Politik

"Ich bitte Sie um Verzeihung" Brahimi kapituliert vor Syrien

32895C00BA322EAD.jpg8035753865003723603.jpg

Auf dem Posten des Syrien-Gesandten der Uno ist wenig zu gewinnen.

(Foto: AP)

Zwei Jahre lang hat sich der geduldige Algerier Lakhdar Brahimi bemüht, im Syrienkrieg zu vermitteln. Er war sich nicht zu schade, für die verfeindeten Konfliktparteien in Genf den Laufboten zu spielen. Nun gibt er desillusioniert auf.

Schon als Lakhdar Brahimi die Aufgabe vor zwei Jahren übernahm, galt sie als unlösbar. Gleichzeitig hieß es: Wenn einer überhaupt als Sondergesandter für den Syrienkrieg in Frage kommt, dann Brahimi. Zuvor war bereits Uno-Urgestein und Ex-Generalsekretär Kofi Annan daran gescheitert, in Syrien zu vermitteln. Damals stand der Krieg in der Levante noch am Anfang, die Zahl der Toten lag bei rund 20.000. Heute sind es wohl achtmal so viele, der Krieg ist ins vierte Jahr gegangen und die Konfliktparteien und ihre Finanziers im In- und Ausland sind so wenig an einem Dialog interessiert wie eh und je.

Das alles hat Lakhdar Brahimi, der geduldige Algerier mit jahrzehntelanger Diplomatieerfahrung, lange ausgehalten, aber jetzt will er nicht mehr. Nach einer Sitzung des Uno-Sicherheitsrates, als sein Rücktritt schon verkündet war, entschuldigte er sich beim syrischen Volk, dem er nicht so helfen konnte wie er es gerne getan hätte. "Ich bitte Sie um Verzeihung, dass wir Ihnen nicht so geholfen haben, wie es notwendig war und Sie es verdient haben", sagte der 80-Jährige. "Die Tragödie in Ihrem Land muss beendet werden. Sie haben bisher bemerkenswerte Leidensfähigkeit und Würde bewiesen. Wir wissen, dass die überwältigende Mehrheit Frieden und Stabilität will. Und natürlich auch ihre Rechte."

Laufbote in Genf

Für Frieden und die Rechte des syrischen Volkes hat sich Brahimi in den zwei Jahren seiner Amtszeit redlich bemüht. Doch wegen der verfahrenen Lage in Syrien kam sein Engagement kaum über Appelle und aussichtslose Gespräche hinaus. Bei der Friedenskonferenz in Montreux und Genf Anfang des Jahres kämpfte er um jede Minute, die die unerbittlich verfeindeten Vertreter des Assad-Regimes und der vom Westen als solche anerkannten Opposition auch nur in einem Raum verbrachten. Weil jenen schon dies eigentlich zu viel war, übernahm Brahimi die absurde Aufgabe, zwischen den Gruppen hin- und herzulaufen, um überhaupt so etwas wie eine Kommunikation zu erreichen.

Doch diese sogenannten Gespräche kamen auch mit Brahimi als Laufbote kaum weiter, als dass über die Art und Weise, wie verhandelt werden könnte, gestritten wurde. Inhaltlich war das Ergebnis gleich null, doch Brahimi blieb optimistisch und sagte: Immerhin haben sie miteinander geredet und waren gemeinsam in einem Raum, ohne sich an die Gurgel zu gehen.

Assad bombt die Städte aus

Seither ist wieder ein Vierteljahr vergangen, in dem sich auf den Schlachtfeldern Syriens wenig getan hat, außer dass weiter Tausende Rebellen, Soldaten und Zivilisten gestorben sind. Die Regierungstruppen konnten einige von Rebellen gehaltene Städte und Stadtviertel zurückerobern. Vor einigen Tagen mussten Rebellen in Homs nach über einem Jahr Belagerung durch die Armee einem für sie tragischen Deal zustimmen. Sie zogen aus der Stadt ab und gaben dafür, dass sie dabei nicht getötet wurden, gefangene Soldaten und Hisbollah-Kämpfer frei.

Im Juni will Präsident Baschar al-Assad sich erneut zum Präsidenten wählen lassen, als ob der Krieg gewonnen wäre. Dabei lässt das Regime jeden Tag Fassbomben auf syrische Städte abwerfen, gefüllt mit Metallteilen und nicht selten ätzenden Substanzen wie Chlor. Allein im April sollen mehr als 600 Fassbomben in der Region Aleppo abgeworfen worden sein. Ihre Kleinteile töten wahllos, verstümmeln und verletzen, während die gewaltige Sprengkraft ganze Wohnblöcke zum Einsturz bringt. Darunter werden die Bewohner zermalmt oder ersticken.

Der Flächenbrand ist längst da

Besonders im Nordosten Syriens und in den weiten Wüstengebieten in Richtung der irakischen Grenze machen sich unverändert Dschihadisten breit, die einen totalitär-islamischen Staat errichten wollen. Etliche weitere islamstische Kampfgruppen sind im Land unterwegs. Assad hat auch deshalb wieder an Boden gewonnen, weil die verschiedenen oppositionellen Kampfverbände sich untereinander beharken und die Rebellen von der Freien Syrischen Armee zuletzt immer schwächer geworden sind. Sie erhalten von ihren Unterstützern im Westen kaum mehr als ideelle Unterstützung - mal etwas Aufklärungstechnik, Nachtsichtgeräte oder Feldnahrung -, sind sie doch der militärische Arm der Syrischen Nationalen Koalition, die vom Westen offiziell als Opposition anerkannt wurde.

Die anderen Kampfparteien freilich haben wenig zimperliche Unterstützer. Iranische Söldner und die Hisbollah kämpfen an der Seite der Assad-Truppen und werden vom Iran bezahlt. Die sunnitischen Golfstaaten beziehungsweise reiche Privatleute von dort finanzieren sunnitisch-islamistische Gruppen und versorgen sie mit Waffen. Der instabile Irak ist sicheres Rückzugsgebiet für die Terroristen der Isis-Gruppe, die inzwischen in beiden Ländern ihr Unwesen treibt.

Im Jahr 2012, als Lakhdar Brahimi Syrien-Sondergesandter wurde, war noch davor gewarnt worden, dass aus dem Konflikt zwischen Aufständischen und syrischem Regime ein Bürgerkrieg und Flächenbrand erwachsen könnte. Dabei war auch damals kaum noch aufzuhalten, was inzwischen mindestens 150.000 Menschen das Leben gekostet hat. In wenigen Tagen will Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon einen Nachfolger für Brahimi nennen. Doch wer ist noch nicht so desillusioniert, dass er den undankbarsten Posten der Uno übernimmt? Solange die Lage in Syrien so verfahren ist, wie sie ist, und solange die Ukraine-Krise Europa, Russland und die USA voll in Anspruch nimmt, wird auch dieser Nachfolger auf verlorenem Posten stehen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema