Politik

US-Angst vor der ApokalypseQuerfront ruft zur Attacke gegen Trumps Tatenlosigkeit

17.09.2026, 06:35 Uhr
imageVon Roland Peters, New York
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US-Präsident Donald Trump widerspricht den Rufen nach Regulierung von KI. (Foto: REUTERS)

Dass wir alle durch KI sterben, halten Experten für möglich - und Dutzende Millionen US-Amerikaner für nahezu unausweichlich. US-Präsident Trump blockiert den Ruf nach Regulierung. Eine politische Querfront stellt vehement Forderungen.

Bei Künstlicher Intelligenz steht viel auf dem Spiel. Alles, meinen manche: das Überleben der Menschheit. Tech-Bosse, Angestellte und Politiker in den USA warnen, eine Killer-KI könnte uns innerhalb der kommenden zehn Jahre schlicht vernichten. Die Erschaffenen könnten sich gegen ihre Schöpfer wenden - und gewinnen. Was kann man dagegen tun? Am Dienstag erreichte die "Pro Human Assembly", also die "Pro-Mensch-Versammlung" in Washington fast schon Historisches: Der lebenslang linke Senator Bernie Sanders, der rechte Stratege Steve Bannon sowie Tech-Visionär Jaron Lanier traten auf dieselbe Bühne, zeigten sich sogar grundsätzlich einig. Die Tech-Giganten müssen gestoppt werden. Aber wie genau?

Seit dem offenen Brief von Anthropic-Chef Dario Amodei am Wochenende, dem OpenAI-Chef Sam Altman sowie xAI-Chef Elon Musk zustimmten und der nach einer langsameren Entwicklung rief, werden fast schon panische Forderungen nach Regulierung von Künstlicher Intelligenz gestellt. Es hat sich eine politische Querfront gebildet, bei der jeder die Tech-Branche auf seine Weise attackiert. Auf der einen Seite stehen die Regulierungswilligen. Auf der anderen Seite steht US-Präsident Donald Trump zusammen mit den Libertären, die sich jegliche Einmischung verbitten.

Was passieren soll, darüber gibt es wenig Einigkeit, auch nicht im Kongress. Wer könnte die KI-Konzerne regulieren, wenn diese doch selbst die besten Kenner ihrer Schöpfung sind? Sie sich selbst? Wie unabhängig wären externe Privatorganisationen, die von außen hinzugerufen werden könnten? Oder sollte es eine staatliche Behörde tun? Auch dabei gäbe es ein potenzielles Unabhängigkeitsproblem. Der Supreme Court entschied vor wenigen Monaten, dass alle Behörden außer der Zentralbank Federal Reserve der Autorität des Weißen Hauses unterliegen.

Neben der Diskussion um die Gegenmaßnahmen ist eine andere wieder ins Schlaglicht gerückt, die sich mit einer ganz grundlegenden Frage beschäftigt: Kann KI überhaupt eigenständig handeln und zur Superintelligenz werden? Laut Lanier habe sich dazu im Silicon Valley "eine Religion" entwickelt, die an die Möglichkeit einer solchen Entwicklung glaubt. Anhänger schreiben den KI-Agenten eine Persönlichkeit zu und und gestehen ihnen Autonomie zu. Lanier schlägt vor, nicht die Entwicklung an sich zu bremsen, sondern unter anderem einzuschränken, welche Aufgaben die sogenannten KI-Agenten ohne menschliche Aufsicht überhaupt erledigen dürfen.

Menschheit "fast sicher" verloren?

Rund drei Viertel der Erwachsenen in den USA geben an, auf die eine oder andere Weise KI zu benutzen. Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage ist die Angst vor der Technologie enorm. 17 Prozent der US-Amerikaner meinen, Künstliche Intelligenz werde "fast sicher" die Menschheit auslöschen. Ein mittleres oder bedeutsames Risiko, dass dies geschieht, sahen 46 Prozent. Zugleich fanden 48 Prozent der US-Amerikaner die aktuellen KI-Modelle gut genug. Die Konzerne sollten die Weiterentwicklung deshalb pausieren und die Risiken damit verringern, meinten sie.

In einer drängenden Rede in Washington verglich Sanders die Gefahren von KI mit Atomenergie. Er forderte ein Entwicklungsverbot künstlicher Superintelligenz, die von Menschen nicht mehr kontrolliert werden könne. "Künstliche Superintelligenz stellt eine Bedrohung für die Menschheit dar und muss auch so behandelt werden." Neue Modelle dürfte es demnach erst geben, sobald Sicherheitsregeln wissenschaftlich festgelegt worden sind. Eine Superintelligenz wäre ein Problem der ganzen Menschheit, es brauche deshalb globale Verpflichtungen. Sanders forderte von Trump ein entsprechendes "umfassendes Abkommen" mit Chinas Präsident Xi Jinping und erinnerte an Ronald Reagan, der im Kalten Krieg mit Michail Gorbatschow einen nuklearen Abrüstungsvertrag schloss.

