Politik

Russischer Einsatz in Syrien Putin und Assad profitieren voneinander

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Ein russischer Luftangriff auf die nordsyrische Stadt Darat Izza hat Reportern zufolge Zivilisten getroffen. Laut russischem Militär sollte der Angriff einer Stellung des IS gelten.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Warum ruft der syrische Machthaber Russland zu Hilfe? Mit dem Iran hat er doch bereits einen mächtigen Paten - könnte man meinen. Doch von der neuen Allianz profitieren beide Seiten.

Seit acht Tagen fliegt Russland Luftangriffe in Syrien. Nach allem, was man bisher weiß, gelten die wenigsten dieser Angriffen dem Islamischen Staat (IS). Genau damit hatte die russische Regierung aber ihren Einsatz begründet. Vielmehr sollen rund 90 Prozent der russischen Angriffe den sogenannten Rebellen gelten - also Assad-feindlichen Milizen, zu denen von der Freien Syrischen Armee bis zur Nusra-Front jene Kampfverbände gezählt werden, die im Nordwesten und Westen Syriens Gebiete halten.

Aktuell läuft eine Bodenoffensive der syrischen Armee gegen Stellungen der Rebellen, die von russischen Luftschlägen unterstützt wird. Gleichzeitig teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit, vom Kaspischen Meer aus hätten russische Kriegsschiffe den IS angegriffen. Ein entsprechendes Video zeigt, wie diese Angriffe abgelaufen sein sollen.

Russland war auf seinen Einsatz in Syrien vorbereitet. Von der Militärbasis in Latakia aus konnte es gleich losgehen. Assad soll um Hilfe aus Moskau gebeten haben, was vergangene Woche Außenminister Lawrow ironisch mit den Worten kommentierte, sein Land greife nicht einfach ein, ohne vorher gefragt worden zu sein.

Assad will Kämpfer, keinen Vormund

Was aber bringt den beiden Verbündeten die neue militärische Allianz, die im Westen auf Kritik und Verwirrung stößt? Und was wollen sie erreichen? Was den Machthaber Baschar al-Assad und sein Regime angeht, lässt sich die Frage leichter beantworten. Die Armee ist inzwischen zu schwach, sich allein zu halten. Immer wieder ist die Rede von einer bevorstehenden Spaltung Syriens. Dann würde das Regime ein Gebiet von der Hauptstadt Damaskus bis zur von vielen Alawiten bewohnten Mittelmeerküste retten wollen.

Schon lange kämpfen an der Seite der Armee die Hisbollah aus dem Libanon und schiitische Milizionäre unterschiedlicher Herkunft im Auftrag des Iran. Ohne diese Hilfe wäre der Krieg für Assad schon längst verloren gewesen. Mit dem Iran als Verbündetem müsste sich Assad eigentlich keine Sorgen machen. Doch der Einfluss aus Teheran ist der syrischen Führung inzwischen zu groß geworden. Das analysiert der "Spiegel"-Journalist Christoph Reuter und zitiert einen Exil-Alawiten mit den Worten: "Assad will die Iraner als Kämpfer, aber sie mischen sich zunehmend ideologisch in innere Angelegenheiten ein. Das tun die Russen nicht."

Der Iran dagegen nutze zunehmend die Abhängigkeit Assads aus. Laut Reuter haben die Iraner sogar schon ohne Einbeziehung des Regimes in Damaskus Waffenstillstände mit Rebellen ausgehandelt - mit dem Ergebnis, dass Syrer nach Konfessionen sortiert umgesiedelt wurden. Der Autor ist überzeugt, dass das "iranische Projekt" in Syrien wohl nicht mehr zu stoppen sei. Trotzdem versucht Assad sich von diesem Einfluss ein Stück weit freizumachen und - wie heute - mit Hilfe der Russen Rebellen aus der Region um die Stadt Hama zu vertreiben.

Russland demonstriert seine Macht

Schwieriger und ambivalenter ist die Motivation Russlands bei dem Einsatz. Bente Scheller, Syrien-Kennerin und Leiterin der Böll-Stiftung in Beirut, schrieb in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung", die russische Intervention sei unübersehbar "eine Machtdemonstration auf internationaler Ebene". Zwar kritisierte Nato-Generalsekretär Nils Stoltenberg pflichtschuldig das russische Vorgehen. Die meisten westlichen Politiker scheinen aber nicht einmal mehr Lust zu haben, Russland zu tadeln. Es wäre ohnehin nur peinlich, denn was haben sie auch entgegenzusetzen?

Eine (derzeit undenkbare) Koalition von westlichen Staaten mit Russland unter dessen Führung wäre ebenfalls ein Sieg Moskaus. Auf die Frage, ob er Assad retten wolle, antwortete Präsident Wladimir Putin zwar kürzlich mit Ja. Doch für ihn geht es nicht allein um Assad. Russische und iranische Interessen dürften in Syrien momentan nicht miteinander kollidieren. Die schiitische Achse vom Libanon bis in den Iran hat mit dem schlagkräftigen Partner aus dem Norden erst einmal Auftrieb und kann sich geradezu unangreifbar fühlen. Ein Ende des Krieges in Syrien, eine neue Ordnung und auch eine Teilung wird es nicht mehr geben, ohne dass Russland mitredet. Diese Macht scheint Moskau erst einmal zu genügen.

Währenddessen ärgert sich eher noch ein anderer: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan steht seit Beginn der russischen Luftschläge dumm da. Denn auch wenn Russland und Iran Assad nicht bedingungslos für immer stützen mögen: Der Sturz des Regimes in Damaskus, den die Türkei sich wünscht, ist in weitere Ferne gerückt. Auch die Flugverbotszone, die Ankara gerne im Norden Syriens einrichten würde, ist mit dem russischen Eingreifen noch unwahrscheinlicher.

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(Foto: Christoph Herwartz / n-tv.de)

Quelle: n-tv.de

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