Unruhen nach MordversuchWarum gerade in Belfast die Gewalt eskaliert

Das Video eines brutalen Angriffs auf einen Mann in Belfast lässt die Lage in der nordirischen Stadt eskalieren. Ein rassistischer Mob macht Jagd auf Ausländer, die Politik agiert hilflos. Das hat eine Vorgeschichte.
Die Gewalt im nordirischen Belfast hält an. Nach den rassistischen Ausschreitungen am Dienstagabend, bei denen Fahrzeuge und Wohnungen in Brand gesteckt wurden, errichteten vermummte Randalierer auch am Mittwochabend Barrikaden und zündeten Fahrzeuge an. Sie bewarfen die Polizei mit Steinen und Molotow-Cocktails, die wiederum mit dem Einsatz von Wasserwerfern reagierte. Mehrere Beamte wurden verletzt, es gab 16 Festnahmen.
Angesichts der gezielten Jagd auf Menschen mit Migrationshintergrund sprach der britische Nordirland-Minister Hilary Benn beim Sender Sky News von einem "rassistischen Schlägertum". Aus dem Büro des Premierministers Keir Starmer hieß es: "Es steht außer Frage, dass die Szenen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, rassistisch sind."
Auslöser der Ausschreitungen ist der brutale Angriff auf einen Mann in Belfast, der lebensgefährlich verletzt wurde, dessen Zustand inzwischen aber stabil ist. Ein 30-jähriger sudanesischer Migrant, Hadi A., hatte mehrmals mit einem Messer auf den Mann eingestochen, auch als dieser bereits schwer verletzt am Boden lag. Videos der Tat wurden im Internet veröffentlicht und sorgten für einen landesweiten Aufschrei. Der 30-jährige Täter wurde festgenommen und einem Haftrichter vorgeführt. Sein Opfer hat bei dem Angriff sein linkes Auge verloren.
Die Grenze zu Nordirland ist offen
Doch warum sind die Proteste in Belfast so schnell und massiv eskaliert? Und warum fanden die Ausschreitungen vor allem in Vierteln von Unionisten statt? Auch wenn das keineswegs die rassistischen Ausschreitungen entschuldigt, lohnt ein Blick auf die komplexe Gemengelage.
Für Unverständnis sorgt etwa, dass Hadi A. überhaupt nach Nordirland kam. Er war 2023 von Frankreich nach Irland und von dort mit dem Bus nach Nordirland gereist, das zum Vereinigten Königreich gehört, nicht aber zur Europäischen Union. Er beantragte Asyl und erhielt ein für zunächst fünf Jahre geltendes Aufenthaltsrecht. Die Grenze zwischen Irland und Nordirland ist die einzige Landgrenze der EU zum Vereinigten Königreich. Sie ist offen, es gibt keine Grenzkontrollen. Das liegt am Nordirlandkonflikt, der 1998 mit dem Karfreitagsabkommen beendet wurde. Um ein neues Aufflammen des jahrzehntelangen Konflikts zu vermeiden, wurde im Zuge des britischen Austritts aus der EU der Verzicht auf eine "harte" Grenze zwischen den beiden Teilen der irischen Insel vereinbart.
Damit können auch Asylbewerber problemlos nach Großbritannien einreisen, sofern sie vorher nach Irland gelangen. Laut einem Bericht des britischen "Telegraph" nutzen Schleuser die "weiche" Grenze aus, um Migranten nach Großbritannien zu bringen. Sie werden demnach von Banden erst mit gefälschten Papieren nach Irland gebracht und reisen von dort nach Nordirland oder Großbritannien. Belastbare Zahlen, wie viele Migranten diesen Weg nutzen, gibt es aber nicht.
Zwar gibt es in Nordirland Kontrollen des britischen Innenministeriums, um illegale Migration über diese Route zu verhindern, doch diese dürften bei Weitem nicht ausreichen. Nach den Krawallen hat London laut einem Bericht der BBC zumindest angekündigt, die Kontrollen auszuweiten. Unklar ist bisher, wie Hadi A. als Asylbewerber nach Irland reisen konnte und ob er dafür gefälschte Papiere benutzte. Und warum er, nachdem er nach Nordirland kam, einen Aufenthaltsstatus erhielt.
