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Feinde an allen Fronten Was den IS am Leben hält

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IS-Anhänger in Rakka nach der Ausrufung des "Kalifats" Ende Juni 2014.

(Foto: REUTERS)

Die Dschihadisten stehen von allen Seiten unter Feuer. Mehr als ein Dutzend Nationen kämpft aktiv gegen den "Islamischen Staat". Dennoch kontrollieren die Terroristen noch immer weite Landstriche. Wieso können sich die Islamisten halten?

Der Feldzug der Fanatiker erscheint aussichtslos: Seit mehr als einem Jahr fliegt die von den USA geführte Militärallianz Luftschläge gegen IS-Stellungen in Syrien und dem Nordirak. Seit Anfang Oktober greifen russische Kampfflugzeuge an der Seite des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad aktiv in das Kriegsgeschehen ein.

Mit den Anschlägen von Paris provoziert der IS mächtige Gegenschläge aus Frankreich. Dabei steht die Terrororganisation "Islamische Staat" (IS) am Boden bereits an beinahe allen Fronten unter Druck: Im Westen etwa kämpfen die Dschihadisten nicht nur gegen die reguläre Syrische Armee unter Präsident Assad, sondern auch gegen Rebellen, die auf einen Sturz des Regimes hinarbeiten.

Gegen Kurden, Rebellen und Schiiten

Im Norden und Osten halten kurdische Peschmerga-Kämpfer - auch mit Waffen aus Deutschland - die IS-Milizen in Schach. Nach und nach trotzen sie den Islamisten mühsam errungene Geländegewinne wieder ab. Zuletzt gelang den Kurden mit der "Befreiung" des Sindschar-Gebirges nahe der irakisch-syrischen Grenze ein wichtiger Etappensieg. Mit der Rückeroberung der strategisch bedeutsamen Region droht dem von den IS-Anhängern kontrollierten Territorium die Spaltung: Entlang des Gebirges verlaufen wichtige Verbindungsstraßen zwischen den beiden IS-Hochburgen Rakka im Westen und Mosul im Osten.

Im Südosten, auf irakischem Boden, rücken schiitische Stammeskämpfer - unterstützt von iranischen Militärberatern - an der Seite der irakischen Armee gegen den IS vor. Zuletzt tobten die Schlachten um Ramadi am Euphrat und das weiter nördlich am Tigris gelegene Baidschi. Hier ringen Schiiten-Kämpfer mit den IS-Anhängern nicht nur um den Besitz der einst größten Ölraffinerie des Iraks, sondern auch um die Hauptverkehrsader zwischen der IS-Stadt Mosul im Norden und der irakischen Hauptstadt Bagdad im Süden.

Tod aus der Luft

Doch die militärischen Erfolge sind trügerisch. Im Kern hat sich die Lage des IS kaum verändert. Vereinzelte Geländegewinne am Boden können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die IS-Milizen noch immer weiter Landstriche fest in Händen halten. Zwar stellt die Lufthoheit von US-Amerikanern, Russen und ihren Verbündeten für die Führungsstrukturen des IS tatsächlich eine reale Bedrohung dar, wie nicht zuletzt der Drohnenschlag gegen den berüchtigten IS-Kämpfer Mohammed Emwazi alias "Jihadi John" belegt. Dennoch können die Dschihadisten ihre Territorien verteidigen und dort sogar so etwas ähnliches wie staatliche Strukturen aufbauen, inklusive Verwaltung und lukrativer Ölindustrie.

Eine einleuchtende Erklärung für die Widerstandskraft des IS hält Islamexperte Olivier Roy bereit. "Die wichtigsten Akteure der Region schätzen andere Gegner als den IS für wichtiger ein", schreibt Roy in einer Analyse für die "New York Times". Assads Hauptgegner sind demnach nicht die IS-Milizen, sondern die Rebellen. Weil Russland in erster Linie Assad stütze, fielen russische Bomben vorwiegend im Westen des Landes - dort, wo das Regime akut bedroht ist.

Der IS nutzt Einzelinteressen

Eine weitere wichtige Regionalmacht falle ebenfalls weitgehend aus, schreibt Roy: Die türkische Regierung fürchte die kurdischen Separationsbestrebungen stärker als die Islamisten. Die Kurden dagegen zögerten, den IS niederzuwerfen, weil sie damit die Position Bagdads stärken und ihre eigene Autonomie untergraben könnten.

Saudi-Arabien wiederum können einen "Islamischen Staat" gar nicht als Hauptgegner wahrnehmen, sagt Roy, weil die Vordenker des IS einen sunnitischen Radikalismus propagiere, den Riad seit jeher unterstütze. Die größere Bedrohung sehen die Saudis demnach im Iran. Doch auch für die Iraner habe eine Niederschlagung des IS keine oberste Priorität. "Schon die bloße Existenz des IS verhindert ein Wiedererstarken jener Arabisch-Sunnitischen Koalition", schreibt Roy, die Teheran während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er-Jahren so viel Probleme bereitet habe.

Frankreich isoliert

Selbst die USA schrecken davor zurück, Truppen am Boden in den Einsatz gegen die Islamisten zu schicken. Damit bleibt in der Region keine Militärmacht übrig, die bereit ist, im Kampf gegen den IS über eine "Eindämmung" oder Distanzschläge aus der Luft hinauszugehen. Frankreich, so heißt es in Roys Analyse, stehe daher mit seiner Kriegserklärung und der festen Absicht, den IS als Bedrohung für Frieden und Sicherheit zu zerstören, weitgehend alleine da.

In der bedrohlich-stabilen Lage zwischen allen Fronten und Machtblöcken scheint sich die Führungsspitze des IS gut eingerichtet zu haben. "Ihr habt von uns noch gar nichts gesehen", soll IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani zu Jahresbeginn den westlichen Staaten gedroht haben. "Die Befürchtung ist", so heißt es in einer Analyse des "Economist", dass die Terroriganisation "umso mehr Attentäter ins Ausland entsendet, je stärker sie in Syrien und dem Nordirak unter Druck gerät."

Damit könnte auch Europa erneut zum Ziel von Anschlägen werden - "in den kommenden Tagen, in den kommenden Wochen", wie Frankreichs Premierminister Manuel Valls bereits befürchtete. "Wir werden noch lange mit dieser Bedrohung leben."

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Quelle: n-tv.de

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