Politik

Als "David" war Israel beliebterSo viele Boykotteure wie nie: Warum fünf Länder nicht am ESC teilnehmen

12.05.2026, 14:55 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Von Hubertus Volmer
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Für Israel nimmt Noam Bettan in Wien am ESC teil. Er singt am Dienstagabend im ersten Halbfinale, bei dem es darum geht, sich für das Finale am Samstag zu qualifizieren. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Erstmals boykottieren fünf Länder den European Song Contest. Der Grund ist für alle derselbe: die Teilnahme Israels und das israelische Vorgehen im Gazastreifen. Ein Blick in die einzelnen Länder offenbart einen Trend.

Es ist nicht das erste Mal, dass Länder dem Eurovision Song Contest fernbleiben, weil ihnen die Gastgebernation oder ein anderes Teilnehmerland nicht passen. Aber so viele Boykotteure wie in diesem Jahr gab es noch nie.

Fünf Länder werden nicht am ESC teilnehmen: Irland, die Niederlande, Slowenien, Spanien, Island. Ihr gemeinsamer Grund: Israels Vorgehen im Gazastreifen. Irland, Spanien und Slowenien werden den ESC nicht einmal übertragen.

Die Bundesregierung reagierte mit scharfer Kritik auf die Absagen. "Unsere deutsche Position war von Anfang an: Israel soll singen", sagt Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ntv.de. "Der Geist des ESC ist friedliche Völkerverständigung und heitere Toleranz, Musik und Kultur sollen im Vordergrund stehen, nicht die Politik."

Aber natürlich war der ESC schon immer auch politisch. Das diesjährige Gastgeberland Österreich verzichtete 1969 auf eine Teilnahme am "Grand Prix Eurovision de la Chanson", um gegen die Franco-Diktatur im damaligen Ausrichterland Spanien zu protestieren. Ähnliche Formen des Protests gab es immer wieder. Kein Boykott, sondern ein Ausschluss erfolgte nach dem russischen Überfall auf die Ukraine: Seit 2022 ist Russland raus.

Acht Länder beantragten Israels Ausschluss

Bereits vor dem jüngsten Krieg im Gazastreifen gab es Aufrufe, den ESC wegen Israel zu boykottieren - vor allem 2019, als der Wettbewerb in Tel Aviv ausgerichtet wurde. Damals kam die Forderung von randständigen Gruppen wie der BDS-Bewegung, die seit Jahren für einen umfassenden Boykott Israels agitiert.

Das änderte sich nach dem Beginn des Gazakriegs, mit dem Israel auf die blutigen Angriffe der Hamas reagierte. Mehr als 1100 Menschen wurden getötet, als die Terrorgruppe am 7. Oktober 2023 Ortschaften und ein Festival in Israel überfiel. 251 Menschen wurden von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt, mehr als die Hälfte von ihnen überlebte das Grauen dort nicht.

Die Art der israelischen Kriegsführung in Gaza nach Beginn der Bodenoffensive führte beim ESC 2024 im schwedischen Malmö zu Protesten, wobei auch diese noch weitgehend von der BDS-Szene getragen waren. Je länger der Krieg andauerte, umso breiter wurde die Empörung. 2025 beantragten acht Länder in der Vollversammlung der Europäischen Rundfunkunion EBU, die den ESC ausrichtet, eine Abstimmung über den Ausschluss Israels von der Veranstaltung. Die Abstimmung gab es nicht. Im November stand fest: Israel nimmt teil.

Irland: Die eigene Geschichte "in den Augen der Palästinenser"

Bereits am 11. September 2025 hatte Irlands öffentlich-rechtlicher Sender RTÉ erklärt, man werde nicht am Wettbewerb teilnehmen, wenn Israel dabei sei. "RTÉ ist der Ansicht, dass eine Beteiligung Irlands angesichts des anhaltenden und entsetzlichen Verlusts von Menschenleben in Gaza unverantwortlich wäre."

In Irland, siebenfacher ESC-Gewinner und damit zusammen mit Schweden Rekordsieger, löste der Boykott keine Kontroverse aus. Das Land zählt zu den am stärksten propalästinensischen Staaten in der EU. 2024 erkannte Irland Palästina als Staat an, gemeinsam mit Spanien und Norwegen. In ihrer ersten Rede nach ihrer Vereidigung sprach die neue irische Präsidentin Catherine Connolly im vergangenen November von einem derzeit laufenden "Genozid". Sie erwähnte Israel in ihrer Rede nicht - aber jeder wusste, wer gemeint war.

Eine Schwester der Präsidentin war an Bord eines der Schiffe, die jüngst versuchten, die israelische Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Im Wahlkampf hatte Connolly sich noch sehr viel radikaler geäußert. Sie bezeichnete Israel als "Terrorstaat", die Hamas nannte sie einen "Bestandteil" des palästinensischen Volkes. Connolly ist eine parteilose Linke, mit Blick auf Israel geht ihre Rhetorik auch für irische Verhältnisse weit.

