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Biowaffe aus Islamistenhand Prozess gegen Kölner Rizin-Bomber startet

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Einen solchen Anschlag hatten die Antiterrorspezialisten in Deutschland noch nie aufgedeckt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vor einem Jahr machen SEK-Beamte bei einer Razzia einen gefährlichen Fund: In einer Kölner Wohnung soll ein Paar einen islamistischen Anschlag mit dem Gift Rizin geplant haben. Die Eheleute müssen sich nun vor Gericht verantworten. Ihnen drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Köln-Chorweiler, Mitte Juni 2018: Einsatzkräfte mit dicken Schutzanzügen und Atemmasken haben in einem Hochhauskomplex unweit der Zentrale des Bundesamts für Verfassungsschutz das Kommando übernommen. In einer Wohnung in der Kölner Trabantenstadt suchen die Experten nach gefährlichen Substanzen, die sich der heute 30-jährige Tunesier Sief Allah H. beschafft haben soll - um einen islamistischen Anschlag mit einer hochgiftigen Biowaffe vorzubereiten.

Einen solchen Plan hatten Antiterrorspezialisten in Deutschland noch nie aufgedeckt. Tatsächlich finden die Spezialisten 84,3 Milligramm des hochgiftigen Stoffs Rizin in der Wohnung, nachdem schwer bewaffnete Polizisten die Räume am 13. Juni 2018 stürmten. H. wird bei dem SEK-Einsatz festgenommen, kurze Zeit später auch seine heute 43-jährige deutsche Ehefrau Yasmin.

Ein Jahr danach beginnt nun der Prozess gegen das mutmaßliche Islamistenpaar vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf. Die zentralen Anklagepunkte in dem Verfahren im Hochsicherheitstrakt des Gerichts lauten auf vorsätzliche Herstellung einer biologischen Waffe und Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Hätte Attentat 100 Menschen töten können?

Laut Bundesanwaltschaft identifizierte sich das Paar seit längerer Zeit mit den Zielen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und fasste im Herbst 2017 den Entschluss zu einem islamistisch motivierten Anschlag in Deutschland. Dazu wollten die beiden den Ermittlern zufolge in einer größeren Menschenmenge einen Sprengsatz in die Luft jagen - und dabei eine "möglichst große Anzahl" Menschen töten oder verletzen.

Da bereits kleinste Mengen des extrem toxischen Rizins für Menschen tödlich sind, wäre eine solcher Anschlag besonders verheerend gewesen: Laut "Spiegel" hätten die mutmaßlichen Rizin-Bombenbauer von Köln mit ihrem geplanten Biowaffenattentat bis zu 100 Menschen töten können. Gegenüber n-tv.de gab Ralf Stahlmann, Experte für Toxikologie an der Charité Berlin, jedoch zu bedenken, dass beim Einsatz von Sprengstoff zur Verteilung des Gifts "das Rizin durch die Hitzeentwicklung einer Explosion zerstört würde". Denn Temperaturen über 80 Grad Celsius seien zu hoch für die Eiweiße.

Bereits vor den Versuchen mit Rizin soll Sief Allah H. mit aus Feuerwerkskörpern entnommenem Sprengstoff erfolgreich einen Sprengversuch ausgeführt haben. Dann beschaffte sich das Paar laut Anklage im Onlinehandel ungefähr 3300 Rizinussamen. Daraus sollen die beiden zunächst jene 84,3 Milligramm Rizin hergestellt haben, die in Köln gefunden wurden.

Nur durch die Festnahme von Sief Allah H. sollen die Produktion einer größeren Menge des Supergifts und der Bau einer Sprengvorrichtung verhindert worden sein. Neben dem Rizin fanden die Ermittler in dem Hochhaus auch 250 Metallkugeln, zwei Flaschen acetonhaltigen Nagellackentferner sowie Drähte mit aufgelöteten Glühbirnen. Zudem befasste sich das Paar laut Bundesanwaltschaft mit der Herstellung des Sprengstoffs Ammonal.

Angeklagten drohen 15 Jahre Haft

Dem Ehepaar auf die Schliche kamen die deutschen Ermittler durch Hinweise, die der nahe dem Hochhaus in Köln-Chorweiler ansässige Bundesverfassungsschutz erhalten hatte. Demnach versuchte ein tunesischer Staatsangehöriger mit Wohnsitz in Köln, sich hochgiftige Substanzen zu besorgen. Dem "Spiegel" zufolge stammten die Hinweise von einem US-Geheimdienst - den US-Agenten waren die sonderbaren Bestellungen des Paares im Internet aufgefallen.

Aus Sicht der Ermittler eröffneten die mutmaßlichen Anschlagspläne eine neue Dimension islamistischer Bedrohungsszenarien in Deutschland. BKA-Präsident Holger Münch sprach damals von konkreten Vorbereitungen für einen Anschlag mit einer Biobombe. Das sei ein in Deutschland einmaliger Vorgang. Auch Generalbundesanwalt Peter Frank warnte eindringlich vor Anschlägen mit biologischen Waffen. "Wir müssen uns davon verabschieden, dass terroristische Straftaten immer nach dem gleichen Muster erfolgen", sagte Frank.

Die Gefahr, dass Anschläge auf unterschiedliche Arten begangen werden könnten, sähen die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden schon seit längerer Zeit, fügte Frank hinzu. Terroristen seien "insoweit sehr kreativ und versuchen asymmetrisch alle möglichen Szenarien auszutesten, dazu gehört auch eine solche Bedrohung mit biologischen Kampfstoffen, darauf müssen wir uns einstellen".

Für den Düsseldorfer Prozess beraumte der sechste Strafsenat des OLG Düsseldorf unter dem Vorsitzenden Richter Jan van Lessen nach Gerichtsangaben bislang 17 Verhandlungstage bis Ende August an. Den Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Quelle: n-tv.de, lri/AFP

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