"Wenn man auf eine Klippe zurast, geht man nicht einfach vom Gas, sondern tritt auf die Bremse", so Sanders. "Wir brauchen verbindliche internationale Sicherheitsregeln, keine freiwilligen Standards der Branche." Den Tech-CEOs warf er Heuchelei vor, da sie Hunderte Millionen Dollar dafür ausgeben würden, Kongresskandidaten zu besiegen, die sie regulieren wollten. "Wenn das Leben jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes durch diese Technologie grundlegend verändert werden soll, dann müssen die Menschen dieses Landes Entscheidungen über KI treffen und nicht nur über eine Handvoll Oligarchen", so Sanders.

Kongress sieben Wochen lang nicht beschlussfähig

Schnelle politische Fortschritte sind jedoch kaum zu erwarten. Der Republikaner Mike Johnson, Sprecher des Repräsentantenhauses und Trump-Verbündeter, schickte am Mittwoch die Abgeordneten für sieben Wochen nach Hause. Das nächste Mal tritt die Kammer erst nach der Kongresswahl wieder zusammen. Die Diskussion um die Zukunft von KI dürfte sich also komplett in den Wahlkampf verlagern. Auch danach wird ein Beschluss schwierig: Johnson müsste zunächst eine Abstimmung über angekündigte Gesetzesprojekte zulassen, die wegen Trumps Widerstand eine vetofeste, parteiübergreifende Zweidrittelmehrheit benötigen.

Es rumort auch an der eigenen MAGA-Basis gewaltig, was sich auf die Kongresswahlen in sieben Wochen auswirken könnte. Die Republikaner fürchten um ihre Mehrheiten in beiden Kammern. Bannon, einer der bekanntesten Figuren in Trumps MAGA-Rechten, sprach sich nach Sanders ebenfalls für einen kompletten Entwicklungsstopp und einen politischen Prozess zur Regulierung aus. "Ihre Arroganz ist überwältigend", kritisierte Bannon die Tech-CEOs. Deren Forderungen nach Regulierung seien "eine blanke Lüge". Im vergangenen Jahr hätten sie noch versucht, sich gesetzliche Amnestie für die Risiken zu verschaffen, was aber am Widerstand aus der Bevölkerung gescheitert sei. "Diesen Typen geben wir keinen Blankoscheck", habe es geheißen.

Nun wollten die Tech-Oligarchen laut Bannon die Haftung für ihre Produkte auslagern, um nicht mehr verantwortlich gemacht zu werden, falls etwas schiefgehe. Deshalb hätten OpenAI und Anthropic auch ihre Börsengänge abgesagt. "Sie wollen eine Krise nutzen, um ein Kartell zu erschaffen, in das kein anderes Unternehmen hineinkommt und für das die Bevölkerung verantwortlich gemacht wird." Damit bezog sich Bannon möglicherweise auf die Angebote der KI-Konzerne an das Weiße Haus, die USA könnten Unternehmensanteile erhalten. Der Staat würde im Krisenfall mitverantwortlich. Laut Bannon befinden sich die Vereinigten Staaten im Kalten Krieg mit China, weshalb man die Volksrepublik radikal abschotten müsse; die Regierung müsse unter anderem an US-Unis studierende Chinesen ausweisen.

Trump "durchschaut alles"

Tags zuvor bekommt Jensen Huang zu ungünstiger Zeit einen Anruf. Der Nvidia-Chef sitzt bei der "All-in"-Tech-Konferenz in Los Angeles, als jemand auf die Bühne hastet und ihm ein Handy überreicht. "Hallo, Herr Präsident", grüßt der Boss des wichtigsten Herstellers von KI-Chips ins Telefon. "Es ist alles ein Schwindel", tönt Trumps Stimme per Mikrofon von Huangs Handy in die Halle. Die Rechenzentren machten die Menschen reich, es sei das Öl der nächsten 25 Jahre, KI größer als das Internet. "Wir werden das nicht geschehen lassen", tönt Trump über die Rufe nach Regulierung. Er habe "genetische Stärke bei dem Thema", da sein Onkel am MIT in Boston gewesen sei. "Die Tatsache, dass Sie alles durchschaut haben … wir sind wirklich sehr dankbar", säuselt Huang. "Ich rufe Sie später zurück."

Trump verweigert also ganz im Sinne libertärer Vorstellungen der Tech-Branche des Silicon Valley jeglichen Eingriff in die Branche. David Sacks, der womöglich wichtigste Tech-Berater Trumps und Co-Host von "All-in", sitzt ebenfalls in Los Angeles auf der Bühne. Sacks behauptet: "Politische Akteure haben ein paar Monate vor einer Wahl eine technische Diskussion im Silicon Valley genommen und versuchen sie, zum Thema zu machen." Nach seinem, Huangs und Trumps Willen soll die grenzenlose KI-Party einfach weitergehen.

Quelle: ntv.de

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