Allerdings kommt scharfe Kritik am israelischen Vorgehen gegen die Palästinenser in Irland aus allen politischen Lagern. In einer Rede vor der UN-Generalversammlung warf der konservative Ministerpräsident Micheál Martin zwei Mitgliedern der israelischen Regierung "genozidale Absichten" vor.

Die israelische Regierung reagiert auf solche Kritik regelmäßig mit dem Vorwurf, dahinter stecke Antisemitismus. Plausibler ist ein anderes Motiv, das der damalige irische Ministerpräsident Leo Varadkar vor zwei Jahren in einer Rede zum St. Patrick's Day erläuterte. Er werde auf seinen Reisen häufig gefragt, warum die Iren so viel Mitgefühl mit den Palästinensern hätten. Die Antwort sei einfach: "Wir sehen unsere Geschichte in ihren Augen."

Niederlande: Die Mehrheit ist gleichgültig

Einen Tag nach Irland folgten die niederländische Rundfunkgesellschaft AVROTROS und der slowenische Sender RTV Slovenija. Wie RTÉ verwiesen auch diese Sender auf das Leid in Gaza und die dortige Unterdrückung der Pressefreiheit durch Israel.

In den Niederlanden war die Zustimmung zum Boykott weniger breit als in Irland. Während auf der Insel 79 Prozent die Entscheidung unterstützten, waren es in den Niederlanden 47 Prozent; 34 Prozent lehnten den Boykott ab.

Trotzdem gab es in den Niederlanden keine breite Debatte, auch nicht vor der Parlamentswahl im November. Ganz generell gilt für das Thema Nahost in den Niederlanden: "Es gibt starke Meinungen an den Rändern, aber bei der Mehrheit herrscht eine Art Gleichgültigkeit", wie der Historiker Bart Wallet vor drei Jahren sagte.

Slowenien: Doku statt ESC

Dazu passt, dass die Niederlande zwar nicht am ESC teilnehmen, das Finale aber trotzdem übertragen. Der slowenische Sender geht einen anderen Weg: Er zeigt die Filmreihe "Voices of Palestine".

"Wir werden nicht am Eurovision Song Contest teilnehmen, wenn Israel dabei ist. Im Namen der 20.000 Kinder, die in Gaza gestorben sind", sagte die Vorstandsvorsitzende von RTV Slovenia, Natalija Gorščak, in der EBU-Versammlung, in der über die Teilnahme Israels entschieden wurde.

Dies spiegelt die Position der slowenischen Regierung: Im September erklärte sie den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zur unerwünschten Person, nachdem sie im August bereits als erstes europäisches Land ein Waffenembargo gegen Israel verhängt hatte - beides symbolische Aktionen, die von der israelischen Regierung als "völlig bedeutungslos" abgetan wurden.

Ganz so bedeutungslos war die Position der slowenischen Regierung möglicherweise doch nicht. Im März wurde die grün-liberale Freiheitsbewegung von Ministerpräsident Robert Golob zwar stärkste Kraft, verlor jedoch ihre Parlamentsmehrheit. Im Wahlkampf waren Videos aufgetaucht, die Golobs Regierung als korrupt darstellen. Der slowenischen Wochenzeitung "Mladina" zufolge steckte hinter der Kampagne eine israelische Firma: Black Cube, gegründet von ehemaligen Geheimdienstoffizieren, die nun private Spionageaktivitäten anbieten.

Spanien: Gemeinsamkeit von Franco und Linken

Am 16. September schloss sich der spanische Sender RTVE den Iren, Niederländern und Slowenen an. Dieser Boykott ist für die EBU der schwerwiegendste: Spanien zählt zu den "Big Five" und hatte seit 1961 immer an dem Wettbewerb teilgenommen. (Die großen fünf Mitgliedsländer - neben Spanien sind das Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien - müssen sich nicht für das Finale qualifizieren, sondern nehmen seit 1996 automatisch teil, da sie den größten Anteil zur Finanzierung der EBU beitragen.)

Scharfe Kritik an Israel ist in Spanien fast schon an der Tagesordnung - unter den Parteien steht nur die rechtsextreme Vox uneingeschränkt hinter der amtierenden israelischen Regierung. Unterschiedlich sind die Traditionslinien: Linke sowie separatistische Parteien in Katalonien und im Baskenland identifizieren sich - ähnlich wie Iren und Slowenen - mit den Palästinensern.

Aus der Franco-Diktatur, die nach dem Tod des Diktators 1975 langsam zu Ende ging, reicht eine weitere propalästinensische Tradition in die Gegenwart, vor allem über die konservative spanische Volkspartei: Nach dem Zweiten Weltkrieg pflegte Franco gute Beziehungen zu den arabischen Ländern. Diplomatische Beziehungen nahmen Spanien und Israel erst 1986 auf. Mittlerweile stehen diese Beziehungen kurz vor dem Abbruch: Ihre Botschafterinnen haben Spanien und Israel bereits im vergangenen Jahr zurückgerufen.

