Politik

Fernsehspots in der Kurzkritik So stumpf kann Wahlwerbung sein

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Pöbeln bis zum Erbrechen - der Wahlwerbespot der Linken.

90 Sekunden sind nicht lang. Es ist eine Herausforderung, in so kurzer Zeit politische Botschaften zu verpacken und durch pfiffige Ideen die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu gewinnen. Die Spots zur Europawahl zeigen, wie es nicht geht. Eine Kurzkritik.

Merkels nettes Gruselkabinett

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Die CDU setzt in ihrem Spot ganz auf das Gemeinschaftsgefühl. Ordentlich der Reihe nach tritt ein netter Mensch nach dem anderen vor die Kamera. Die Landwirtin sagt: "Von oben sieht Europa aus wie ein großes Feld." Die Sprachschülerin erzählt von ihrem Besuch in England und den Menschen aus ganz Europa, die sie dort traf: "Alle total verschieden, aber trotzdem mega nett". Eine Karosseriebauerin mit italienischen Wurzeln schwärmt von der deutschen Autoindustrie. "Nur die Pasta ist besser in Italien", sagt sie. Und zum Schluss kommt Angela Merkel als eine von vielen und zieht das Fazit: "Die wichtigen Dinge erreicht man nur gemeinsam. Deswegen ist Europa gut für unser Land."

So weit, so konventionell. Wären da nicht diese irren Augen. Der Kameramann rückt Angela Merkel und ihren netten Leuten gewaltig auf die Pelle. Ganz nah dran, so das Motto. Nur leider macht das auch der Beleuchter, total frontal. Das Ergebnis: Statt Pupillen blitzt in den Augen der Protagonisten die kalte Reflektion eines Strahlers. Gruselig.

Seehofer, Händel und der Kanten Brot

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Der kleine Koalitionspartner CSU setzt auf Naheliegendes: Regionalpatriotismus. Vor allem aber setzt er auf Pathos. Das Problem nur: Wie dann auch noch das für die CSU eher unbequeme Thema Europa einpacken? Horst Seehofer sitzt an seinem Frühstückstisch. Durch das Fenster hinter ihm sieht der Zuschauer blühende bayerische Landschaften. "Wenn eine Generation, die den Krieg erlebt hat, formuliert 'Europa ist unsere Zukunft, Deutschland unser Vaterland, und Bayern unsere Heimat', dann ist dies ein politisches Vermächtnis", sagt Seehofer. Und während er das sagt, ertönt Händels pompöse Sarabande aus der Suite in D-Moll. Ein Schwenk der Kamera. Auf Seehofers Tisch liegt ein Kanten Brot, beste bayerische Backkunst, will man denken. Ein Schwenk zurück auf Seehofer. Man hört seine Stimme. In die Herzen der Menschen bringen würde Europa, wenn das Projekt der Eliten jetzt ein Projekt der Bürger wird. Seehofers Lippen bewegen sich bei einigen seiner Sätze aber nicht. Seine Worte wirken so ein wenig wie die Stimme eines göttlichen Erzählers, was natürlich bestens zur CSU passt. Zum Schluss ein Zoom auf Seehofers geballte Hände. Dazu wieder seine Stimme: "Stärken Sie Bayern".

Was zur Hölle will uns die CSU sagen? Und warum liegt da dieser Kanten Brot? Aber wer braucht schon Inhalt und Stringenz, wenn offensichtlich Gott im Spiel ist und Streicher im Hintergrund ertönen.

Ich wär' so gern wie Angie

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Den Spot der SPD gibt es in einer Kurzfassung im Netz. 33 Sekunden lang ist der Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten, Martin Schulz, zu sehen. Mal hoffnungsvoll lächelnd beim Spaziergang durch graue Büroräume. Mal nachdenklich auf der Couch. Mal ernst. Dann eine Nahaufnahme seiner Brille. Auch seine Schuhe sind in einer Szene zu sehen. Der dramatische Höhepunkt: Schulz im Gespräch mit ein paar Anzugträgern. Zu hören sind von ihm viele Allgemeinplätze : "Brüssel muss nicht alles regeln." Komisch nur, dass in dem Clip alles nach Europaparlament, Brüsseler und Straßburger Büroräumen aussieht. Das Ganze kommt wie ein Kammerspiel daher.

Aber das ist nicht das größte Problem, schließlich wirkt das Filmchen irgendwie sympathisch. Das größte Problem ist: Der Clip ist eine dreiste Kopie des Spots der CDU zur Bundestagswahl 2013. Da ist Kanzlerin Angela Merkel nachdenklich auf einem Sessel zu sehen, Merkel hoffnungsvoll lächelnd im Regierungsviertel, eine Nahaufnahme von ihren Händen - und sie schmeißt mit Allgemeinplätzen um sich. Auch ein Kammerspiel - allerdings mit einer prominenten Hauptdarstellerin. Die Sozialdemokraten haben abgeguckt, aber verkannt, dass die Wähler ihre Kanzlerin schon kennen und mögen. Martin Schulz ist noch nicht sonderlich bekannt.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

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Der Spot der AfD folgt einem simplen Muster. Menschen, die wie Durchschnittsbürger aussehen sollen, treten vor die Kamera und stellen eine provokative Frage. "Haben Sie sich schon mal gefragt, warum unser ganzes Geld nach Griechenland geht und nicht in unsere kaputten Straßen und Brücken?", fragt einer, der gerade an einer Autobahnbrücke vorbeispaziert. Ein Arzt mit offensichtlichem Migrationshintergrund (natürlich, denn die AfD versucht gerade sich von Rechtsradikalen abzugrenzen) will wissen: "Haben Sie sich schon mal gefragt, warum nicht alle Einwanderer in Deutschland etwas leisten müssen?" Auf jede Frage folgt prompt die Antwort der AfD. "Wir wollen, dass Krisenländer den Euro verlassen, damit wir unser Geld sinnvoll einsetzen können." Und: "Wir wollen Einwanderung nach Qualifikation - keine Einwanderung in die Sozialsysteme."

