Politik

Ansprache des Bundespräsidenten Steinmeier: "Die Welt danach wird eine andere sein"

Angesichts der Corona-Krise wendet sich Bundespräsident Steinmeier an die Bürger. Eindringlich ruft er zu Geduld und Solidarität auf. Zugleich bittet er um Vertrauen in die Regierungen in Bund und Länder. Und er hofft auf eine andere Gesellschaft nach der Krise.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ruft die Menschen in Deutschland zu Geduld, Disziplin und Solidarität in der Corona-Krise auf. "Wie es jetzt weitergeht, wann und wie die Einschränkungen gelockert werden können, darüber entscheiden nicht allein Politiker und Experten", sagte er in einer Fernsehansprache zu den Osterfeiertagen. "Sondern wir alle haben das in der Hand, durch unsere Geduld und unsere Disziplin - gerade jetzt, wenn es uns am schwersten fällt."

An die Bürgerinnen und Bürger appellierte das Staatsoberhaupt, die Erfahrung der Solidarität in der Krise für die Zeit danach zu bewahren. "Die Solidarität, die Sie jetzt jeden Tag beweisen, die brauchen wir in Zukunft umso mehr", sagte er. Nach dieser Krise werde es eine andere Gesellschaft geben. "Die Welt danach wird eine andere sein", sagte er. "Wir wollen keine ängstliche, keine misstrauische Gesellschaft werden. Sondern wir können eine Gesellschaft sein mit mehr Vertrauen, mit mehr Rücksicht und mehr Zuversicht." Zugleich äußerte sich der Bundespräsident optimistisch: "Wir können und wir werden auch in dieser Lage wachsen."

"Ja, wir sind verwundbar"

Ausgesprochen eindringlich mahnte Steinmeier zu deutscher Solidarität innerhalb Europas. "Deutschland kann nicht stark und gesund aus der Krise kommen, wenn unsere Nachbarn nicht auch stark und gesund werden", sagte er. "30 Jahre nach der Deutschen Einheit, 75 Jahre nach dem Ende des Krieges sind wir Deutsche zur Solidarität in Europa nicht nur aufgerufen - wir sind dazu verpflichtet."

Steinmeier hatte am Vormittag vor der Aufzeichnung der Rede mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella telefoniert und ihm die Solidarität Deutschlands in der schwierigen Lage versichert. Es war das dritte Telefonat des Bundespräsidenten mit Mattarella in der Zeit der Corona-Krise, von der Italien neben Frankreich und Spanien in Europa besonders schwer betroffen ist.

"Ja, wir sind verwundbar", sagte Steinmeier über die Pandemie. Man habe vielleicht "zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht". Dies sei ein Irrtum gewesen. Er sei aber auch "tief beeindruckt von dem Kraftakt, den unser Land in den vergangenen Wochen vollbracht hat". Steinmeier sagte: "So viele von Ihnen wachsen jetzt über sich selbst hinaus. Ich danke Ihnen dafür." Schon heute "können wir sagen: Jeder von Ihnen hat sein Leben radikal geändert, jeder von Ihnen hat dadurch Menschenleben gerettet und rettet täglich mehr".

Frank-Walter Steinmeier

Ich bin tief beeindruckt von dem Kraftakt, den unser Land in den vergangenen Wochen vollbracht hat. Noch ist die Gefahr nicht gebannt. Aber schon heute können wir sagen: Jeder von Ihnen hat sein Leben radikal geändert, jeder von Ihnen hat dadurch Menschenleben gerettet und rettet täglich mehr.

Bitte um Vertrauen in Regierung

Noch sei die Gefahr nicht gebannt, daher sei es "gut, dass der Staat jetzt kraftvoll handelt". Der Bundespräsident appellierte: "Ich bitte Sie alle auch weiterhin um Vertrauen, denn die Regierenden in Bund und Ländern wissen um ihre riesige Verantwortung." Das Land stehe an einer Wegscheide, sagte Steinmeier. Schon in der Krise zeigten sich die beiden Richtungen, die man nehmen könne: "Entweder: Jeder für sich, Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? Oder bleibt das neu erwachte Engagement für den anderen und für die Gesellschaft? Bleibt die geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft?"

Steinmeier fragte, ob man auch nach der Krise der Kassiererin, dem Paketboten weiterhin die Wertschätzung schenke, die sie verdienten. "Erinnern wir uns auch nach der Krise noch, was unverzichtbare Arbeit - in der Pflege, in der Versorgung, in sozialen Berufen, in Kitas und Schulen - uns wirklich wert sein muss?", fragte er rhetorisch.

Der Bundespräsident rief zu weltweiter Solidarität und gemeinsamen Anstrengungen gegen die Corona-Krise auf. "Suchen wir auf der Welt gemeinsam nach dem Ausweg oder fallen wir zurück in Abschottung und Alleingänge?" Wissen und Forschung sollten geteilt werden, damit man schneller zu Impfstoff und Therapien gelange. Auch die ärmsten und verwundbarsten Länder müssten dazu Zugang haben. Die Corona-Pandemie sei kein Krieg, sagte Steinmeier. "Sondern sie ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit", die das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervorrufe. "Zeigen wir einander doch das Beste in uns." Seine Ansprache schloss der Bundespräsident mit den Worten: "Frohe Ostern, alles Gute - und geben wir Acht aufeinander."

Macron wird bereits vierte Ansprache seit März halten

Kanzlerin Angela Merkel hatte nach Absprache mit Steinmeier auf ihren samstäglichen Videopodcast verzichtet. Die neun Minuten lange Fernsehansprache des Bundespräsidenten ist ein außergewöhnliches Zeichen - normalweise wendet sich das Staatsoberhaupt nur zu Weihnachten in dieser Form an die Menschen. So hatte sich Bundespräsident Heinrich Lübke am 31. August 1961 zum Mauerbau in Berlin geäußert. Am 21. Juli 2005 wandte sich Bundespräsident Horst Köhler an die Bürger, nachdem er den Bundestag aufgelöst und eine Neuwahl angesetzt hatte.

Auch in anderen Ländern sorgt die Krise für Abweichungen von der Normalität: In Frankreich wandte sich Präsident Emmanuel Macron bereits dreimal an die Nation. Am Montag folgt die vierte seit dem 12. März. Queen Elizabeth II. hielt vor wenigen Tagen eine TV-Ansprache. Es war die vierte ihrer Amtszeit außerhalb der jährlichen Weihnachtsansprachen.

Am heutigen Samstag veröffentlichte sie eine Tonaufnahme auf Twitter. "Dieses Jahr wird Ostern für viele von uns anders, aber indem wir Abstand halten, retten wir Leben", sagt sie. Doch Ostern sei nicht abgesagt, man brauche es mehr denn je. Die Entdeckung der Auferstehung Jesu Christi habe seine Anhängern neue Hoffnung und neue Aufgaben gegeben. Alle könnten daraus Mut schöpfen. "Wir wissen, dass uns das Virus nicht besiegen wird."

Quelle: ntv.de, jwu/dpa