Politik

Wahlkampf aus dem Knast Timoschenkos tapfere Kampfpilotin

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Ukrainische Kämpferin in den Händen Moskaus: Nadja Sawtschenko.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Am 26. Oktober wählt die Ukraine ein neues Parlament. Im Wahlkampf greifen die Parteien zu allen Mitteln, um sich Gehör zu verschaffen. Besonders angesagt sind Kriegshelden. Vor allem eine Frau ragt dabei heraus.

Seit einigen Tagen ist die Ukraine offiziell im Wahlkampf, Wahlplakate zieren die Straßen des Landes, das sich seit Februar im Bürgerkrieg befindet. Ende August löste Präsident Petro Poroschenko das Parlament auf und ebnete damit den Weg zu Neuwahlen, die am 26. Oktober stattfinden sollen.

Die Vaterlandspartei von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko setzt bei der Jagd um Wählerstimmen auf eine Frau namens Nadja Sawtschenko. Das Absurde ist: Eine klassische Kandidatin ist sie gar nicht. In den Wahlkampf kann die 33-Jährige nämlich gar nicht direkt eingreifen. Sie sitzt seit einigen Wochen in Russland im Gefängnis.

Sawtschenko ist Berufssoldatin, bis Juni war sie jedoch auch als Hubschrauberpilotin für das "Aidar"-Freiwilligenbattaillon in der Ostukraine im Einsatz. Die Umstände ihrer Verhaftung sind umstritten. Von Seiten Kiews heißt es, sie habe während ihres Urlaubs aufseiten einer regierungstreuen Miliz gegen die Rebellen gekämpft.

"Du Stolz der Ukraine!"

Moskau wirft Sawtschenko vor, für einen Angriff verantwortlich zu sein, bei dem am 18. Juni in der Nähe von Lugansk zwei russische Journalisten gestorben seien. Von russischer Seite heißt es, Sawtschenko sei von prorussischen Separatisten festgenommen worden, als sie als Flüchtling getarnt versucht habe, nach Russland einzureisen. Die Rebellen lieferten sie im Juli an Russland aus. Seitdem befindet sie sich in Woronesch in Untersuchungshaft und steht vor dem russischen Kriegsgericht.

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In der Ukraine gilt Sawtschenko als Volksheldin.

(Foto: REUTERS)

In sozialen Netzwerken fordern viele Ukrainer die Freilassung Sawtschenkos und posten Bilder und Solidaritätsbekundungen. Seit Wochen laufen Initiativen wie "Rettet unser Mädchen" oder #SaveOurGirl. "Du Stolz der Ukraine! Mutige, mutige Kämpferin und wahre Verteidigerin des Vaterlandes", schwärmt ein Nutzer in der Twitter-Kampagne. Ihr Status wird durch Meldungen genährt, die über ihre Gefangenschaft kursieren. Im Verhör mit den prorussischen Separatisten soll sie gefragt worden sein, wer in der Ostukraine gegen die Rebellen kämpfe. Ihre Antwort: "Ich denke, die ganze Ukraine." Spätestens seitdem gilt sie in der Ukraine als Volksheldin.

Sawtschenko ist kein Einzelphänomen. Viele Militärs stehen weit oben auf den Wahllisten. Ihrer Wirkung in der Bevölkerung sind sich die ukrainischen Parteien bewusst. "Leider gibt es in den vergangenen Monaten einen gesteigerten Nationalismus. Jede Partei versucht, sich mit populären Kommandeuren und Kämpfern zu schmücken", sagt Stephan Meuser, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew. "Sawtschenko ist die berühmteste von allen. Sie wird als Heldin verehrt und eine weibliche Kampfpilotin ist ohnehin etwas Besonderes. Insofern ist das ein PR-Gag."

"Ein Coup von Timoschenko"

In der ukrainischen Politik versucht in diesen Tagen daher fast jeder die "Märtyrerin" für die eigenen Zwecke zu nutzen, die 2005 als einzige Frau an der ukrainischen Irak-Mission beteiligt war. "Millionen Ukrainer sind bei Ihnen, der ukrainischen Heldin", schrieb Parlamentspräsident Alexander Turtschinow in einem offenen Brief an die Gefangene. Das ukrainische Außenministerium kürte Sawtschenko zum "Symbol all jener Ukrainer, die Russland derzeit illegal festhält".

Wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete, lehnte das russische Gericht in dieser Woche einen Antrag auf Kaution ab. In den Gesprächen zwischen den Präsidenten Petro Poroschenko und Wladimir Putin soll Sawtschenko schon Thema gewesen sein. Im Gespräch ist ein Gefangenenaustausch, etwa gegen einen vermissten russischen Fotografen. Eine Freilassung wäre für Poroschenko und seine Partei ein Trumpf im Wahlkampf.

Für die Vaterlandspartei ist Sawtschenko dies jetzt schon. "Sie auf die Liste zu setzen, war ein Coup von Timoschenko", sagt Meuser. Ob die Pilotin überhaupt gefragt wurde, so etwas wie eine symbolische Spitzenkandidatin zu werden, ist dabei völlig unklar. Auch inwiefern sie nach der Wahl als Politikerin in Erscheinung treten wird, spielt in den 45 Tagen vor der Wahl eigentlich keine Rolle. "Die nominierten Kämpfer haben sich bisher meist nicht politisch engagiert", sagt Meuser. "Sie dienen erst einmal schlicht dazu, Aufmerksamkeit auf die Listen zu ziehen."

Quelle: ntv.de

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