Das Problem: Die AfD gibt nur Scheinantworten nach dem Muster: Warum ist es im Winter immer so kalt? Wir wollen, dass es im Winter nicht mehr kalt ist. Das ist ziemlich durchschaubar und stumpf. Es heißt zwar immer: Für's Fernsehen muss man vereinfachen. Die AfD hat sich diese Devise aber etwas zu sehr zu eigen gemacht. Ach ja, und dann ist da ja noch die Sache mit dem Recycling. Die AfD macht es sich ziemlich leicht - und verwendet für ihren Europawahlkampf weitgehend denselben Spot wie zur Bundestagswahl.

Apropos Geld

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Der Spot der FDP ist vor allem unfassbar erwartbar. Spitzenkandidat Alexander Graf Lambsdorff vor einer grauen Wand. Er fordert "vernünftige Politik mit gesundem Menschenverstand" (als ob man die beiden Dinge voneinander trennen könnte …). Auch die Möchtegern-Weisheit "Nicht alles, was aus Brüssel kommt, ist toll", gibt er zum Besten. Der Rest seiner Botschaften ist ebenfalls wenig überraschend. "Apropos Geld", heißt es da an einer Stelle. Und dann fallen Sätze wie: "Ich glaube, wir brauchen eine liberale Wirtschaftspolitik."

Ein langweiliges Set, erwartbare Zitate, schade, dass es nicht auch vom FDP-Spot eine Kurzfassung gibt. Inhaltlich kann man von einem Wahlwerbespot wohl nicht viel mehr verlangen - es geht darum, die wichtigsten politischen Ziele zu vermitteln. Für jemanden, der sich ein wenig mehr für Politik interessiert, kommt das dann immer etwas banal daher. Aber trotzdem, und das gilt nicht nur für den Spot der FDP: Zumindest eine visuelle (ausgenommen sind irre Augen á la CDU) oder rhetorische Überraschung, eine Provokation oder ein guter Witz müssten schon drin sein.

Ein bisschen Youtube geht immer

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Machen es zumindest die Grünen besser? Schließlich sind die bekannt für ihre provokativen Werbemittel. Inhaltlich bespielen sie in ihrem Spot alle Kanäle. Eine grüne Verkehrspolitik, Asyl, TTIP, Genmais, Atomkraft und Klimawandel. Und dazu in bester MTV-Manier hart aneinander geschnittene Bilder von Flüchtlingsbooten im Mittelmeer, Friedenstauben, der Atomruine Fukushima. Symbolbilder und grundsätzliche Gedanken, die an das Verständnis der grünen Klientel appellieren, statt den Wählern die einzelnen Positionen der Partei mit dem Holzhammer einzuprügeln.

Hin und wieder huschen zusammenhangslos ein paar Kühe durch das Bild, auch ein gähnender Waran ist zu sehen. Ein Hauch Youtube-Ästhetik. Langweilig ist der Clip nicht, auch nicht bevormundend. Aber auf die Pauke hauen die Grünen nicht. Dabei wäre genau das derzeit wohl wichtig für die Partei. Ein Grund für ihre schlechten Wahlergebnisse ist schließlich, dass die Bürger sie längst zum Establishment zählen. Und auch die neue Führung der Truppe sorgt nicht gerade für Aufsehen.

Ab jetzt wird gekotzt - und zwar volles Rohr

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Ein bärtiger Kerl mit gut trainiertem Bierbauch lehnt sich aus dem Fenster - und pöbelt. Er pöbelt so laut, dass selbst der Kameramann zu zittern beginnt. "Ich könnte kotzen. Was ist mit den windigen Banken? Bezahlt doch selber für eure dummen Fehler, ihr Jammerlappen!" Wäre der Bildausschnitt etwas enger, man würde den Geifer aus dem Maul des Mannes spritzen sehen. "Und wie wir Waffen exportieren!", schreit er. "Jedem Diktator seinen Panzer, jedem Schlächter seine Haubitze. Ich könnte kotzen!" Eine Minute lang geht das so im Wahlwerbespot der Linken. Zum Schluss ein Schwenk. Der Kameramann setzt sich selbst ins Bild. Es ist: Gregor Gysi. Und während der Bierbauchpöbler weiter pöbelt, flüstert der Fraktionschef der Linken: "Natürlich hat er Recht, und schon deshalb die Linke wählen, damit sich endlich auch die anderen ärgern."

Immerhin eine Partei hatte für ihren Spot also wirklich eine Idee. Und wenn sich die Linke als Protestpartei in Szene setzen will, wohl auch eine ziemlich gute. Die Linke als Sprachrohr des plumpen Cholerikers, der nichts Besseres zu tun hat, als aus seinem Wohnzimmerfenster zu gaffen und die Passanten vollzuschwatzen. Das bringt doch den Protest des kleinen Mannes auf den Punkt. Oder? Auf jeden Fall sagt es viel aus über das Bild, das Gysi und seine Truppe von ihren potenziellen Wählern haben. Wer sich mit einem Pöbelschwätzer identifizieren kann, findet den Spot sicher prima. Alle anderen dürfte er gewaltig abschrecken. Ob das so gewollt ist?

Quelle: n-tv.de