Niveau bei Wirtschaftskraft und Lebensstandard erreicht, scheint dem neuen "Wettbewerbsreport Ostdeutschland" zufolge ausgeschlossen. "Aufholprozess: Für mich können wir uns ab sofort davon verabschieden", sagte Frank Nehring, Präsident des Ostdeutschen Wirtschaftsforums (OWF) bei der Vorstellung des Reports im Beisein der Ostdeutschland-Beauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser.

Die Autoren des Berichts sehen zahlreiche Erfolge in den ostdeutschen Ländern. Dass die Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigen heute 84 Prozent des westdeutschen Niveaus habe - nach 78 Prozent im Jahr 2026 und 34 Prozent im Jahr der Wiedervereinigung - sei nicht geringzuschätzen. Zumal einzelne Regionen "den gesamtdeutschen Durchschnitt bereits erreicht oder übertroffen" hätten. "35 Jahre nach der Vereinigung ist es insoweit nicht mehr statthaft, pauschal von einer Benachteiligung Ostdeutschlands zu sprechen", heißt es im Report. Für ein vollständiges Gleichziehen sehen die Studienautoren aber zu viele strukturelle Hemmnisse, darunter insbesondere die schrumpfende Zahl an Einwohnern im erwerbsfähigen Alter sowie die fehlenden Vermögen.

Wie wirkt der AfD-Effekt?

SPD-Politikerin Kaiser warb mit Blick auf die Erkenntnisse des Wettbewerbsreports für gezielte Investitionen in Ostdeutschland. Die Menschen bräuchten Perspektiven vor Ort, das fördere den gesellschaftlichen Zusammenhalt und stärke die Demokratie. Das sei "gerade in diesen Zeiten enorm wichtig", sagte Kaiser, ohne die AfD beim Namen zu nennen. Sowohl aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 8. September als auch drei Wochen später in Mecklenburg-Vorpommern könnte die Partei als stärkste Kraft hervorgehen. Eine Regierungsbildung mit eigener Mehrheit unter Ausschluss der AfD könnte schwierig werden.

Eine AfD-Regierungsbeteiligung wäre "ein negativer Effekt auf die Attraktivität sowohl für Arbeitsplätze, für Fachkräfte als auch für Investitionen", warnt Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden. "Mit Blick auf die weitere Stärkung des Aufholprozesses sind die Wahlen tatsächlich ein Risikofaktor", so der Mitherausgeber des Wettbewerbsreports. Der Osten brauche dringend ausländische Arbeitskräfte, werde aber durch weitere AfD-Erfolge unattraktiver für Zuwanderer, nicht nur aus dem Ausland. Der sich so verstärkende Mangel an Arbeitskräften wirke sich auch negativ auf Investitionsentscheidungen von Unternehmen aus. Die vorhandene Erbwerbsbevölkerung im Osten werde ohne mehr Zuwanderung "sehr, sehr stark schrumpfen", warnt Ragnitz.

Ostdeutsche werden älter und weniger

Der jüngsten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts zufolge schrumpft die Bevölkerung im Osten dramatisch: Bis 2070 werde in den ostdeutschen Flächenländern die Zahl der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter im Vergleich zu 2021 um 30 Prozent zurückgehen. Zum Vergleich: In den westdeutschen Flächenländern sinkt die Zahl der Kinder und Jugendlichen um 18 Prozent, die der Erwerbsfähigen um 20 Prozent. Im Unterschied zum Westen schrumpft der Osten aber schon seit Jahrzehnten, vor allem in den ländlichen Gebieten, und es sind besonders Frauen und gut ausgebildete Menschen, die in die ostdeutschen Städte oder in den Westen ziehen. Kaiser sieht aber auch in der Überalterung eine Chance: Der wachsende Forschungs- und Wirtschaftssektor Life Science, der sich auch mit der Versorgung einer immer älteren Gesellschaft befasst, findet demnach im Osten ein breites Feld an Möglichkeiten.

