Politik
Sonntag, 27. November 2011

Rekord-Verzögerung: Vier Bauern stoppen elf Castoren

Der Castor-Transport hat den Rekord vom vergangenen Jahr bereits geknackt. Das liegt vor allem an Aktivisten, die sich im Gleisbett an "die dritte Generation von Betonpyramiden" anketten. Abseits solcher Blockaden kommt es zwischen Polizei und Demonstranten vereinzelt zu gewalttägigen Auseinandersetzungen.

Es ist wie immer - fast: Wie üblich ist die Schlussetappe die langsamste und schwierigste beim Transport von hoch radioaktivem Müll in mehreren Castor-Behältern ins Zwischenlager Gorleben. Eines ist neu: Es ist der bisher langsamste Castor-Transport.

Rettungskräfte versuchen, die drei Männer und eine Frau aus dem Gleisbett zu befreien.
Rettungskräfte versuchen, die drei Männer und eine Frau aus dem Gleisbett zu befreien.(Foto: dapd)

Bereits im vergangenen Jahr war mit 92 Stunden ein Rekord aufgestellt worden. Dieser wurde am Sonntag überboten. Am Mittwochnachmittag hatte der Zug mit elf Castoren im französischen La Hague seine Fahrt begonnen - bis Sonntagabend waren mehr als 98 Stunden vergangen. Wann die elf Behälter Gorleben erreichen, ist völlig offen. Selbst der dortige Verladebahnhof ist nur eine Zwischenstation: Hier werden die Castor-Behälter auf Schwerlaster umgeladen und die letzten 20 Kilometer auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben transportiert.

Rund 10 Kilometer vor Dannenberg in der Nähe von Hitzacker blockierten von Sonntagmorgen bis in den Abend drei Bauern und eine Bäuerin der Bäuerlichen Notgemeinschaft die Schienenstrecke. Sie haben sich in einer rund 600 Kilogramm schweren Betonpyramide angekettet und fordern von Bundesumweltminister Norbert Röttgen einen sofortigen Baustopp im Gorlebener Salzstock sowie einen Stopp aller Castor-Transporte.

"Das ist kein Spaß mehr"

Die Konstruktion aus Beton und Eisen ist bereits "die dritte Generation von Betonpyramiden", sagt Herbert Waltke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. "Wir haben seit dem letzten Castor-Transport getüftelt."

"Das ist kein Spaß mehr", sagte ein Polizeisprecher. Auf dem Arm der 23-jährigen Frau laste inzwischen schwerer Druck. Zudem habe sich das Schotterbett der Gleise unter der Pyramide bereits abgesenkt. Wenige Meter hinter der Pyramide setzten sich einige hundert Menschen auf die Gleise.

Sturm könnte weitere Verzögerung bringen

Dazu kam eine Warnung vor Sturmböen bis in die Abendstunden, die das notwendige Umladen der Castor-Behälter auf Lastwagen zunächst unmöglich machen könnte. An der Verladestation in Dannenberg müssen die Castoren auf Speziallastwagen gehoben werden, um die letzte Strecke ins Zwischenlager Gorleben auf der Straße zurückzulegen. Dies ist nur bis Windstärke sechs möglich.

Heftige Proteste und Gleisblockaden ließen den Zug den ganzen Sonntag über nur stockend vorankommen. Die Polizisten waren seit Samstagabend praktisch nonstop im Einsatz, um tausende Demonstranten von den Schienen abzudrängen.

Polizisten werden mit Steinen attackiert

Unterdessen war die Lage auch an vielen anderen Stellen am Rande der Schienenstrecke äußerst unübersichtlich. Immer wieder gab es in den Waldstücken spontane Blockaden. Zudem griffen kleine Gruppen gewaltbereiter Castor-Gegner die Einsatzkräfte mit Steinen und Böllern an. Auch Journalisten wurden nicht verschont. Dennoch will die Polizei nicht von Chaos sprechen: "Der größte Teil der Demonstranten ist friedlich."

Die Blockierer fühlen sich bereits als Sieger.
Die Blockierer fühlen sich bereits als Sieger.(Foto: dpa)

In der Nacht zu Sonntag hatte es in Hitzacker Gleisblockaden gegeben. Ungefähr 3500 Menschen hätten sich auf die Strecke gesetzt, sagte Polizeisprecher Holger Jureczko. Einige hätten die Strecke bei Harlingen geschottert, also mit bloßen Händen Steine aus dem Gleisbett gegraben. Dabei hätten sie die Gleise auf 30 Metern um ungefähr 20 Zentimeter angehoben. "Das ist eindeutig ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr und so nicht hinzunehmen." Die Polizei hat die Gleisblockade inzwischen wieder geräumt. Rund 1000 Personen wurden von der Polizei vom Gleis getragen. Sie befinden sich seither in einer Gefangenensammelstelle unter freiem Himmel. Die Demonstranten kündigten wie im Vorjahr Klagen gegen den Einsatz an.

Grüne kritisieren Polizei

Das Eingreifen gegen Demonstranten mit Wasserwerfern und Schlagstöcken löste erneut einen Streit über die Polizei-Strategie aus. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth kritisierte: "Der Polizeieinsatz ist absolut überzogen. Er ist ein Anschlag auf die Demokratie." Roth und andere Delegierte wollten nach Abschluss des Grünen-Bundesparteitags in Kiel selber nach Gorleben fahren.

Offene Endlagersuche - im Wendland ist man skeptisch.
Offene Endlagersuche - im Wendland ist man skeptisch.(Foto: dpa)

Die Gewerkschaft der Polizei wies die Vorwürfe zurück. Der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut erklärte, die Polizisten hätten die Verhältnismäßigkeit gewahrt und sich um Deeskalation bemüht. "Sie haben allerdings die Aufgabe, den rechtmäßigen Transport der Behälter in das Zwischenlager sicherzustellen." Dazu dürften die Polizisten auch körperliche Gewalt einsetzen.

Der Castor-Zug hatte am Sonntagnachmittag seine Fahrt Richtung Dannenberg nach einem kurzen Stopp in Lüneburg fortgesetzt. Zuvor hatte er 18 Stunden in Maschen bei Hamburg gestanden.

Auch auf der letzten, 20 Kilometer langen Etappe auf der Straße bis zum Zwischenlager wurde mit Protestaktionen der Atomkraftgegner gerechnet. Bereits am Nachmittag hatten die ersten hundert Demonstranten die Straße am Ortseingang Gorleben blockiert.

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Quelle: n-tv.de