Politik

Transparenz aus dem All So entschlüsseln Satelliten den Krieg

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Satellitenbilder wie dieses liefern zusätzliche Informationen über das Kriegsgeschehen in der Ukraine.

(Foto: picture alliance/dpa/Maxar Technologies)

Der Krieg in der Ukraine ist der transparenteste der modernen Geschichte. Das liegt auch an hochauflösenden Satellitenbildern. So wurde erst der russische Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine aufgedeckt, dann der kilometerlange Konvoi, der auf dem Weg nach Kiew stecken blieb.

Am 27. Februar, drei Tage nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine, starren Menschen weltweit auf einen riesigen Konvoi, der auf die ukrainische Hauptstadt Kiew zurollt. Die russischen Panzer und Truppentransporter sind gestochen scharf zu erkennen, jedes einzelne der Fahrzeuge. Satelliten im Weltall haben die Bilder der über 60 Kilometer langen Kolonne aufgenommen. Onlinemedien greifen sie anschließend auf, Menschen auf Twitter und Facebook, das Fernsehen.

Im Fall von RTL und ntv dann, wenn Andreas Greuel und seine Kolleginnen und Kollegen einen Blick darauf geworfen haben. "Ein Krieg heutzutage ist sicherlich transparenter, als es vor 20, 30, 40 oder 50 Jahren der Fall war, weil man mit kostenlos zugänglichen Materialien gewisse Truppenbewegungen nachvollziehen kann", sagt der Leiter des Verifizierungsteams der RTL-Gruppe im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Das Team analysiert nicht erst seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges Fotos, Videoschnipsel und Satellitenaufnahmen aus dem Internet, aber seit dem 24. Februar besonders intensiv. Ist das Foto echt? Das Video authentisch? Wo wurde es aufgenommen? Und wann?

Satellitenbilder können bei der Beantwortung dieser Fragen eine große Hilfe sein. "Google Earth beziehungsweise Google Maps sind nach wie vor die meistgenutzten Tools und auch Teil in unserer täglichen Arbeit. Aber auch Bing, das Pendant von Microsoft, hat ein eigenes Kartensystem. Das russische Pendant Yandex und der chinesische Anbieter Baidu ebenfalls. Natürlich betreiben die ihre Satelliten nicht selber, sondern kaufen die in der Regel ein", erklärt Greuel.

Google Maps legte Russlands Angriff offen

Auf Google Earth und Google Maps kann jeder von überall zugreifen, es braucht nur eine Internetverbindung. Auch mithilfe dieser Daten und Bilder haben Analysten die russische Invasion vorausgesagt. In der Nacht vor dem Einmarsch zeigten Daten von Google Maps zum Beispiel einen Stau auf einer Straße zwischen Belgorod ganz im Westen Russlands und der ukrainischen Grenze - mitten in der Nacht auf einer Straße, die schon tagsüber eigentlich nicht stark befahren ist. Das konnte kein Zufall sein. Und war es auch nicht: An der Grenze stauten sich russische Panzer und Militärtrucks in Erwartung des Einmarschbefehls.

Google trackt die Bewegungen seiner Nutzer, um die Verkehrslagen in größeren Städten in Echtzeit abzubilden. Autofahrer wissen daher sehr genau, welche Straße sie in diesem Moment am besten meiden, um nicht im Stau stecken zu bleiben. Auch an der ukrainischen Grenze stammten die Daten höchstwahrscheinlich von russischen Autofahrern. Mit ihren Smartphones haben sie Google mitgeteilt, dass sie an einer neuartigen "Straßensperre" stehen und nicht mehr weiterfahren dürfen.

Das ist der Moment, in dem Verifizierungsprofis wie Andreas Greuel aufmerksam werden und beginnen, das Internet nach weiteren Informationen zu solchen Phänomenen durchforsten. "Man kann dann natürlich bei Instagram oder Twitter und überall sonst gucken, wo man Foto- oder Videomaterial findet. Es gibt auch immer noch Webcams, das vergessen viele. All das kombinieren wir miteinander. In der Hoffnung, dass wir uns so ein Bild machen können von der Lage vor Ort."

