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Mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher Staatsanwalt ermittelt

Die Tat liegt fast 70 Jahre zurück. Im Herbst 1942 sollen deutsche Soldaten rund 360 Juden aus dem Ghetto in Shitomir erschossen haben. Nun prüft die Staatsanwaltschaft Cottbus, ob ein heute 91-Jähriger an dem Verbrechen beteiligt war.

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Ein ukrainischer Jude, der bei einer Massenerschießung in Vinnitsa zwischen 1941 und 1943 ermordet wird.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt gegen einen mutmaßlichen "Das ist sehr frustrierend" . "Es besteht der Verdacht, dass sich der Beschuldigte der zweifachen Beihilfe zum Mord an 360 Personen schuldig gemacht hat", sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Petra Hertwig, der "Märkischen Allgemeinen Zeitung". Es wird demnach geprüft, ob der heute 91-Jährige vor rund 70 Jahren möglicherweise an Erschießungen in der Ukraine beteiligt gewesen war.

Laut Staatsanwaltschaft wurde der Mann bereits vernommen und hat auch ausgesagt. Zu Details wollte sich die Sprecherin aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern. "Wir prüfen, ob es noch andere Ermittlungsansätze gibt", sagte Hertwig. Das könnten etwa weitere Angehörige der Einheit sein, die Zeugen der Verbrechen waren.

Im Oktober und November 1942 sollen insgesamt rund 360 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Ghetto in Shitomir von Die Plaudereien der Wehrmachtssoldaten getötet und in Massengräbern verscharrt worden sein. Die Soldaten sollen zum Kommandostab Reichsführer-SS gehört haben.

Nach Informationen der Zeitung beruht das Wissen über die Exekutionen in der Ukraine weitgehend auf den Aussagen eines Zeugen, der bereits 1971 gestorben ist und 1947 in russischer Kriegsgefangenschaft die Verbrechen geschildert hatte. 1985 hatte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden das Verfahren gegen den beschuldigten Chef des mutmaßlichen Erschießungstrupps eingestellt, weil sie Zweifel am Wahrheitsgehalt der Zeugenaussagen hegte.

Auf die Spur des heute 91-jährigen Mannes aus Cottbus kam demnach die Zentrale Stelle im baden-württembergischen Ludwigsburg, eine 1958 von den Bundesländern eingerichtete Behörde zur Verfolgung von NS-Kriegsverbrechen. Auf der Suche nach Zeugen in einem anderen Verfahren seien die Ludwigsburger Justizmitarbeiter in ihrer fast 1,7 Millionen Blatt zählenden Kartei auf den Namen des Mannes gestoßen. Dieser, so belegen es der "MAZ" vorliegende Unterlagen, war als SS-Sturmmann Angehöriger des Kommandostabs Reichsführer-SS - jener Einheit, die die Juden aus dem Ghetto in Shitomir umgebracht haben soll.

Der stellvertretende Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle, Thomas Will, sagte der Zeitung, es gelte zunächst die Unschuldsvermutung. Selbst wenn nachgewiesen werden könne, dass der Mann zum Tatzeitpunkt Teil der Einheit war, beweise das noch nicht, dass er auch bei den Erschießungen dabei war. Oft müsse zur Kenntnis genommen werden, dass einem Beschuldigten nach so vielen Jahren nichts mehr nachgewiesen werden könne. 20 bis 30 Vorermittlungsverfahren würden pro Jahr noch an die Staatsanwaltschaften der Länder weitergeleitet. Aber nur in einem Zehntel der Fälle kommt es demnach tatsächlich zu einer Anklage.

Quelle: n-tv.de, dpa

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