Preise für Wohnungen steigen
Kemi Badenoch, Chefin der Konservativen Partei in Großbritannien, bedauerte gegenüber dem Sender Sky News, dass A. 2023 unter einer konservativen Regierung Asyl gewährt wurde, offenbar im Rahmen eines Schnellverfahrens. Gleichzeitig zeigte sie mit dem Finger auf die ehemaligen Konservativen Suella Braverman und Robert Jenrick, die zur Partei Reform UK von Nigel Farrage gewechselt sind. Beide waren damals für das Thema Migration verantwortlich.
Ohnehin wird die nordirische Migrationspolitik nicht in Belfast gemacht, sondern ausschließlich in London. Das geht von der Grenzsicherung über die Visa-Vergabe bis zu Regeln für den Handel. Auch Verstöße gegen das Einwanderungsrecht werden nicht von der nordirischen Polizei verfolgt, sondern vom britischen Innenministerium. "Nordirische Politiker sind im Grunde genommen nur Zuschauer bei der großen politischen Frage unserer Zeit", schreibt der Journalist Newton Emerson in der "Irish Times".
Haben Migranten einen Flüchtlings- oder Aufenthaltsstatus erhalten, stehen ihnen dieselben Sozialleistungen und -wohnungen wie Briten zu. Das verschärft die Wohnungsnot. Zumal die britische Regierung seit 2024 versucht, Asylbewerber nicht mehr in Hotels, sondern in Wohnungen und Mehrfamilienhäusern unterzubringen. Wegen der größeren finanziellen Mittel des Staates haben Einheimische dabei mitunter das Nachsehen.
Hinzu kommt: Viele Migranten ziehen in wirtschaftlich schwache Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit. Zudem finden sie eher Wohnungen in Gebieten, in denen überwiegend Unionisten, also pro-britische Protestanten leben. Denn deren Anteil ist im ursprünglich protestantisch geprägten Nordirland wegen der niedrigeren Geburtenrate und Wegzugs stetig zurückgegangen - seit 2021 stellen Katholiken die größte Gruppe in Nordirland. "In unionistischen und nationalistischen Gebieten haben die Menschen Schwierigkeiten, eine Wohnung zu mieten oder ein Haus zu kaufen, wobei dies zunehmend der Einwanderung angelastet wird", schreibt Journalist Emerson.
Angefeuert von rechtsextremen Aktivisten
Die Abwehrhaltung gegen die migrantischen Zuwanderer hat auch mit den Folgen des brutal geführten Bürgerkriegs zu tun, der sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. In einem Gebiet, in dem jahrzehntelang die Zugehörigkeit zu protestantischen Unionisten oder katholischen Republikanern die Identität entscheidend geprägt hat, fühlen sich viele Menschen nun erneut herausgefordert - und von der Politik im Stich gelassen.
Das entschuldigt keineswegs die rassistischen Ausschreitungen der vergangenen Tage, die vor allem in unionistisch geprägten Vierteln stattfanden. Es erklärt aber, warum es gerade in Belfast und Nordirland immer wieder zu solchen Gewaltausbrüchen kommt. Bereits im Juni 2025 kam es in ganz Nordirland zu Unruhen. Zuvor waren zwei rumänische Teenager wegen der Vergewaltigung einer Schülerin angeklagt worden - die Vorwürfe wurden später fallengelassen.
Die jüngsten Ausschreitungen werden auch angefeuert von rechtsextremen Aktivisten in sozialen Netzwerken. Der bekannte Rechtsextremist Tommy Robinson rief etwa zu landesweiten Demonstrationen auf. Milliardär Elon Musk teilte entsprechende Posts. Auf seiner Plattform X forderte er dazu auf, "wiederholt und laut" auf die Straße zu gehen.
Für den Chef der Londoner Polizei, Mark Rowley, sind die Diskussionen in den Netzwerken "definitiv ein Faktor" bei den Unruhen. Mit Verweis auf die Unruhen in Southport sagt er Sky News, es gebe "Hinweise darauf, dass Bot-Farmen im Ausland daran beteiligt waren … und hier Stimmungen schürten, denn das ist wirklich gefährlich". Konkret nennt er Russland und Iran. Ob das nun in Belfast genauso ist, ist unklar.