Politik

Politischer Aschermittwoch Söder kokettiert mit der Kanzlerkandidatur

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Klein im Bild: Stoiber und Strauß. In der Mitte: Söder.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa Pool)

So viele Symbole, so viele Andeutungen und zwischendrin eine staatstragende Corona-Rede: Der Auftritt von CSU-Chef Söder beim politischen Aschermittwoch lässt aufhorchen. Dass CDU-Chef Laschet bei der CSU ein Grußwort sprechen darf, erweist sich als giftiges Geschenk.

Markus Söder erklärt sicherheitshalber gleich zu Beginn die Bedeutung seiner Rede: Der politische Aschermittwoch der CSU sei eine "ernsthafte politische Veranstaltung" und "ganz Deutschland schaut zu, sogar halb Europa", sagt Söder über die diesjährige Online-Veranstaltung, bei der er aus einer Art Wohnzimmer-Set statt von einer Bühne spricht. Der damals 16-jährige Söder - pickelig und in Hochwasserhosen - habe sich bei seinem ersten Besuch des Aschermittwochs nicht vorstellen können, hier eines Tages als Erbe von Franz-Josef Strauß und Edmund Stoiber zu sprechen. Dass er 38 Jahre später dennoch in einer Linie mit den früheren Parteichefs und Ministerpräsidenten steht, untermauern an der Wand hängende Porträtfotos der beiden einzigen CSU-Kanzlerkandidaten; Stoiber über Söders rechter Schulter, CSU-Übervater Strauß über der linken.

Markus Söder, davon muss man ausgehen, hat große Freude an diesem Spiel mit Symbolen und Andeutungen. Auch wenn nicht halb Europa dabei sein dürfte, so sind es doch neben den beinharten CSU-Anhängern zumindest die meisten politischen Berichterstatter, deren Leser und Zuschauer Söder fest im Blick hat, als er eine tatsächlich historische Aschermittwochsrede hält: zwar gespickt mit Spitzen gegen politische Gegner, aber Pandemie-bedingt im Kern staatsmännisch.

Auf einem digitalen Hintergrundbild läuft immer wieder ein Parteimitglied mit dem Schild "Markus, wir brauchen dich" durchs Bild. In München haben sie Söder schon, wo brauchen "sie" ihn dann? Bayerns Ministerpräsident gibt sich bei seiner Aschermittwochsrede, in der er vordergründig für seine Corona-Politik wirbt, nicht die geringste Mühe, Spekulationen über seine Kanzlerambitionen zu entkräften - im Gegenteil.

Ein giftiges Geschenk

Doch der Reihe nach, denn Söder macht nicht den Anfang bei dieser aus Passau übertragenen Digitalveranstaltung. Diese Rolle fällt dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet zu, der ein Grußwort sprechen darf. Der Mann, der erklärtermaßen die Kanzlerkandidatur der Union anstrebt, ist der erste CDU-Politiker, der auf dem politischen Aschermittwoch der Schwesterpartei sprechen darf.

Die vermeintliche Ehre, die ihm da zuteil wird, ist ein giftiges Begrüßungsgeschenk aus München. Laschet bleibt gar nichts anderes übrig als höflich die CSU und ihren Aschermittwoch - er nennt ihn ernsthaft den "Olymp des politischen Lebens" - über den grünen Klee zu loben. In einer weitgehend uninspirierten Rede über die Union als Modernisierungspartei macht sich Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident vor allem zum Kronzeugen für Söders Größe: Laschets Auftritt untermauert erstens, dass sich unter Söder das Verhältnis beider Schwesterparteien von der Zwie- zur Eintracht zurückentwickelt hat, und dass zweitens der Bayern-Chef der deutlich unterhaltsamere Redner ist.

Weil die eigens von der CSU geschickten bayerischen Bierflaschen als Dekoration ungeöffnet vor Laschet stehen, fühlt der sich im anschließenden Gespräch mit CSU-Generalsekretär Blume zum Versprechen gezwungen, eine Flasche zu leeren, sobald die Kameras aus sind. Söder hat später keine Flasche vor sich stehen, sondern einen undurchsichtigen Steinguthumpen. Er wird ungefragt erklären: "Ich trinke übrigens, ich geb es zu, Cola light." Botschaft: Ich muss mich nicht anbiedern, ich muss arbeiten. CSU-Anhänger können das verkraften, nachdem Stoiber bei Bierzeltauftritten meist Kamillentee im Humpen hatte.

Söder hält Kurs

Tatsächlich verwendet Söder einen Großteil seiner Rede auf die Pandemie und erklärt seine Corona-Politik ausführlich; ganz so als wäre er nicht Dauergast in allen Talkshows. Der 54-Jährige erläutert die persönliche Belastung, mit der er immer wieder ringe, ohne aber an seinem Kurs zu zweifeln. "Wie sollen wir sonst anders agieren als jetzt? Jedes andere Konzept ist gescheitert", sagt er und: "Für mich sind Todesfälle ein Stich ins Herz, das ist keine Floskel." Immer wieder geht es ihm um Verantwortung, an der kein Weg vorbeiführe, egal wie hoch der Preist ist. "Ich bin da ja zentrale Zielscheibe der gesamten Rechts- und Verschwörungsszene", sagt Söder über Diffamierungen und Morddrohungen im Netz.