Dennoch ist Kritik an Israel in Spanien vor allem eine Domäne der Linken. Im 15-köpfigen Verwaltungsrat des Senders RTVE stimmten die vier Vertreter der Volkspartei gegen den Boykott.

Island: Erster Redner in der Knesset, erste Anerkennung Palästinas

Als letztes ESC-Land reihte sich Island unter den Boykottstaaten ein. Der isländische Sender RÚV teilte am 10. Dezember mit, eine Beteiligung bringe "weder Freude noch Frieden". RÚV-Generaldirektor Stefán Eiríksson verwies auf die Stimmung im Land: Künstlerverbände und die isländische Öffentlichkeit seien gegen eine Teilnahme am Wettbewerb. Zudem wäre es schwierig geworden, Künstler für die Teilnahme zu gewinnen.

Einer Umfrage zufolge sind 71 Prozent der Isländer zufrieden mit dem ESC-Boykott. Weitere 14 Prozent zeigten sich in der Erhebung "eher zufrieden". Nur 17 Prozent äußerten sich unzufrieden. Die Haltung zu Israel hängt auch in Island stark von der politischen Verortung ab: Unter den Anhängern der konservativen Zentrumspartei stieß die Entscheidung des Senders mehrheitlich auf Kritik.

Ähnlich wie in den Niederlanden ist in Island eine traditionell israelfreundliche Stimmung gekippt. 1966 war der isländische Präsident Ásgeir Ásgeirsson das erste ausländische Staatsoberhaupt, das eine Rede in der Knesset hielt. 2011 war Island das erste europäische Land, das Palästina anerkannte.

Liegt es am Antisemitismus?

Der Impuls liegt nahe, den fünf Boykottländern eine antisemitische Grundhaltung vorzuwerfen. Aber das wäre falsch: Antisemitismus ist in Irland nicht stärker verbreitet als im benachbarten Großbritannien, in den Niederlanden nicht stärker als in Deutschland.

Auch eine Untersuchung der Universität Tel Aviv kommt zu dem Schluss, dass Antisemitismus eine "extrem schwache" Erklärung ist. Die Studie untersucht eine Ländergruppe, die vor einem Jahr eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht haben: Island, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Slowenien und Spanien riefen darin die israelische Regierung zu einem sofortigen Kurswechsel auf: "Angesichts der menschengemachten Katastrophe, die vor unseren Augen im Gazastreifen geschieht, werden wir nicht schweigen."

Uriya Shavit, Verfasser der Studie, ermittelt eine ganze Reihe von Motiven, die auch den ESC-Boykott erklären. So neigen linke Regierungen stärker zu Israel-Kritik. Häufig sind es zudem Länder, in denen die Erinnerung an den Holocaust und die Auseinandersetzung mit heutigem Antisemitismus nur eine geringe Rolle spielen. Mit Ausnahme der Niederlande trifft dies auf alle Boykottländer zu. Ein weiterer Faktor ist die Größe der jüdischen Community im jeweiligen Land.

Dazu kommen nationale Besonderheiten, die eine Identifikation mit den Palästinensern erleichtern. Dies ist nicht nur in Spanien und Irland der Fall. Shavit verweist darauf, dass Slowenien seine Unabhängigkeit in einem Zehn-Tage-Krieg gegen einen übermächtigen Gegner (Jugoslawien) erkämpfte. 1948 hätte sich ein solches Land mit dem gerade gegründeten Israel identifiziert - heute ist das nicht mehr der Fall.

Der "Goliath" macht sich unbeliebt

Die fünf Länder haben offengelassen, wie sie im nächsten Jahr entscheiden werden. Stand jetzt ist ihre Rückkehr zum ESC kaum vorstellbar. Eher könnte der Boykott sich ausweiten: Am Montag verhängte die Europäische Union Sanktionen gegen mehrere israelische Siedler und Siedler-Gruppen, die aus Sicht der EU für die Gewalt gegen Palästinenser im Westjordanland verantwortlich sind. Länder wie Irland zeigten sich zufrieden

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu reagierte wie immer: mit Vorwürfen. Die EU habe "ihren moralischen Bankrott offenbart, indem sie eine falsche Symmetrie zwischen israelischen Bürgern und Hamas-Terroristen herstellt", schrieb er auf X.

Aus Shavits Sicht sind solche Reaktionen genau der falsche Weg. Er bilanziert in seiner Studie, Europa habe Israel lieber gemocht, als das Land noch ein "David" war und um sein Überleben kämpfen musste. Das moderne Israel müsse sich zwar nicht dafür entschuldigen, ein "Goliath" geworden zu sein. Es sollte aber erkennen, dass ein Goliath sich unbeliebt macht, wenn er arrogant auftritt und glaubt, nicht auf Verbündete angewiesen zu sein.

Quelle: ntv.de

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