Politik

"Sie wissen, dass das eine Lüge ist" Überraschung im iranischen Wahlkampf

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Hassan Ruhani galt bislang als wenig charismatisch - das Interview dürfte ihm Aufmerksamkeit verschafft haben.

(Foto: Screenshot / Youtube)

Im Iran wird ein neuer Präsident gewählt, die acht Kandidaten bekommen jeweils ein 45-minütiges Interview im staatlichen Fernsehen. Die meisten davon sind eher langweilig. Einer der Bewerber nutzt seinen Auftritt jedoch zu scharfer Kritik am Moderator, am Sender - und am Präsidenten.

Einer der Kandidaten für das Amt des iranischen Präsidenten, der ehemalige Atom-Chefunterhändler Hassan Ruhani, hat in einem Fernsehinterview ungewöhnlich scharfe Kritik am staatlichen TV-Sender und dem amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vorgebracht.

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"Sie wissen, dass das eine Lüge ist."

(Foto: Screenshot Youtube)

Als der Moderator sagte, das iranische Nuklearprogramm sei infolge von Ruhanis Verhandlungen in den Jahren 2003 bis 2005 unterbrochen worden, unterbrach dieser ihn: "Was Sie sagen ist eine Lüge. Sie wissen, dass das eine Lüge ist. ... So etwas sagen unwissende Menschen; Sie können das gut." Und er fügte hinzu: "Vielleicht weiß die Person das nicht, die Ihnen in den Ohrstecker spricht, aber Sie wissen das."

Die Zitate stammen von dem iranischen Blogger Arash Karami, der ausführlich über das Interview berichtet. Ruhanis Wahlkampfteam postete einen Ausschnitt aus dem 45-minütigen Gespräch bei Youtube. Darin wirkt Ruhani äußerlich ruhig. Karami schreibt, Ruhani habe seinen Vorwurf der Lüge mit einem Lächeln vorgebracht. Dennoch ist die Kritik für iranische Verhältnisse außergewöhnlich deutlich. Karami schreibt denn auch, das Interview habe eine "überraschende Wende" genommen.

Der Moderator fragte dennoch weiter, worauf Ruhani mit scharfer Kritik am Sender IRIB reagierte: "Wir sollen das Atomprogramm abgebrochen haben? Wir haben das Programm zu Ende geführt. Das ist unmoralisches Verhalten des IRIB, das Sie übernommen haben. Und die Person, die in Ihren Ohrstecker spricht, auch die hat dieses unmoralische Verhalten übernommen."

"Wissen Sie, was Gerechtigkeit ist?"

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Eine Druckerei in Teheran: Ein Arbeiter prüft ein Plakat von Ruhani.

(Foto: dpa)

An den Moderator gewandt sagte Ruhani schließlich: "Herr Abedini, sagen Sie dem Chef Ihrer Organisation, dass er jenen, die gelegentlich beleidigt wurden - und mitunter wurden einige beleidigt -, dass er jenen die Möglichkeit geben soll, sich zu verteidigen. Das wird nicht wehtun. Verschwenden Sie nicht das Kapital der Revolution." Der Sender IRIB ist nach Angaben des Bloggers Karami formal unabhängig, wird faktisch jedoch von Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei kontrolliert.

Auf Twitter erläuterte Ruhani, dass mit den Beleidigungen Ahmadinedschads Angriffe auf die Opposition im Wahlkampf 2009 gemeint waren. In dem Interview sagte er: "Wissen Sie, was Gerechtigkeit ist, Herr Abedini? Das bedeutet, wenn ein Vertreter des Iran ein Flugzeug besteigt, um in ein anderes Land zu fliegen, dann füllt er dieses Flugzeug nicht mit seiner Frau, seinen Kindern und Reportern. Er sollte Unternehmer mitnehmen." Als Ahmadinedschad zur Generalversammlung der Vereinten Nationen nach New York gereist war, hatte er zahlreiche Angehörige mitgenommen.

Wächterrat schloss Hunderte Bewerber aus

Das Interview fand im Rahmen einer Serie statt, bei der alle Kandidaten zu Wort kommen. Ruhani gilt, so die "New York Times", als moderater Kandidat, der dem Lager der Reformer nahesteht. Er wird von Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani unterstützt, der selbst keine Zulassung zum Wahlkampf erhalten hat. Rafsandschani fiel bei Chamenei in Ungnade, weil er die Demonstrationen gegen die mutmaßliche Fälschung der Wahl 2009 legitim genannt hatte.

Im Iran wird am 14. Juni ein neuer Präsident gewählt, Amtsinhaber Ahmadinedschad darf nach zwei Legislaturperioden nicht mehr antreten. Insgesamt wurden vom konservativen Wächterrat von den 686 Bewerbern nur 8 Kandidaten zugelassen - alle gelten entweder als loyale Anhänger Chameneis oder als schwach. Neben Ruhani tritt nur ein weiterer Reformpolitiker an, der frühere Vizepräsident Mohammed Resa Alef. Als einer der Favoriten gilt der radikale Präsidentschaftskandidat Said Dschalili, weil er Stimmen sowohl aus dem Chamenei-Lager wie auch von Ahmadinedschad-Anhängern bekommen könnte.

Unter den nicht zugelassenen Bewerbern sind auch mehrere Anhänger des amtierenden Präsidenten Ahmadinedschad. In einem Machtkampf mit Chamenei hatte Ahmadinedschad nach seiner umstrittenen Wiederwahl vor vier Jahren den Kürzeren gezogen.

Quelle: n-tv.de, hvo