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Angeblicher Gasangriff in Syrien Trump droht Russland und dem Iran

Bei einem angeblichen erneuten Giftgasangriff im syrischen Ost-Ghuta sollen Dutzende Menschen ums Leben gekommen sein. Donald Trump sieht eine Mitschuld des Iran und Russlands. Moskau warnt vor einem militärischen Eingreifen Washingtons.

Frauen, Männer und Kinder liegen in einer Wohnung auf dem Teppichboden, übereinander zusammengesunken, die Augen leer, teilweise Schaum vor dem Mund: Die Fotos und Videos, die die Weltöffentlichkeit aus dem syrischen Duma erreichen, sind nur schwer zu ertragen. Hilfsorganisationen werfen der syrischen Regierung vor, Chemiewaffen bei Angriffen auf die letzte Rebellenhochburg in Ost-Ghuta eingesetzt zu haben. Mehr als 150 Menschen sollen dabei getötet und mehr als 1000 verletzt worden sein.

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US-Präsident Donald Trump gab Russlands Präsidenten Wladimir Putin sowie dem Iran eine Mitverantwortung für den mutmaßlichen Chemiewaffen-Angriff. "Präsident Putin, Russland und Iran sind verantwortlich für die Rückendeckung des Tieres Assad", schrieb Trump mit Blick auf Syriens Präsidenten Baschar al-Assad auf Twitter. Es werde ein hoher Preis zu zahlen sein, kündigte Trump an, ohne Details zu nennen. "Öffnet das Gebiet sofort für humanitäre Hilfe und zur Begutachtung", schrieb er.

Das russische Militär und die syrische Führung sowie der Iran wiesen die Vorwürfe zurück. Es handele sich um "fabrizierte Anschuldigungen", sagte Generalmajor Juri Jewtuschenko der Agentur Interfax. Das russische Außenministerium bezeichnete die Vorwürfe als Provokationen, die lediglich für die Terroristen und die radikale Opposition von Vorteil seien, die nicht zu einer politischen Lösung bereit seien. Der Iran sprach von einer "Verschwörung" gegen Assad. Russland kündigte für Montag zudem eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats an.

In den USA wuchs allerdings der Druck auf Trump. Der republikanische Senator Lindsey Graham sprach von einem "entscheidenden Moment" in dessen Präsidentschaft. Trump könne nun die Entschlossenheit zeigen, die sein Vorgänger Barack Obama nie gezeigt habe, sagte Graham in der ABC-Sendung "This Week".

Russland warnte die USA davor, die Berichte über den Giftgasangriff als "Vorwand für einen Militäreinsatz" in Syrien zu nutzen. Eine Militärintervention "unter erfundenen Vorwänden" in einem Land, wo sich "auf Bitten der legitimen syrischen Regierung russische Soldaten aufhalten", wäre "inakzeptabel und könnte schwerste Konsequenzen haben", erklärte das russische Außenministerium.

Geruch von Chlor

Das Auswärtige Amt in Berlin äußerte sich nach den Berichten in großer Sorge. "Sollte sich das bewahrheiten, worauf im Moment vieles hindeutet, dann hat das Regime - fast auf den Tag genau ein Jahr nach Khan Sheikhoun - erneut international geächtete Waffen eingesetzt und Unschuldige auf grausame Art und Weise getötet. Dies verurteilen wir auf das Schärfste", teilte ein Sprecher mit. Die Angriffe richteten sich offensichtlich gezielt gegen diejenigen, die in Kellern und Bunkern Schutz und Zuflucht suchten, hieß es.

Auch Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian verurteilte die angeblichen Angriffe der syrischen Armee scharf. Er sei in "extremer Sorge", erklärte Le Drian. Der UN-Sicherheitsrat müsse schnellstmöglich zusammenkommen, um die Lage aufzuklären. Frankreich werde im Kampf gegen die Ausbreitung von Chemiewaffen "jede Verantwortung" wahrnehmen, hieß es. Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hatte im März mit "gezielten Schlägen" gedroht, falls im Syrien-Krieg ein tödlicher Einsatz von Chemiewaffen unwiderlegbar bewiesen sei. Sowohl Trump als auch Macron hatten den Einsatz von Giftgas in Syrien immer wieder als rote Linien bezeichnet.

Alles deute darauf hin, dass die syrische Regierung erneut Chemiewaffen eingesetzt habe, erklärte der Auswärtige Dienst der EU in Brüssel. Die EU forderte Russland und den Iran als Assad-Unterstützer auf, ihren Einfluss zu nutzen, weitere derartige Angriffe zu verhindern. Der Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sagte, dass alle Angriffe gegen unschuldige Menschen ein Verstoß gegen internationales Recht seien. Das britische Außenministerium teilte mit, dass der Angriff, wenn er sich die Berichte als korrekt herausstellten, "ein weitere Beweis für die Brutalität Assads gegen unschuldige Zivilisten" seien.

Die Hilfsorganisation UOSSM sprach angesichts des mutmaßlichen Giftgas-Einsatzes von einer der schlimmsten chemischen Attacken in der syrischen Geschichte. Retter hätten große Probleme, an die Opfer zu gelangen, sagte ein Sprecher. Es sei über den Geruch von Chlor berichtet worden, Retter glaubten jedoch an die Verwendung von Sarin-Gas, da der Stoff zu Boden sinke und viele Opfer in Kellern gefunden worden seien, wo sie Schutz vor den Angriffen gesucht hätten.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtete, dass die Giftgas-Vorwürfe dazu dienen sollten, den Vormarsch der syrischen Armee auf die Rebellenhochburg Duma zu stoppen. Dies werde jedoch nichts nützen, zitierte die Agentur eine nicht näher benannte "offizielle Quelle". Vor genau einem Jahr hatten die USA auf einen anderen Giftgas-Einsatz reagiert und einen Militärflughafen der syrischen Armee angegriffen.

Atemnot und Herzprobleme

In der Vergangenheit gab es zahlreiche Belege für den Einsatz chemischer Waffen in dem mittlerweile sieben Jahre andauernden Bürgerkrieg. Allein in 16 Fällen machte die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen die syrische Regierung eindeutig für Giftgasangriffe verantwortlich. Auch in Ost-Ghuta wurden bereits Chemiewaffen eingesetzt. Am 21. August 2013 starben mehr als 1400 Menschen durch das Nervengift Sarin.

Bereits zuvor hatten Syriens Führung und Russland Berichte über einen Giftgasangriff zurückgewiesen. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich. Die Syrisch-Amerikanische medizinische Gesellschaft berichtete, am Samstagabend seien kurz vor 20.00 Uhr Ortszeit Hunderte Menschen in medizinische Einrichtungen in Duma gebracht worden. Die Menschen zeigten Anzeichen, einem Nervengas ausgesetzt gewesen zu sein. Sie hätten unter Atemnot gelitten und Herzprobleme gehabt. Die Hilfsorganisation Weißhelme sagte, ein Hubschrauber habe zuvor eine Fassbombe mit Chemikalien abgeworfen.

Am Freitagabend waren die Kämpfe um die Stadt Duma, die von der islamistischen Rebellengruppe Dschaisch al-Islam ("Armee des Islams") kontrolliert wird, erneut eskaliert. Videos aus sozialen Netzwerken zeigten heftigen Beschuss und Luftangriffe. Die syrische Armee hatte in den vergangenen Wochen mit einem massiven Militäreinsatz den Großteil des Rebellengebietes von Ost-Ghuta zurückerobert. Das Gebiet, das an die Hauptstadt Damaskus grenzt, wurde jahrelang von Rebellen kontrolliert. In den vergangenen Wochen waren nach Angaben von Beobachtern mehr als 1600 Zivilisten in Ost-Ghuta getötet worden. Die UN schätzen, dass mehr als 130.000 vor den Kämpfen geflohen waren und das Gebiet verlassen hatten.

Quelle: n-tv.de, mli/mra/dpa/AFP

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