Der Wegzug der jungen, gut Ausgebildeten ist ein weiterer Faktor hinter der noch immer extrem ungleichen Vermögensverteilung: "2023 verfügten ostdeutsche Haushalte inklusive Berlin im Median über rund 35.900 Euro Nettovermögen und westdeutsche Haushalte über 143.200 Euro", sagt Wirtschaftsforscher Ragnitz. Der Median ist aussagekräftiger, weil der Wert typischer ist als Durchschnittswerte, die durch die Ausreißer weniger extrem großer Vermögen verzerrt sind. Die Ursachen für den Unterschied seien vielfältig, so Ragnitz. Er nennt "niedrigere Einkommen, geringere Sparmöglichkeiten, geringere Erbschaften und Schenkungen, niedrigere Immobilienwerte und eine schwächere Beteiligung an renditestarken Vermögensformen".

Vollzeitbeschäftigte im Westen, inklusive Berlin, verdienen durchschnittlich 4810 Euro brutto im Monat; in Ostdeutschland sind es 3973 Euro. Sowohl Staatssekretärin Kaiser als auch Report-Mitherausgeber Achim Oelgarth vom Ostdeutschen Bankenverband begrüßten Vorhaben der schwarz-roten Bundesregierung, mehr Anreize für die private Altersvorsorge zu treffen. Die Eigentumsquote liegt laut Report im Osten bei 34 Prozent, im Westen bei 46 Prozent, während die Immobilien dort im Schnitt mehr wert seien. Zudem haben mit einer Quote von 20 Prozent doppelt so viele Menschen im Westen Aktien, während im Osten nur 10 Prozent diese renditestarke Anlagemöglichkeit nutzen.

Es fehlt an Kapital

Die Kapitalschwäche der Ostdeutschen spiegelt sich in den dort tätigen Unternehmen. So lagen im Zeitraum 2019 bis 2023 die Bruttoanlageinvestitionen, also die von Unternehmen in ihre Betriebsanlagen gesteckten Gelder, pro Kopf gerechnet bei 75 Prozent des Westniveaus. Pro Erwerbstätigen investieren Unternehmen im Osten 25 Prozent weniger. Auch die Zahl der Unternehmensneugründungen liegt deutlich unter dem Westschnitt. In Thüringen gab es netto zuletzt mehr Unternehmensaufgaben als Neugründungen, auch weil Betriebe oft keinen Nachfolger finden.

Den strukturellen Ungleichheiten, die der Wettbewerbsreport auch im Bereich Bildung und Forschung feststellt, empfehlen die Autoren der Studie durch planvolles Handeln entgegenzutreten: Wichtig sei es, "Investitionen, Innovationen und Bildung zu priorisieren". Diese Felder könne regionale Wirtschaftspolitik - anders als die demografische Entwicklung - selbst beeinflussen und so zu einer verbesserten Produktivität beitragen.

Kaiser betonte, ihr sei jeder Arbeitsplatz im Osten wichtig. Dafür treibe Schwarz-Rot die Entbürokratisierung und die Senkung der Energiekosten voran. "Man versucht, das, was man als Bundesregierung beeinflussen kann, durchaus anzugehen", so die 39-Jährige aus dem thüringischen Gera. "Aber einiges hat eben leider auch erst eine mittelfristige, langfristige Wirkung." OWF-Präsident Nehring will das mögliche Ende der ostdeutschen Aufholjagd nicht negativ verstanden wissen. Es brauche für Ostdeutschland eine neue Erzählung. Nicht mehr die Region, die nach westdeutschen Verhältnissen strebt, sondern Ostdeutschland als "Zukunftsregion" - in der die Wirtschaft eben mancherorts stärker blüht als anderswo.

Quelle: ntv.de

Deutsche WiedervereinigungLandtagswahlen Mecklenburg-VorpommernLandtagswahlen Sachsen-AnhaltSachsen-AnhaltBrandenburgArbeitsmarktDemografischer WandelThüringenOstdeutschlandIndustrieMecklenburg-VorpommernSachsen