Politik

Schönheitswahn in den USA Selbst Kinder unterm Messer

Die neue Tandempartnerin des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain ist zu ihrem Start ganz schön durch die Mangel gedreht worden. Nur eines blieb Sarah Palin (44) erspart - die Nörgelei an ihrem Aussehen. Niemand bemängelte hängende Mundwinkel oder, wie bei der ausgeschiedenen demokratischen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton, fehlendes Lächeln.

Im Gegenteil: Eine frühere Schönheitskönigin, inzwischen Mutter von fünf Kindern, die immer noch aussieht wie ihre eigene Tochter, die mit Retrofrisur und Schulmädchencharme jugendliche Energie versprüht wie eine 20-Jährige - das ist, unabhängig von politischer Couleur, ziemlich genau amerikanischer Geschmack. Denn obwohl es kaum irgendwo sonst so viele dicke und ungesund lebende Menschen gibt wie in den USA, ist das ganze Land von einem Schönheitswahn erfasst. Der Druck, attraktiv und jung zu wirken, ist enorm. Und nach dem Vorbild Hollywoods wird mit Kräften nachgeholfen.

Schön sein und sich schön fühlen

Fast zwölf Millionen Schönheitsoperationen und kosmetische Eingriffe haben die Amerikaner im vergangenen Jahr über sich ergehen lassen - trotz Immobilienkrise und Angst vor Wirtschaftsflaute sieben Prozent mehr als 2006 und 59 Prozent mehr als im Jahr 2000. Und der Trend setzt sich fort. Nach einer Studie der American Society of Plastic Surgeons (ASPS) werden es bis zum Jahr 2015 fast 55 Millionen Eingriffe sein. "Der Bericht zeigt, dass die Amerikaner alles daransetzen, so schön zu sein und sich so schön zu fühlen, wie es nur geht", sagt ASPS-Präsident Richard D'Amico. Kosten allein im vergangenen Jahr: 12,4 Milliarden Dollar (8,7 Milliarden Euro).

Gefragt ist alles, was das Arsenal der Schönheitschirurgie hergibt - von der Brustvergrößerung über Fettabsaugen und Nasenkorrektur bis zum "Mommy Makeover", eine Kombipaket aus Bruststütze und Bauchstraffung. Dank Fernsehshows wie "Nip/Tuck" und "Extreme Makeover", die für die Schönheit aus der Spritze Reklame machen wie für einen Müsliriegel, sind besonders die sogenannten minimalinvasiven Behandlungsmethoden in Mode gekommen, ein Anstieg von 700 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Mit chemischen Peelings, Laseranwendungen und Faltenfüllern wird Krähenfüßen und Sommersprossen zu Leibe gerückt. 91 Prozent der Kunden sind Frauen, 9 Prozent Männer.

Entwertung des Alters

Vorstadtfrauen treffen sich jetzt bei Dip und Wein zur Botox-Party, statt wie einst Tupperware zu verhökern. Ein findiger Arzt aus Boston hat in einem halben Dutzend edler Einkaufsmeilen seine "MedSpas" eröffnet, die Aufpolsterungen verschiedener Körperteile im Schnelldurchgang bieten. Und in Los Angeles gibt es sogar einen Chirurgen, der sich auf die Verschönerung von Schamlippen spezialisiert hat.

Die Bioethikerin Maggie Little von der Georgetown Universität in Washington sieht den Schönheitskult als Entwertung des Alters. "Die Vorstellung, wie wir ausschauen sollen, orientiert sich an Prominenten, und das ist wirklich verkehrt", sagte sie in einem Interview. "Wir haben als Kultur einen sehr engen Begriff von Schönheit entwickelt - nur ein Jahrzehnt, von 20 bis 30. Wir verbringen unsere Jugend damit, auf diese Zeit hinzuarbeiten. Und den Rest des Lebens versuchen wir, sie zu konservieren."

Glitzerwelt setzt Trends

Doch längst hat der Markt nicht nur die gut betuchten Erwachsenen im Blick, sondern zunehmend auch Kinder. Fünf Prozent aller Schönheitsoperationen entfallen auf Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren. Und dabei geht es keineswegs nur um abstehende Ohren und medizinisch zu große Brüste. Fast 40.000 Teenies hatten 2007 eine Nasenoperation, immerhin 5000 ließen sich Fett absaugen. Oft seien es gar nicht die Jugendlichen selbst, die den Eingriff wollten, sondern ihre Eltern, berichtet die Kinderchirurgin Julia Corcoran von der Northwestern University in Chicago. Vielfach gebe es auch völlig unrealistische Erwartungen. "Wenn ein Mädchen kommt und sagt, sie will aussehen wie Britney Spears, ist sie nicht die geeignete Patientin."

Dabei ist es gerade die Glitzerwelt in Hollywood, die mit ihrer Allgegenwärtigkeit in den amerikanischen Medien die Trends setzt. Die US-Schönheitschirurgin Gabrielle Caswell glaubt, dass 99 Prozent aller Schauspieler in der Traumfabrik das Nervengift Botox benutzen, das die Muskeln entspannt und dadurch Falten verschwinden lässt. Stars wie Nicole Kidman, Farrah Fawcett, Melanie Griffith, Meg Ryan oder sogar Beauty-Queen Angelina Jolie sollen so versuchen, dem Zahn der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Selten geht allerdings jemand so offen mit dem Thema um wie Countrysängerin Dolly Parton (62), die zu ihrer sagenhaften Oberweite einmal anmerkte: "Es kostet sehr viel Geld, ehe man so billig aussieht wie ich."

Pfusch im Gesicht

Freilich gibt es auch genügend Beispiele, bei denen Worte nicht mehr nötig sind. Michael Jackson etwa, der einstige King of Pop, hat durch eine Serie von verpfuschten Operationen sein Gesicht zu einer schiefen Puppenmaske gemacht. Sängerin Cher ist Medienberichten zufolge ähnlich wie Goldie Hawn praktisch rundum erneuert. Und die Milliardärsgattin Jocelyn Wildenstein (68) ließ sich mühsam ein Katzengesicht ("Tiger Woman") basteln, um das erlahmte Interesse ihres Mannes wiederzugewinnen - er steht auf Löwen und Wildkatzen.

Für die normalen Menschen mit Pfusch im Gesicht gibt es im Internet längst einschlägige Seiten mit Hilfe, Trost und Abschreckung, etwa www.makemeheal.com; www.realself.com oder www.awfulplasticsurgery.com. "Oh, hätte ich diese Seite doch vor meinem Unglück gefunden", schreibt eine Leserin. "Ich bin vielleicht für den Rest meines Lebens entstellt. Und eigentlich war ich ein ganz hübsches Mädchen."

Quelle: n-tv.de, Nada Weigelt, dpa

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