Fehler in der Pandemiebekämpfung kann Söder einzig in Berlin und Brüssel ausmachen, als er die schleppende Auszahlung der Wirtschaftshilfen und vermeintlich zu geringe Impfstoffbestellungen rügt. In seinem Verantwortungsbereich dagegen: alles prima. "Wir liegen unter dem Bundesdurchschnitt, und zwar relativ deutlich", sagt er über die aktuellen Inzidenzzahlen. Andere Bundesländer hätten mehr Probleme, "auch Nordrhein-Westfalen beispielsweise". Aber bevor einer den Seitenhieb auf das Laschet-Land als solchen bezeichnet: "Das ist kein Wettbewerb, das zeigt nur, wie volatil es ist. Wenn du heute nicht aufpasst, kannst du morgen ein Hotspot sein." Es gibt kaum einen Landeschef, der sich so offensiv zu den Corona-Maßnahmen und der Linie von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekennt, wie Söder.

Auch die exklusive Öffnung der Friseure verteidigt Söder gegen Kritik und Spott. "Mal abgesehen davon, dass das ein wichtiges Handwerk ist", sagt Söder, gehe es nicht nur ums Aussehen, sondern gerade für ältere und kranke Menschen um Hygiene und Würde. Söder erinnert an seine früh verstorbene Mutter und die letzte gemeinsame Geburtstagsfeier der Familie im Krankenhaus. Der Mutter sei es wichtig gewesen, sich noch einmal für ihren Mann hübsch zu machen. "Der Krankenhausfrisör hat ganze Arbeit geleistet, ich weiß noch, wie glücklich und stolz sie war", sagt Söder. Kurzes Überprüfen des Livestreams: Ist das hier wirklich noch der politische Aschermittwoch der CSU?

Merkels größter Fan

Ja, doch: "Mit wem könnte im Herbst eine Zusammenarbeit möglich sein? Gehen wir mal durch", leitet Söder die überfällige Attacke auf die politischen Mitbewerber ein. Das meiste Fett kriegen die Freien Wähler ab, die als kleiner Koalitionspartner in Bayern immer wieder Söders Corona-Kurs in Frage stellen. Mehr Zeit als allen anderen Parteien zusammen aber widmet Söder den Grünen. Die hatte er zuletzt immer wieder umworben. Nun sagt er: "Das derzeitige Programm, das sie haben, ist nicht koalitionsfähig." Und: "Ich bin enttäuscht und entsetzt, was die Grünen derzeit machen. Sie fahren eine Kampagne gegen Einfamilienhäuser", spitzt Söder die Debatte vom Wochenende zu.

Doch bevor er alle Brücken zu einer schwarz-grünen Koalition abreißt, nimmt der CSU-Chef den eigenen Leuten wieder die Angst vor so einem Bündnis: "Wenn sie in einer Regierung sind, sind sie genau wie alle anderen: Grüne fällen Bäume, teeren Straßen und fahren große Autos." Dass sich Annalena Baerbock das Kanzleramt ohne jede Regierungserfahrung zutraue, sei wie Formel 1 fahren wollen ohne Führerschein, sagt Söder noch gegen Ende einer Rede, die sich über weite Strecken um sein fehlerfreies Fahren gedreht hat. Baerbock und der Grünen-Co-Vorsitzende Robert Habeck seien "charmante und kompetente Leute". Kurzes Grinsen: "Ich würde eher sagen charmant." Bei allem Bemühen um ein freundliches und verbindliches Auftreten: Söder kann nicht lächeln, ohne Zähne zu zeigen.

Dass diese Zähne auch zubeißen, haben viele politische Mitstreiter in schlechter Erinnerung, nicht zuletzt die seit Monaten ständig von Söder gepriesene Kanzlerin. Schließlich war der damalige bayerische Finanzminister 2015 noch eine treibende Kraft hinter der drohenden Spaltung von CDU und CSU, als Söder Merkels Flüchtlingskurs mit teils heftigen Anwürfen kritisierte. Wie lange das her ist, und wie nah sich Söder dem Bundeskanzleramt inzwischen fühlt, macht ein Satz zum nahenden Bundestagswahlkampf deutlich: "Merkel-Stimmen gibt es nur mit Merkel-Politik", sagt Söder allen Ernstes. Die Pandemie bringt die Menschen um viele Erlebnisse. Die Wirkung dieses Satz nicht in einem prall gefüllten CSU-Saal erleben zu können, gehört da ganz sicher dazu.

Quelle: ntv.de