Kriegsanalyse vom Schreibtisch

Diese Art von Arbeit hat einen Namen: Alles, was frei verfügbar und offen zugänglich ist im Internet, wird als Open Source Intelligence bezeichnet, kurz Osint. Der Begriff stammt aus der Welt der Geheimdienste. Es beschreibt, wie zivile Beobachter vom eigenen Schreibtisch aus Tausende Kilometer entfernt ausgetragene Kriege observieren und ihre eigenen Schlüsse aus den Aktivitäten der Soldaten ziehen. Journalisten, Wissenschaftler, Aktivisten, Denkfabriken und Hobby-Forscher, sie alle haben Zugang zu Osint.

"Die NASA hat zum Beispiel ein Tool, mit dem man Waldbrände erkennen kann oder weiß, an welcher Stelle auf der Welt gerade eine gewisse Hitze herrscht", erklärt Greuel. "Das kann in Kriegssituationen dazu genutzt werden, zu bestätigen, ob irgendwo eine Explosion geschehen ist oder nicht."

Ein ähnliches Beispiel sind US-Soldaten, die 2017 mit der Tracking-App Strava ihre Trainingsaktivitäten in einem Militärcamp in Afghanistan aufgezeichnet haben. "Durch Zufall ist Leuten aufgefallen, dass es in einem Wüstengebiet extrem viele Lauf-Aktivitäten bei Strava gab", erzählt Greuel im Podcast. "Hinterher stellte sich heraus, dass es Soldaten beim Training gewesen sind."

Private Satellitenfirmen boomen

Außerdem helfen kostenpflichtige Satellitendienste wie das US-amerikanische Unternehmen Maxar, Sentinel Hub aus Slowenien oder European Space Imaging aus München. Die Satelliten dieser privaten Firmen umkreisen die Erde und machen Fotos von jedem Ort, den sie überfliegen. Normalerweise verkaufen sie die Aufnahmen an kommerzielle Kartografen, Versicherer zur Schadenserfassung oder an Unternehmen aus der Landwirtschaft, die ihre Felder überwachen wollen. Aktuell machen die Satellitendienste täglich Bilder der ukrainischen Kriegsgebiete.

Stephen Wood von Maxar sagte dem "Economist" vor Kurzem, dass die 90 Erdbeobachtungssatelliten seiner Firma Fotos machen, auf denen Objekte bis zu einer Größe von 30 Zentimetern erkannt werden können. Maxar beschäftigt 4000 Mitarbeiter, hat voriges Jahr 1,8 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und nach eigenen Angaben mittlerweile einen Kundenstamm in 70 Ländern aufgebaut. Dazu zählen auch das Militär oder Geheimdienste. Letztere haben aber natürlich deutlich mehr Zugänge als nur Open Source. "Man kann davon ausgehen, dass die Geheimdienste noch mal weitreichendere Quellen haben und auch Möglichkeiten haben, live beobachten zu können", sagt Greuel.

Trotz allem helfen auch die hochauflösenden Satellitenbilder nicht immer weiter. Bilder aus der Luft seien zwar nützlich, zeigen aber nie alles, zitiert der "Economist" Geheimdienstanalysten. Im Gegenteil, Experten sind überzeugt, dass wir auch im Jahr 2022 nur einen Bruchteil dessen sehen, was in der Ukraine vor sich geht. Und teilweise vielleicht auch etwas ganz anderes, auch umgekehrte Psychologie kann eine Rolle spielen: So können Kriegsparteien auch bewusst falsche Open-Source-Informationen in die Welt setzen, um den Gegner in die Irre zu führen.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv App, bei RTL+ Musik, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Quelle: ntv.de

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